Tafelchef im Interview „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner“

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Eine Mitarbeiterin der Berliner Tafeln verteilt in Berlin Obst an Bedürftige. Foto: dpaEine Mitarbeiterin der Berliner Tafeln verteilt in Berlin Obst an Bedürftige. Foto: dpa

Berlin. Immer mehr Rentner stehen bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel an. Nach Angaben des Dachverbandes hat sich die Zahl der bedürftigen Senioren binnen zehn Jahren verdoppelt.

Im Interview mit unserer Redaktion sagte Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland: „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen.“ 2007 seien noch gut 12 Prozent der bedürftigen Senioren gewesen.

Brühl appellierte an die Politik, Armut ernsthaft zu bekämpfen. „Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen. Das lehne ich zunehmend ab.“ Gerne könnten die Volksvertreter außerhalb des Wahlkampfs vorbeischauen und helfen, „aber für schöne Bilder halten wir nicht her.“ Er forderte von der Politik: „Macht endlich mal was und redet nicht nur.“

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Herr Brühl, die Tafeln feiern im kommenden Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Was hat sich in dieser Zeit in der Tafelarbeit geändert?

Ein Aspekt ist sicherlich die Kundenstruktur. Zu Beginn haben wir schwerpunktmäßig Obdachlose unterstützt, dann kamen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, in jüngerer Zeit kommen viele Alleinerziehende und zuletzt suchten immer mehr Flüchtlinge Hilfe bei den Tafeln. Um 18 Prozent sind 2015 unsere Kundenzahlen im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise nach oben geschnellt. Mittlerweile ist es so: Viele Flüchtlinge sind Helfer bei den Tafeln. Entweder als Ehrenamtliche oder im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Tafeln sind ein Seismograf der Gesellschaft und merken schnell, wenn es irgendwo in der Gesellschaft klemmt.

Welchen aktuellen Trend beobachten Sie?

Die Zahl der Rentner, die Tafeln aufsuchen, steigt. Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen. Im Jahr 2007 betrug der Prozentsatz der Rentner bei den Tafeln knapp 12 Prozent. Heute sind etwa 23 Prozent der Tafel-Kunden Rentner mit ganz unterschiedlichen Biografien. Mir im Gedächtnis ist eine 75-jährige Witwe aus Süddeutschland, die vier Kinder groß gezogen hat, jetzt von kleiner Rente lebt, die sie mit vier Putzjobs aufbessert. Da hat es Überzeugungsarbeit gebraucht, dass sie zur örtlichen Tafel geht. Ihren Kindern will sie nicht zur Last fallen. Das ist eine der alltäglichen Geschichten.

Wie passt das mit den guten wirtschaftlichen Rahmendaten zusammen?

Zu uns kommen erwerbstätige Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Sinkende Arbeitslosenzahlen bedeuten nicht gleichzeitig eine Abnahme der Armut. Arbeit schützt heutzutage nicht vor Armut. Und als logische Konsequenz daraus reicht es dann auch nicht, sein Leben lang gearbeitet und in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt zu haben.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. Foto: dpa

Wo müsste die Politik anpacken?

Zunächst einmal müsste die Politik das Thema überhaupt ernsthaft angehen. Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen. Das lehne ich zunehmend ab: Gerne außerhalb des Wahlkampfs vorbeischauen und helfen, aber für schöne Bilder halten wir nicht her. Ich sage: Macht endlich mal was und redet nicht nur! Das Problem ist dabei sicherlich, dass arme Menschen keine Lobby haben. Und wer arm ist, der hat auch keine Zeit für seine Anliegen zu demonstrieren. Der muss arbeiten, um über die Runden zu kommen. Wir versuchen Betroffene nicht nur mit Lebensmitteln zu unterstützen, sondern ihnen auch eine Stimme zu geben, damit sie gehört werden. Armut ist der Nährboden für das Gefühl abgehängt zu sein, eh keine Chance zu haben und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus.

Nun steht Weihnachten vor der Tür...

Weihnachten ist für Menschen in Armut, für einsame Menschen die schlimmste Zeit. An Weihnachten aber auch in der Adventszeit schlägt nicht nur die materielle Komponente der Armut durch, sondern auch der soziale Aspekt. Was bringt es, ohne Geld auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, wenn sie sich dort keinen Glühwein oder Kakao leisten können? Dann bleiben sie eben zu Hause. Gleiches gilt für die Kinder. Wo alle feiern, wo alle über große Geschenke reden, merkt man deutlich, wie abgehängt manche Menschen sind. Deshalb haben viele Tafeln besondere Weihnachtsaktionen ins Leben gerufen und brauchen dabei die Unterstützung der Öffentlichkeit.


Nach Verbandsangaben versorgen mehr als 900 Tafeln in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln. Etwa 60.000 Helfer engagieren sich ehrenamtlich. Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet. Über 2000 Fahrzeuge sind mittlerweile im Einsatz, um Lebensmittel etwa bei Supermärkten einzusammeln, die ansonsten vermutlich weggeworfen worden wären. df

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