Professor Max Otte Gefragter Finanzexperte sympathisiert mit der AfD

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Osnabrück. Er hat die Finanzkrise vorausgesagt, wurde als Experte in Talkshows eingeladen. Heute denken viele beim Namen Otte zuerst an die AfD. Was ist passiert?

Von Köln hat der Professor in die niedersächsische Provinz länger gebraucht als geplant. Drinnen, im Konferenzsaal eines Landhotels, sitzen rund siebzig Zuhörer vor Bier und Kaffee. Gedeckte Farben, gedämpftes Licht. Der Teppichboden schluckt die Geräusche. Es ist kurz nach Feierabend. Dann betritt der Ökonom, der die Finanzkrise vorhergesagt hat, den Saal.

Nicht mehr gern gesehen

„Ich freue mich, nun einen ganz besonderen Gast ankündigen zu dürfen“, sagt der Mitarbeiter einer regionalen Investment-Firma, die Professor Dr. Max Otte nach Ankum eingeladen hat. Otte sei überall gern gesehen. Der Angekündigte ergreift das Wort. Er spricht frei und bildreich, plaudert mehr mit dem Charme eines Heinz Rühmann, als dass er eine Vorlesung hält – auch darüber, dass er bei manchen mittlerweile gar nicht mehr so gern gesehen sei. Warum? Dazu sagt er hier nichts.

In den vergangenen Jahren war Max Otte gefragter Wirtschaftsexperte, wurde regelmäßig in Talkshows eingeladen. Der Professor hatte 2006 mit seinem Buch „Der Crash“ eine große Finanzkrise vorausgesagt, die ein Jahr später eintraf. Aber Otte twittert auch gerne und viel. Am 11. September, zwei Wochen vor der Bundestagswahl, schrieb er: „Angela Merkel ist für mich nicht wählbar. Ich wähle diesmal AfD. Prof. Dr. Max Otte, CDU-Mitglied seit 1991“. 3200 Nutzern gefällt das. Seine Wahl sei eine Gewissensfrage, sagte Otte anschließend. Seine Hauptgründe: die Flüchtlingsfrage und die Eurorettung. Nun befürchtet der Finanzexperte, dass er auf Schwarzen Listen stehe, spricht von „Meinungsterror“. „Aktuell bin ich in der Verbannung“, twitterte er jüngst.

„Regierungspropaganda“

Allerdings: Nach dem AfD-Outing sprach Otte mit Bild, Wirtschaftswoche, Deutschlandfunk und Zeit. Gerade erschien eine Kolumne auf boerse.de. Sind die Auswirkungen also gar nicht so dramatisch? „Warten wir es mal ab“, sagt Otte. Immerhin habe n-tv nach dem Tweet sofort alles gestoppt.

Seine Meinung veröffentlicht der Ökonom dennoch regelmäßig weiter auf Twitter. Da nennt er Merkels Einwanderungspolitik katastrophal. Die „Süddeutsche“ bezichtigt er der „Zerstörung Europas“, als ein Redakteur Italiens Libyenpolitik „zynisch“ nennt. Ein anderes Mal bezeichnet er einen SZ-Bericht als „Regierungspropaganda“.

Wäre es da nicht konsequent, das CDU-Parteibuch abzugeben und gleich ganz in die AfD einzutreten? Nein, sagt Otte, das werde er nicht tun. Auch sein Vater war CDU-Mitglied. Auch er habe sich das nicht leicht gemacht. Nach dem Tod des Vaters hat Otte seinen Vornamen übernommen. Eigentlich heißt er Matthias. Wie der Name gehört die CDU zu seiner Identität.

Die Werte der Vergangenheit

Das Problem: Zu Hause ist Otte eigentlich in der CDU von vor einem Vierteljahrhundert. Er sagt, dass die AfD heute für Werte stehe, die die CDU Anfang der 90er Jahre vertreten habe. Seinen AfD-Tweet sieht er als Beitrag dazu, die CDU wieder werteorientierter, konservativer und familienorientierter zu machen.

In Ankum soll all das angeblich keine Rolle spielen. Zu Beginn seines Vortrages verspricht Otte, sich politisch zurückzuhalten. Währenddessen läuft sein Mitarbeiter durch die Reihen und verteilt kleine blaue Bücher. Titel: „Stoppt das Euro Desaster“. Das Thema ist Otte wichtig. Er wirft Merkel vor, unnötig deutsches Steuergeld in griechische Banken investiert zu haben. Das sei weder für Deutschland, noch für Griechenland oder die EU gut. Überhaupt ginge es der EU mit unterschiedlichen Währungen vermutlich besser. Deswegen hält Otte die AfD-Forderung nach einer Rückkehr zur D-Mark im Prinzip für richtig.

Krieg gegen das Bargeld

Dann ist da noch der „Krieg gegen das Bargeld“. Otte führt ihn an diesem Abend entspannt. „Bargeld erlaubt Ihnen und mir, in Geschäftsverkehr zu treten, ohne dass irgendwer über die Schulter schaut“, erklärt er seinen Zuhörern. Nun werde das Bargeld nicht abgeschafft –„das sähe zu offensichtlich aus“ – aber es werde zurückgedrängt. Erst werde der 500-Euro-Schein gestrichen und am Ende könne man fast nur noch mit Plastik zahlen. Anonym mit Bargeld zahlen zu können, bedeutet für Otte Freiheit. Er hat einen offenen Brief an alle Abgeordneten des Bundestages, an Landtage und EU-Abgeordnete geschickt. 83.000 Menschen sollen ihn unterzeichnet haben.

Gefragter Finanzexperte

Aber die Zuhörer in Ankum interessiert etwas anderes. Nach Ottes Vortrag wollen sie vom Finanzwissen des Professors profitieren. Otte verwaltet hauptberuflich zwei Investmentfonds, an denen sich auch die Anwesenden beteiligen können. Und so ist die Liste mit Fragen an den Experten lang: Ist Tesla überbewertet? Sollte man Google-Aktien halten? Wie entwickelt sich der Wohnungsmarkt? Otte nimmt sich Zeit für jede Frage, fachsimpelt mit den Hobbyanlegern und unterhält sein Publikum.

Nach der Veranstaltung beantwortet er die Fragen der Redakteurin. Wie wäre es mit aktiver Politik für einen, den es immer wieder nach vorne drängt? Der Einfluss nehmen will? Immerhin war auch Ottes Vater Kommunalpolitiker. „Ich habe mir das lange vorstellen können“, sagt der Professor, lehnt sich auf dem Hotelstuhl zurück und streicht sich übers Kinn. „Aber da muss man schon viel Sitzfleisch haben und mit Intrigen klar kommen.“ Er sei lieber im vorpolitischen Raum unterwegs, in einer „intellektuellen Rolle“, sagt Otte. Außerdem sei er durch die Arbeit mit seinen Fonds gebunden. „Im Moment fühle ich mich ganz wohl.“ Ob er die AfD im Falle von Neuwahlen noch einmal wählen würde, lässt er offen.

Zu spät für die Lucke-Partei

Eigentlich – so sehen es Beobachter – ist Otte mit seiner AfD-Entscheidung zu spät dran. Einer, der das beurteilen kann, ist Hans-Olaf Henkel. Der Ex-Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sieht vieles so wie Otte. Vor vier Jahren ging Henkel sogar noch einen Schritt weiter. Er trat in Bernd Luckes Anti-Euro-AfD ein und ließ sich ins Europaparlament wählen.

Nach der Wahl von Frauke Petry zur neuen AfD-Vorsitzenden trat Henkel wieder aus der Partei aus. Der „Wirtschaftswoche“ sagte er kürzlich: „Wir haben zu spät gemerkt, wie schnell Petry, Gauland, Höcke und Co. In der Lage waren, die Partei von einer Professorenpartei mit liberal-konservativem Profil zu einer völkisch-nationalistischen Partei zu machen.“

Ob sich Otte politisch und intellektuell beim letzten AfD-Parteitag in Hannover wiedergefunden hätte, ist zumindest zu bezweifeln. Inhaltlich ging es dort weder um die Euro-Rettung noch um Bargeld, sondern in erster Linie um Wut. Auf Politiker, auf Flüchtlinge, auf die angeblich viel zu linke Welt außerhalb der Partei. Für Luckes professorale Anti-Euro-Partei wäre Otte zu spät gekommen. Und so ist es folgerichtig: Der Professor war gar nicht erst da.


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