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Notstand ausgerufen Trump nimmt die Drogen ins Visier

Von Thomas Seibert

Landesweites Problem: US-Präsident Donald Trump macht den Kampf gegen Drogen zur Chefsache. Foto: afpLandesweites Problem: US-Präsident Donald Trump macht den Kampf gegen Drogen zur Chefsache. Foto: afp

Washington. US-Präsident Donald Trump hat wegen des überbordenden Konsums von Opioiden den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Damit einhergehende Suchterkrankungen forderten 2016 knapp 60000 Menschenleben.

Andrea war erst 17, als es anfing. Ein Arzt verschrieb dem Mädchen aus dem US-Bundesstaat West Virginia ein starkes Schmerzmedikament gegen ihre Rückenschmerzen. Kurz darauf war Andrea süchtig von dem rauschgiftähnlichen Stoff in dem Medikament – und besorgte sich die Drogen, wo sie welche finden konnten. „Ich kaufte sie auf der Straße und dealte auf der Straße“, sagte die heute 31-jährige dem Magazin „US News and World Report“. Mit 23 war sie „ein Junkie mit allem drum und dran“. Sie brauchte Jahre, um von den Drogen loszukommen. Heute ist sie clean und Mutter von zwei Kindern.

Nicht alle haben so viel Glück. Jeden Tag sterben 91 Amerikaner an einer Überdosis Drogen, bei 40 davon ist die Ursache nicht Heroin oder andere illegale Rauschgifte, sondern verschreibungspflichtige Medikamente. Obwohl Untersuchungen zeigen, dass Schmerzen bei den Amerikanern heute nicht weiter verbreitet sind als im Jahr 1999, werden heute dreimal soviele Schmerzmittel verschrieben wie damals. Viele sind starke Opioide, die im Gehirn ähnlich funktionieren wie Morphium und die sehr schnell süchtig machen. Im Jahr 2013 schrieben amerikanische Ärzte nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC rund 250 Millionen Rezepte für Opioide – statistisch ein Fläschchen Pillen für jeden erwachsenen US-Bürger.

Heroin-Schwemme

Fast 60.000 Menschen sind allein im vergangenen Jahr in den USA an Rauschgiften gestorben, fast 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Überdosis ist inzwischen die häufigste Todesursache für Amerikaner unter 50 Jahren.

Kein Wunder, dass die Regierung Alarm schlägt und von einer Epidemie spricht. Präsident Donald Trump rief jetzt den nationalen Gesundheits-Notstand wegen der Opioiden-Krise aus, die längst Folgen weit über die legal verschriebenen Medikamente hinaus hat. Viele Konsumenten sehen sich nach illegalen Drogen um, wenn der Arzt kein Rezept mehr schreibt und schaffen damit eine Nachfrage, die zu einer Heroin-Schwemme und zur Einfuhr anderer illegaler Drogen führt. Ein Beispiel dafür ist Fentanyl, das bis zu hundertmal stärker ist als Morphium und das allein im vergangenen Jahr rund 20000 Menschen in den USA tötete.

Kein formeller Notstand

Alle Teile der amerikanischen Gesellschaft seien von der „Plage“ betroffen, sagte Trump. Es sei an der Zeit, die USA von dieser „Geißel“ zu befreien. Amerika werde die Sucht besiegen, betonte der Präsident.

Allerdings will Trump keinen formellen nationalen Notstand ausrufen, der sofort Bundesmittel abrufbar machen würde. Statt dessen will er bis zum Jahresende mit dem Kongress ein Programm zur Bekämpfung der Krise ausarbeiten und eine Werbekampagne starten, die den Amerikanern die Gefahren durch Opioide klarmachen soll. Kritiker sprechen von einem weiteren Beispiel für die Trump’sche Ankündigungspolitik, bei der vom Präsidenten große Worte kommen, die eigentliche Arbeit aber auf andere Akteure wie den Kongress abgeschoben wird. Justizminister Jeff Sessions kommentierte die schlimmste Rauschgift-Welle seit der Crack-Epidemie der 1980er Jahre mit den Worten, die Leute sollten halt einfach „Nein sagen“.

Weder Trump noch Sessions sagten etwas über das schmutzige Geheimnis im Zentrum der Krise: Mächtige Leute verdienen sehr viel Geld daran. Hersteller tun alles, um Medikamente im Milliardenwert zu verkaufen. Laut Medienberichten sind mitunter korrupte Ärzte und Apotheker im Spiel, die viel mehr Schmerzmittel verschreiben und ausgeben, als eigentlich nötig wären.

Lobbyisten im Hintergrund

Erst kürzlich beschrieben die „Washington Post“ und der Fernsehsender CBS als Ergebnis einer gemeinsamen Recherche, wie die Pharma-Lobby im vergangenen Jahr im Kongress einen Abbau von Vollmachten der Rauschgiftbehörde DEA durchsetzte. Sie warben mit Erfolg für ein neues Gesetz, mit dem es den DEA-Agenten so gut wie unmöglich gemacht wurde, verdächtige Lieferungen von Pharmafirmen zu unterbinden und damit zu verhindern, dass Schmerz- und Betäubungsmittel im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar an mutmaßliche Hehler gelangen.

Mitten in der Opioiden-Epidemie habe die Pharma-Industrie freie Hand bei der Verteilung von Suchtstoffen erhalten, sagte der frühere DEA-Abteilungsleiter Joseph Rannazzisi der „Post“. Die Speerspitze beim Sieg der Industrie über die Kontrollbehörde bildete der republikanische Abgeordnete Tom Marino. Kürzlich wurde ausgerechnet Mariono von Trump als neuer „Rauschgift-Zar“, also als oberster Drogen-Bekämpfer, vorgeschlagen. Erst nach den Berichten von „Washington Post“ und CBS zog Marino seine Bewerbung zurück.