Keine Aufnahme muslimischer Flüchtlinge Die unsichtbaren Einwanderer: Ukrainer sind in Polen willkommen

Von Jörg Winterbauer

Schneller Aufstieg: Als der ukrainische PR-Manager Dmytro Pidhorny nach Warschau kam, musste er auf dem Bau malochen. Jetzt ist er Geschäftsführer eines Bauunternehmens. Anlaufpunkt für viele ist der Warschauer Busbahnhof. Fotos: Paul HenschelSchneller Aufstieg: Als der ukrainische PR-Manager Dmytro Pidhorny nach Warschau kam, musste er auf dem Bau malochen. Jetzt ist er Geschäftsführer eines Bauunternehmens. Anlaufpunkt für viele ist der Warschauer Busbahnhof. Fotos: Paul Henschel

Warschau. Rund eine Million Ukrainer sind in den vergangenen vier Jahren nach Polen gekommen, um dort Arbeit zu finden. Angesichts demografischer Probleme begrüßt die rechtskonservative PiS-Regierung die „genügsamen“ Migranten, die sich ihrer Ansicht nach problemlos integrieren.

Busbahnhof West in Warschau: Jeden Tag kommen hier Hunderte Menschen aus der Ukraine an. Ein Bus aus Kiew fährt vor. Langsam steigen 50 müde Gestalten aus. Sie haben die ganze Nacht und einen halben Tag auf ihrem engen Sitz verbracht, mit Träumen, Hoffnungen oder Sorgen. Viele von ihnen müssen ihr Land verlassen, weil ihr Gehalt nicht mehr zum Leben reicht. Nun suchen sie in Polen nach einer besseren Existenz. (Lesen Sie dazu auch: Pendler aus Tschechien sind in Bayern heute willkommen)

Der Übergang von der einen in die andere Welt wird ihnen leicht gemacht: Der Westbahnhof ist wie eine ukrainische Exklave mitten in Warschau. Überall wird Russisch oder Ukrainisch gesprochen, selbst die Werbetafeln sind in kyrillischen Lettern verfasst: McDonalds sucht Arbeitskräfte, und ein Hostel bietet Zimmer in der Sprache der Ankömmlinge. Einen Kilometer hinter dem Busbahnhof in Richtung Zentrum beginnen die Wolkenkratzer, die den Wohlstand versprechen, von dem sich alle hier ein kleines Stück erhoffen.

Auch Dmytro Pidhorny kam hier vor vier Jahren an. Alles, was der 27-Jährige bei sich hatte, passte in zwei große Taschen. Heute ist er Inhaber einer Baufirma mit 15 Angestellten.

Nach Schätzungen leben zurzeit rund eine Million Ukrainer in Polen. Die meisten sind in den vergangenen vier Jahren gekommen, nach Ausbruch des Krieges im Osten des Landes und der damit zusammenhängenden Wirtschaftskrise. Es vollzieht sich also eine Migrationsbewegung nach Polen, die zahlenmäßig vergleichbar ist mit der aus Nahost und Afrika nach Deutschland. Nur bekommt diese nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit, denn die Ukrainer werden in Polen in erster Linie als Bereicherung gesehen, nicht als Bedrohung.

Das Land hat massive demografische Probleme: Dem polnischen Statistikamt zufolge leben zurzeit 2,4 Millionen Polen im Ausland. Seit dem EU-Beitritt 2004 haben Hunderttausende ihre Chance auf ein besseres Leben genutzt und sind nach Großbritannien oder Deutschland ausgewandert. Dazu kommt, dass das Land eine der am schnellsten alternden Bevölkerungen Europas hat und gleichzeitig eine stetig wachsende Wirtschaft. Vor allem in der Gastronomie, der Baubranche, der Landwirtschaft und im IT-Bereich fehlt es an Arbeitskräften. Und den Bedarf decken heute überwiegend Ukrainer.

Zwölf Stunden, sechs Tage

Dmytro Pidhorny ist einer von ihnen. Als er ankam, konnte er kein Wort Polnisch. Er musste schnell eine Arbeit finden, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Also blieb ihm, dem PR-Manager, der vorher nie körperlich gearbeitet hatte, nichts anderes übrig, als auf dem Bau zu schuften. Zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche. „Wenn man als Ausländer etwas erreichen will, muss man doppelt so hart arbeiten“, erklärt er. Er verdiente drei Euro pro Stunde. Das reichte ihm, um etwas für die Gründung seiner Firma zur Seite zu legen. Wie die meisten ukrainischen Einwanderer ist er sehr genügsam. In Polen liegt der Durchschnittslohn zurzeit bei rund 1000 Euro, in der Ukraine bei knapp 200.

Nach einem halben Jahr gründete er seine Firma, er stellte am Anfang zwei Arbeiter aus der Ukraine ein, heute arbeiten 15 Männer für ihn. Der Bedarf für seine Dienstleistungen ist riesig. Denn Polens Baubranche erlebt gerade einen Boom.

Pidhorny steht mit Helm auf einem Gerüst im fünften Stock und inspiziert die Arbeit seiner Angestellten. Sie verputzen ein sechsstöckiges Gebäude. „Gut“, sagt er auf Russisch. Niemand in seiner Firma ist Pole. Er stellt nur Weißrussen und Ukrainer ein, denn „die arbeiten besser“. Er selbst arbeitet sieben Tage die Woche, rund zwölf Stunden, sagt Pidhorny. „Ohne die Ukrainer ginge hier nichts.“

Verband: Nicht kriminell

Ähnlich sieht man das im polnischen Arbeitgeberverband ZPP. Der hat ein Papier herausgegeben, in dem er die gezielte Anwerbung von Ukrainern fordert, um dem Arbeitskräftemangel beizukommen. In einem Bericht mit dem Titel: „Wie kann die demografische Katastrophe Polens verhindert werden“ vom November 2016 schreibt der ZPP, diese würden „hart und gerne arbeiten“. „Sie verlassen sich nicht auf Sozialleistungen und wollen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten.“ Außerdem fielen sie nicht durch Kriminalität auf.

Ganz anders bewertet der Verband andere Einwanderer-Gruppen: „Immigranten aus Afrika und dem Nahen Osten neigen dazu, keine Erwerbsarbeit anzunehmen.“ Das hätten die Erfahrungen Westeuropas gezeigt, vor allem Belgiens, Frankreichs und der Schweiz. Außerdem könne man bei diesen „deutliche Tendenzen zur Kriminalität“ feststellen. Damit ist der ZPP ganz auf der Linie der rechtskonservativen PiS-Regierung, die keine Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen will, sich aber für Zuwanderer aus der Ukraine sehr offen zeigt.

Denn ohne Einwanderung geht es nicht, das hat auch die PiS erkannt. Der neue Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte kürzlich auf einem Wirtschaftsforum in Krynica, Polen könne in den nächsten Jahren durchaus noch ein bis zwei Millionen Ukrainer ins Land holen, wenn der Bedarf nicht mehr durch heimische Arbeitskräfte gedeckt werden kann. Nach einer Prognose des polnischen Statistikamtes GUS sinkt die Bevölkerungszahl bis 2050 von derzeit mehr als 38 Millionen auf 34 Millionen. Grund ist die niedrige Geburtenrate.

Die Logik der Regierung lautet: Wenn man schon Einwanderer aufnehmen muss, dann möglichst solche, die kulturell ähnlich sind. Der ZPP drückt es in seinem Bericht so aus: „Das Traumszenario wäre eine Bevölkerungsgruppe, die gerne arbeitet und sich leicht assimiliert, mit einem sehr ähnlichen kulturellen Erbe, einem ähnlichen Wertesystem und Moralvorstellungen.“

Die ethnische und kulturelle Ähnlichkeit zwischen Polen und Ukrainern ist sicher ein Grund, weshalb es zwischen diesen Gruppen wenige Spannungen gibt, obwohl Polen gerade eine der größten Einwanderungswellen seiner Geschichte erlebt. Gewaltakte gegen Ukrainer aufgrund ihrer Herkunft bleiben bislang eine Randerscheinung, während die Anzahl rassistisch motivierter Straftaten allgemein ansteigt. Anti-Flüchtlings-Demonstrationen richten sich stets gegen die Aufnahme von Muslimen, nicht gegen ukrainische Einwanderer. Einer Umfrage aus dem April zufolge sind 27 Prozent der Polen positiv gegenüber Ukrainern eingestellt, gegenüber Syrern nur acht Prozent.

Rechtsextreme warnen

Und so versucht weder die liberale Opposition noch die rechte PiS Kapital aus dem Thema zu schlagen. Lediglich die rechtsextreme, allerdings vom Wähler weitestgehend ignorierte Partei „Die Nationale Bewegung“ (Ruch Narodowy) hat das Thema für sich entdeckt und warnt auf Kundgebungen und Pressekonferenzen vor der „Ukrainisierung Polens“. Besonders erfolgreich ist sie damit nicht.

Dmytro Pidhorny will auf jeden Fall in Polen bleiben. Bisher hätten weder er noch seine ukrainischen Bekannten schlechte Erfahrungen aufgrund ihrer Herkunft gemacht. Er blickt vom Gerüst des sechsstöckigen Gebäudes in Richtung der Warschauer Skyline: „Ich will, dass wir in fünf Jahren das größte Gebäude in Warschau bauen“, sagt er. „In fünf Jahren will ich nicht 15 sondern 50 Angestellte haben. Alle Ukrainer und Weißrussen sollen wissen, dass sie bei mir immer Arbeit finden können.“


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