Sozialverbände schlagen Alarm Altersarmut: Immer mehr Rentner stehen bei Tafeln für Essen an

Von Dirk Fisser und Uwe Westdörp



Osnabrück. Immer mehr Rentner stehen bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel an. Das sei ein deutlich sichtbares Zeichen dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch sei, beklagt der Sozialverband VdK Deutschland und fordert grundlegende Korrekturen.

Nach Angaben des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland hat sich die Zahl der bedürftigen Senioren binnen zehn Jahren verdoppelt. Der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl sagte unserer Redaktion: „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen.“ 2007 seien noch gut 12 Prozent der Bedürftigen Senioren gewesen. Nach Angaben des Dachverbandes gibt es hierzulande mehr als 900 Tafeln, die regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. 60.000 Helfer engagieren sich ehrenamtlich.

Brühl appellierte an die Politik, Armut ernsthaft zu bekämpfen. „Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen. Das lehne ich zunehmend ab.“ Gerne könnten die Volksvertreter außerhalb des Wahlkampfs vorbeischauen und helfen, „aber für schöne Bilder halten wir nicht her“. Er forderte von der Politik: „Macht endlich mal was und redet nicht nur.“ Armut sei der Nährboden für das Gefühl abgehängt zu sein „und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus“.

Ein Armutszeugnis

Dass es die Tafel überhaupt geben muss, ist nach den Worten von VdK-Präsidentin Ulrike Mascher ein Armutszeugnis für Deutschland. „Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist“, sagte Mascher unserer Redaktion. (Weiterlesen: OECD-Studie: Geringverdienern droht Altersarmut)

Insbesondere Erwerbsminderungsrentner leben nach den Worten von Mascher wegen der hohen Abschläge, die sie auf ihre Renten hinnehmen müssen, oft an der Armutsgrenze. Außerdem seien viele Frauen von Altersarmut betroffen. Und: „Für immer mehr Rentner werden auch hohe Mieten ein immer größeres Problem. Wir brauchen eine Kehrtwende in der Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau muss oberste Priorität haben“, sagte die VdK-Präsidentin.

Mascher drängte zudem darauf, das Rentenniveau auf 50 Prozent anzuheben und Kürzungsfaktoren in der Rentenformel abzuschaffen, „damit die Renten wieder parallel zu den Löhnen steigen“. Außerdem verlangte die VdK-Präsidentin erneut eine Abschaffung der Abschläge für Erwerbsminderungsrentner. Und sie plädierte für einen Freibetrag von monatlich 200 Euro in der Grundsicherung, „damit Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung, wie etwa die Mütterrente, nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden“.

Armutsgefährdungsquote gestiegen

Am Jahresende 2016 bezogen dem Sozialverband zufolge 522.492 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ende 2006 hatte diese Zahl laut VdK noch bei rund 371.000 gelegen. Rechnet man auch noch diejenigen hinzu, die als Erwerbsgeminderte auf Grundsicherung angewiesen sind, liegt die Zahl der betroffenen Volljährigen demnach bei über einer Million.

Die Deutsche Rentenversicherung nennt eine andere Zahl. Sie teilte auf Anfrage mit: „Von den Beziehern einer Altersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhielten nach Erreichen der regulären Altersgrenze (2016: 65 Jahre und 5 Monate) 404.836 Personen zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter.“ Insgesamt wurden demnach 15.741.615 Altersrenten an Personen gezahlt, die die reguläre Altersgrenze bereits erreicht hatten. Die 404.836 Personen, die zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter erhielten, entsprachen rund 2,6 Prozent.

Aktuell, so ein Sprecher der Rentenversicherung weiter, „stehen die meisten Rentner im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen relativ gut dar. Mehr als 97 Prozent der Rentner verfügen über mindestens so viel Einkommen, dass sie keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen.“ Wichtig sei, genau hinzusehen bei den Menschen, bei denen das Risiko von Armut im Alter besonders hoch sei: Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener. Bei diesen Personenkreisen sei das Armutsrisiko im Alter deutlich höher als bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Die Armutsgefährdungsquote bei den Rentnern und Rentnerinnen sei innerhalb von 10 Jahren von 10,7 auf 15,9 Prozent gestiegen, teilte der Sozialverband VdK mit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind hierzulande insgesamt 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Statistiker verwenden dabei einen weiten Armutsbegriff. Als gefährdet gelten danach alle Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, wobei die Armutsschwelle bei 1064 Euro für Alleinstehende liegt und bei 2234 Euro monatlich für eine vierköpfige Familie.

Weiterlesen: Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland, im Interview


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