EU-Verteidigungsunion startet Europa auf dem Weg in die Star Wars-Epoche?

Von Marion Trimborn


Paris/Osnabrück. Europa gilt nicht als große Militärmacht – zu schlecht ausgestattet und zu wenig schlagkräftig sind die Armeen. In Zeiten globaler Krisen will die EU das ändern. Und startet eine Verteidigungsunion, die gemeinsame Militärprojekte im großen Stil verwirklichen soll. Doch Experten haben Zweifel.

Die Kriege der Zukunft werden nicht mehr allein mit Waffen, sondern mit Künstlicher Intelligenz entschieden. Während früher Feldherren von einem Hügel aus ihre Kampftruppen dirigierten, steuern heute weit entfernte Kommandozentralen unbemannte Panzer, Flugzeuge und Drohnen. Und in Zukunft werden intelligente Waffen wie Jets und Killerroboter selbst entscheiden. „Da werden alle Waffen auf dem Schlachtfeld miteinander kommunizieren und voneinander lernen“, beschreibt Marko Erman die Armee von Morgen. Er ist Technischer Direktor beim Rüstungs- und Technologiekonzern Thales im französischen Palaiseau bei Paris, ein Zukunftsforscher und Technikgläubiger. Wird Star Wars Realität?

Bei Thales, einem der größten Rüstungsunternehmen in Europa, glaubt man an künstliche neuronale Netze, bei denen Waffensysteme über Algorithmen in Sekundenbruchteilen voneinander lernen. Die Ingenieure entwickeln an virtuellen Schlachtfeldern solche Systeme. Mit 50 000 Szenarien lernen intelligente Antennen, in welchem Winkel der Jet optimal angreifen sollte und welche Frequenzen blitzschnell zu wechseln sind, um das feindliche Radar auszutricksen. Eine große Kampfcloud speichert virtuell die Daten. Ob die gegnerische Funkaufklärung und Verteidigung das wirklich alles zulässt?

Der Traum vom Kampfjet

Marko Erman erklärt, warum Europa und die Nato mit solchen Zukunftsszenarien ein Problem haben: „Bei einem Einsatz haben wir heute ganz verschiedene Kampfjets auf dem Schlachtfeld, von der französischen Rafale bis zum amerikanischen F16. Die müssen miteinander kommunizieren.“

Europa leistet sich derzeit 20 verschiedene Kampfflugzeuge, in den USA gibt es 6. In der EU fahren 17 verschiedene Typen von Kampfpanzern, in den USA nur einer. Der Grund: In Europa geben Staaten ihr Geld national aus, die Rüstungsindustrie ist zersplittert. Obwohl die EU mehr als 220 Milliarden Euro jährlich ins Militär steckt und damit hinter den USA mit umgerechnet rund 540 Mrd Euro weltweit den zweiten Platz belegt, erreicht sie nur einen Bruchteil an Effizienz. Das hat Folgen: Die EU gilt nicht als ernst zu nehmende Militärmacht.

Pesco soll Geld und Know-How bündeln

Genau das wollen die EU-Staaten nun ändern. An Montag gaben die EU-Minister in Brüssel offiziell den Startschuss für eine neue EU-Verteidigungskooperation unter dem Namen „Pesco“. 25 von 28 EU-Staaten nehmen teil und werden Militärprojekten künftig gemeinsam verwirklichen – um Geld und Know-How zu bündeln. Bis 2025 soll die europäische Verteidigungs- und Sicherheitsunion stehen. Deutschland ist etwa federführend beim Aufbau eines gemeinsamen Sanitätskommandos und will ein Exzellenzzentrum für Auslandsmission einrichten. In Zukunft wollen die Staaten gemeinsame militärische Tauchroboter und gepanzerte Fahrzeuge entwickeln. Angedacht sind auch eine europäische Drohne und eine fliegende Krankenstation.

Gemeinsamer Kampfjet

Frankreich und Deutschland haben zudem die Absicht, ein gemeinsames Kampfflugzeug zu entwickeln - es wäre eine Revolution.

Er könnte den Eurofighter der deutschen Luftwaffe und das französische Rafale-Kampfflugzeug ablösen. Seit Jahrzehnten mühen sich die EU-Länder vergeblich an einem solchen Jet ab. Die Entwicklung des Eurofighters seit den 1980er Jahren gilt als gigantischer Rüstungsflop: Frankreich sprang wegen Unstimmigkeiten ab, das Projekt verzögerte sich um Jahre, die Kosten explodierten, schließlich hatte das seit 2003 ausgelieferte Flugzeug eine lange Mängelliste und gilt als nicht konkurrenzfähig.

Heutzutage schätzen Rüstungsexperten die Kosten für die Entwicklung eines modernen Kampfflugzeugs auf 10 bis 20 Milliarden Euro. Geld, das in Zeiten von Euro-Rettung und Sparhaushalten kein Staat mehr hat. Die Rüstungsexpertin Barbara Kunz vom Institut Cerfa, einer Pariser Denkfabrik zu deutsch-französischen Beziehungen, sagt: „Jedem ist klar, dass selbst die großen europäischen Länder zu klein sind, um das zu stemmen. Man muss sich zusammenraufen.“

Seit Jahrzehnten keine Fortschritte

Schon in den 1950er Jahren – es war die Zeit der europäischen Integration nach dem Krieg - platzten die Träume von einer gemeinsamen europäischen Armee. Mit Frankreich, das souverän bleiben wollte, war das nicht zu machen. Auch die Briten blockierten nach ihrem EU-Beitritt 1973, weil sie fürchteten, die Nato zu schwächen. Über Jahrzehnte war das Thema keines mehr.

Jetzt aber macht Europa einen Schritt in Richtung Selbstertüchtigung. Der Moment ist günstig. Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist klar, dass die Europäer sich nicht mehr einfach auf den Schutz der USA verlassen können. Oder wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Wir Europäer müssen unser Schicksal in unsere eigene Hand nehmen.“ Die Briten verlassen die EU. Und viele EU-Staaten müssen sparen, das fördert die Bereitschaft zur Kooperation. Vielleicht lässt sich so ja auch die vor sich hin dümpelnde deutsch-französische Freundschaft wiederbeleben. Wenn man schon Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron nicht bei seinen hochfliegenden Plänen für eine Währungsunion – Stichworte Euro-Finanzminister, Euro-Haushalt – entgegenkommt, dann halt bei der Verteidigung.

Zwei Welten

Doch Franzosen und Deutsche verstehen unter gemeinsamer Verteidigung etwas völlig anderes. Präsident Macron träumt von einem europäischen Verteidigungsbudget, einer gemeinsamen Interventionstruppe und einer gemeinsamen Doktrin. Sabine Thillaye, Vorsitzende des Europa-Ausschusses in der Assemblée Nationale, und Mitglied von Macrons Partei bringt das Konzept auf diesen Nenner: „Frankreich hat die operative Kraft und Deutschland hat die finanzielle Kraft.“ Soll heißen: Frankreich schickt Panzer und Truppen – und die Deutschen zahlen dafür. Solche Vorstellungen seien geradezu naiv, kritisiert Prof. Johannes Varwick, Politikwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg: „Wenn die Franzosen glauben, dass die Deutschen das Afrika-Korps der Franzosen finanzieren, dann sind sie schief gewickelt.“

Kritik: „Europa verharrt im Kleinklein“

Es sind zwei Welten: In Frankreich steht das Militär für Glanz, die Militärparaden am 14. Juli über die Champs Elysées sind legendär. Die Atomstreitmacht ist Anlass für nationalen Stolz, Kriegseinsätze im Ausland wie in Mali sind selbstverständlich. Und hierzulande? Eine stetig geschrumpfte Bundeswehr als Parlamentsarmee, seit Jahren unterfinanziert und pannengeplagt, Auslandseinsätze sind umstritten. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko kritisiert, dass mit dem „Pesco“-Projekt eine „massive und langfristige Militarisierung der EU auf den Weg gebracht wurde.“ Wie sollen diese Welten zusammenpassen?

Marko Erman, Technischer Direktor der Rüstungsfirma Thales, Paris. Foto: Marion Trimborn

Europaexperte Varwick kritisiert, dass es nach wie vor an einer gemeinsamen Strategie Europas hapere. Sein Fazit lautet: „Ein großer Wurf ist Pesco noch nicht. Europa verharrt mal wieder im Kleinklein.“ Weder ein EU-Verteidigungsminister noch eine gemeinsame Strategie seien absehbar. Eine echte EU-Armee im Sinn zu haben, bestreitet man übrigens in Berlin ebenso wie in Paris oder Brüssel. Das alles zeigt: Im Verteidigungsbereich bleibt es in Europa schwierig.