Der Terror des georgischen Paten Stalins Herrschaft fallen Millionen Menschen zum Opfer


Gori. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder – dieser Satz aus Büchners „Dantons Tod“ trifft in besonderem Maße auf die frühe Sowjetunion zu. Millionen Menschen fielen in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts willkürlichen Urteilen und Verdächtigungen zum Opfer. Verantwortlich dafür ist Josef Stalin, der eine Herrschaft des Terrors gegen das eigene Volk errichtete. Wie konnte es dazu kommen? Es lohnt sich ein Blick auf Stalins Biografie.

Wie ein antiker Goldschatz ruht sie auf einem Kissen aus Marmor, umgeben von rotem Samt und einem begehbaren Rondell: Die bronzene Totenmaske des großen Diktators ist das Herzstück des Stalin-Museums in der georgischen Stadt Gori. Ein seltsam aus der Zeit gefallener Ort, der die Besucher ob seiner surrealen Wirkung gleichermaßen fasziniert wie irritiert zurücklässt. Draußen im Park überspannt ein tempelartiger Überbau das dörfliche Elternhaus des Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, der hier von 1878 bis 1894 seine Kindheit verbrachte.

Eine schmerzvolle Kindheit: Der Vater, ein Schumacher, der sein einst florierendes Kleinunternehmen versäuft, verprügelt regelmäßig den einzigen Sohn, ein Pferdewagen-Unfall führt zur Lähmung des linken Arms, und Mitschüler machen sich über die Pockennarben im Gesicht des aufgeweckten Jungen lustig. So lange, bis der erbarmungslos zurückschlägt und seine Führungsrolle in Schule und Nachbarschaft erobert.

Davon erfahren die Touristen drinnen im Museum, die durch Säle voller Porträts, Fotos, Statuen und Gastgeschenke an den einstigen Sowjetführer wandeln, freilich nichts. Auch nicht, wie viele Millionen Menschen der einstige Heißsporn, der sich später als Rädelsführer bolschewistischer Guerillagruppen und berüchtigter Bandit den Kampfnamen „Der Stählerne“ (Stalin) geben sollte, am Ende seines 73-jährigen Lebens auf dem Gewissen hatte.

Geschichtliche Aufarbeitung? Nicht nur ein Fremdwort in Gori. Auch in Russland ist in diesen Tagen von offizieller Seite recht wenig zu spüren von einer kritischen Auseinandersetzung mit den düsteren Folgen der vor 100 Jahren entfesselten Oktoberrevolution.

Banken ausgeraubt

In seinem politischen Testament warnte Wladimir Iljitsch Lenin vor dem „groben“ Kerl im Politbüro, dem er aber durchaus Führungsstärke attestierte. Er kannte ihn gut: Schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts machte sich der im Exil lebende „Vater der Oktoberrevolution“ die Skrupellosigkeit und Entschlossenheit des Iossif Dschugaschwili zunutze, der nach seinem abgebrochenen Priesterseminar als junger Marxist im Kaukasus Arbeitskämpfe anzettelt, Sabotageakte verübt, Parteigegner aus dem Weg räumt und schließlich mit einer organisierten Bande zum größten Geldbeschaffer für Lenins Umsturzpläne aufsteigt, indem er Schutzgelder eintreibt und Banken, Züge und Postkutschen ausraubt.

Schon damals zählen Menschenleben nichts für den georgischen Paten, der nach dem frühen Tod seiner ersten Liebe Jekatarina Swanidse bei der Beerdigung gesagt haben soll, dass mit ihr „das letzte warme Gefühl für die Menschheit“ in ihm gestorben sei. Selbst Verhaftung, Folter und Verbannung nach Sibirien können dem „Gestähltem“ nichts mehr anhaben. Er widersteht der Winterkälte von minus 60 Grad ebenso wie der Isolation. Seine Überlebensstrategie: Traue nur dir selbst.

Dieses lebenslange Motto gilt umso mehr für die Jahre danach während des Bürgerkriegs und des Machtkampfs in der Regierung nach Lenins Tod im Jahr 1924. Stalin räumt alle Konkurrenten aus dem Weg: Erst Lew Trotzki, Gründer der Roten Armee und intellektueller Kopf des gesamten Apparates, dann die mächtigen Politbüromitglieder Grigori Sinowjew, Lew Kamenew und Alexej Rykow. Stalin formt sich unter anderem mit Wjatscheslaw Molotow und Sergej Kirow einen Clan aus Getreuen, die später ebenfalls Opfer seines krankhaften Ego-Wahns werden.

Als Generalsekretär der KPdSU von 1922 bis zu seinem Tod 1953 versteht es der Georgier brillant, die Propaganda-Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen. Die Weltrevolution interessiert den Pragmatiker nicht, er gibt den „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ als Maxime vor, der sich alles unterzuordnen hat: die beschleunigte Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft („Liquidierung des Kulakentums als Klasse“), die Errichtung einer modernen Armee und totale Kontrolle aller Gesellschaftsschichten. Eine „Intelligenzija“ muss Stalin nicht fürchten, die hatte Lenin bereits zuvor verjagt.

1929 ruft Stalin das „Jahr der großen Wende“ aus und drückt den ersten Fünfjahresplan durch. Wer aufmuckt, bekommt es mit der Geheimpolizei zu tun. Zwischen 1929 und 1933 werden mehr als eine halbe Million Kommunisten aus der Partei ausgeschlossen, viele verschwinden in den Zwangs- und Arbeitslagern in Sibirien auf Nimmerwiedersehen. Denunziation wird zum Vorbild, Angst ständiger Begleiter und in den Wohnungen nur noch geflüstert. Ein neuer Untertan passt sich an, der fatalistische „Homo sovieticus“.

Schauprozesse

Die Industrialisierung und Enteignung der Bauern führt aufgrund einer dilettantischen Wirtschaftspolitik zur großen Hungersnot, der 1932/1933 acht Millionen Menschen, darunter drei Millionen Kinder, vor allem in der einstigen Kornkammer Ukraine zum Opfer fallen. Nicht wenige Historiker sprechen von einem Genozid gegen das ukrainische Volk. Das Gulag-System wird unter Stalin perfektioniert. Je mehr Kritik gegen die Beschlüsse des Politbüros aufkommt, desto härter reagiert der Diktator – mit der „Großen Säuberung“ (Tschistka), die den Tod für 700000 Sowjetbürger bedeutet.

Schließlich müssen inszenierte Schauprozesse herhalten, um dem Volk zu suggerieren, dass die Gerichtsbarkeit nicht nur die Kleinen verfolgt, sondern auch die Apparatschiks. In den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1937 werden hohe Funktionäre zum Tode verurteilt. Auch die Armee nimmt der Diktator aufs Korn: Rund 35000 Offiziere, darunter Marschälle und Generäle, werden als „Volksfeinde“ liquidiert.

Der hohe Blutzoll macht die Armee für einige Jahre handlungsunfähig, auch ein Grund für die immens hohen Verluste im Großen Vaterländischen Krieg (rund neun Millionen gefallene Soldaten auf sowjetischer Seite, die Zahl der toten Zivilisten schwankt zwischen 17 und 27 Millionen). Selbst während des Krieges geht der Terror weiter: Krimtataren, Inguschen, Tschetschenen und andere Völker werden als Nazi-Kollaborateure nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

„Ein einzelner Tod ist eine Tragödie, eine Million Tote sind eine Statistik“, soll Stalin einmal gesagt haben. Übertroffen wird er in diesem Punkt allenfalls von Mao Zedong, der mit seinem „großen Sprung nach vorn“ ebenfalls eine Terrorherrschaft und eine Hungersnot in China auslöste, die rund 50 Millionen seiner Landsleute dahinraffte.


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