Kinderarbeit in der Landwirtschaft Beschäftigung von Kindern im Agrarbereich nimmt weltweit zu

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Wer bei Kinderarbeit vor allem an indische Steinbrüche oder pakistanische Textilfabriken denkt, liegt falsch. Das Gros der Mädchen und Jungen, die schuften müssen, statt zur Schule zu gehen, ist in der Landwirtschaft tätig. Symbolfoto: Dalia Villegas Moreno/dpaWer bei Kinderarbeit vor allem an indische Steinbrüche oder pakistanische Textilfabriken denkt, liegt falsch. Das Gros der Mädchen und Jungen, die schuften müssen, statt zur Schule zu gehen, ist in der Landwirtschaft tätig. Symbolfoto: Dalia Villegas Moreno/dpa

KNA Rom/Aachen. Kampagnen gegen die Ausbeutung Minderjähriger in Minen oder Fabriken zeigen inzwischen Wirkung. Schwieriger sieht es bei bäuerlichen Kleinbetrieben aus. Ansätze für Veränderung gibt es trotzdem.

Für Millionen Kinder hat Weihnachten nichts mit Ferien und Geschenken zu tun. Sie arbeiten. Und viele Leckereien, die in diesen Tagen Herz und Gaumen erfreuen, enthalten Zutaten, die aus Kinderarbeit stammen - Kakao aus Ghana, Kokosraspel von den Philippinen, Palmöl aus Indonesien, Haselnüsse aus der Türkei.

Wer bei Kinderarbeit vor allem an indische Steinbrüche oder pakistanische Textilfabriken denkt, liegt falsch. Das Gros der Mädchen und Jungen, die schuften müssen, statt zur Schule zu gehen, ist in der Landwirtschaft tätig. Auf 71 Prozent schätzen UN-Organisationen ihren Anteil, 108 Millionen in absoluten Zahlen.

Insgesamt geht Kinderarbeit zwar zurück, wie Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigen. Das gilt aber nicht für alle Weltregionen und Wirtschaftsbereiche gleichermaßen. War früher Asien ein Brennpunkt, ist es heute Afrika; während in Sektoren wie Bergbau oder Industrie die Beschäftigung Minderjähriger abnimmt, nimmt sie in der Landwirtschaft zu. Schätzungsweise 10 Millionen mehr ackern dort als noch vor vier Jahren, sagt Bernd Seiffert von der Welternährungsorganisation FAO in Rom.

Ein Grund für die Verschiebung ist, dass das produzierende Gewerbe inzwischen stärker unter kritischer Beobachtung steht, wenn es um Ausbeutung geht. Nicht zufällig legt die diesjährige katholische Sternsinger-Aktion „Gemeinsam gegen Kinderarbeit“ den Fokus auf Beispiele wie Goldminen und Teppichknüpfereien. Importeure in der reichen Welt sind inzwischen sensibler für den Imageschaden, wenn an ihren Produkten Blut und Schweiß von Kinderhänden kleben - so sieht es Markus Offner, Grundsatzreferent beim Kindermissionswerk „Die Sternsinger“.

Anders in der Landwirtschaft: Hier findet Kinderarbeit größtenteils nicht in den Zulieferketten internationaler Unternehmen statt, sondern in Klein- und Familienbetrieben. Das macht es schwierig, Missbrauch aufzudecken oder durch Kaufentscheidungen Druck auszuüben. Viele Agrargüter, in denen Kinderarbeit steckt, werden für den Eigenbedarf oder lokale Märkte erzeugt. Inspekteure, die über die Einhaltung von Arbeitsvorschriften wachen sollen, erreichen oft nicht die Kleinbetriebe auf dem Land.

Das Problem ist nicht, dass Kinder beim Viehhüten oder auf dem Feld helfen - auch Generationen von Kindern hierzulande hatten in den Sommerferien regelmäßig zur Heuernte anzutreten. Die Grenze des Zuträglichen ist für Seiffert dort erreicht, wo die Arbeit zulasten der Schulbildung geht oder Kinder Gefahren ausgesetzt werden. Pflanzengifte ausbringen, auf Kokospalmen klettern, verhakte Fischernetze im Tauchgang befreien - das ist nach internationalen Standards tabu, aber dennoch vielfach Praxis.

Mit Aufklärung will die FAO die Dinge ändern. Illustrierte Handreichungen weisen auf die Risiken des Umgangs mit Pestiziden für Kinder hin, in Malawi tourte ein Team mit einem Informationsfilm über die Dörfer, in Westafrika gab es laut Seiffert gute Erfahrungen mit Radiosendungen und Diskussionen in der Dorfgemeinschaft. Auch jene Akteure, die sich für die „Ziele nachhaltiger Entwicklung“ der UN einsetzen, erkennen das Problem der Kinderarbeit auf dem Land allmählich deutlicher. Auf der jüngsten ILO-Konferenz in Buenos Aires fand dieser Aspekt erstmals mehr Aufmerksamkeit, so Seiffert. „Wir sehen kleine Veränderungen.“

Klimawandel, Migration und Konflikte könnten Kinderarbeit im ländlichen Bereich noch verstärken, befürchten Experten von Unicef und ILO. Überall dort, wo erwachsene Arbeitskräfte rar oder zu teuer werden und die Not wächst, sind Minderjährige willkommene Lückenbüßer. So verdingen sich syrische Flüchtlingskinder im Libanon auf Kartoffelfeldern; auf Binnenseen Afrikas versuchen Fischer ihre Preise konkurrenzfähig zu halten, indem sie Kinder auf die Boote schicken.

Auch wenn Kinderarbeit in der Landwirtschaft vielfach eine Familienangelegenheit bleibt - die Zahl minderjähriger Beschäftigter in einzelnen Bereichen ist beträchtlich: Allein in Costa Ricas Kaffeeplantagen sind nach Daten des US-Arbeitsministeriums 47.400 Kinder und Jugendliche tätig; 14.500 Minderjährige in Vietnam stecken in der Cashew-Produktion; in Kambodscha sind Hunderte mit scharfen Messern und Pestiziden in den Zuckerrohrfeldern zugange.

Alles Güter, die auf dem Weltmarkt landen. Was können Konsumenten da tun? „Schauen, was fair gesiegelt ist“, rät der Kindermissionswerk-Referent Offner. Zumindest für Produkte wie Kakao oder Tee eine Lösung. Aber Lieferketten können komplex sein. Aus Sicht von Seiffert gibt es „wenige Produkte ohne Restrisiko, dass Kinderarbeit drinsteckt“. So bleibt bei manchen Köstlichkeiten der Weihnachtszeit ein bitterer Nachgeschmack.


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