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Achtjähriges Gymnasium Das „Turbo-Abi“: Die größte Schulreform seit 40 Jahren

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Osnabrück. Wenn selbst Schüler fordern, länger zur Schule gehen zu dürfen, was stimmt dann nicht? Immer wieder sind Jugendliche in den vergangenen Jahren landauf, landab auf die Straßen gegangen, um für den Erhalt des neunjährigen Gymnasiums zu demonstrieren – in seltener Eintracht mit Lehrern und Eltern.

Warum aber bewegt die Verkürzung der Schulzeit die Gemüter derart? Wie sehr verändert das „Turbo-Abi“ das Lernen und Leben der Schüler? Ein Blick hinter die Kulissen:

Was sind G8 und „Turbo-Abi“? G8 steht für das achtjährige Gymnasium, also die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun Jahren (G9) auf acht Jahre. Statt wie bisher nach regulär 13 Schuljahren machen die Schüler ihr Abitur beim G8 bereits nach zwölf Schuljahren. Dabei hat jedes Bundesland unterschiedlich geregelt, an welchen Schulen G8 verpflichtend ist. In einigen Ländern dürfen beispielsweise Gesamtschulen nach wie vor das Abitur nach 13 Jahren anbieten, während reine Gymnasien schon nach zwölf Jahren prüfen müssen.

So oder so müssen Gymnasiasten bis zum Abitur mindestens 265 sogenannte Jahreswochenstunden ableisten – das sind beim G9 im Schnitt 29,4 Schulstunden pro Woche, beim G8 hingegen 33,1. Da die Stunden aber nicht gleichmäßig auf die Jahrgangsstufen verteilt sind, erwarten Experten ein Unterrichtspensum von bis zu 37 Wochenstunden in einzelnen Bundesländern. Weil die Schüler sich diegleiche Stoffmenge in kürzerer Zeit aneignen müssen, sprechen Kritiker häufig vom „Turbo-Abi“.

Warum wurde G8 eingeführt? Als Hauptgrund für die Verkürzung der Schulzeit gilt die im europäischen Vergleich lange Ausbildungsdauer in Deutschland. Ähnlich wie die europaweite Vereinheitlichung der Studiendauer mit der Einführung von Bachelor und Master im sogenannten Bologna-Prozess soll auch G8 der Vereinheitlichung und besseren Vergleichbarkeit der Ausbildung in Europa dienen.

Inhaltlich ist die Einführung von G8 aber auch als Reaktion auf die Ergebnisse der ersten PISA-Studie zu sehen, die Ende 2001 vorgestellt wurden. Im internationalen Vergleich hatten 15-Jährige in Deutschland in drei wichtigen Lernbereichen – Lesen und Schreiben, Mathematik sowie Naturwissenschaften – unterdurchschnittlich abgeschnitten. Die mit G8 einhergehende Schulreform sollte deshalb auch der Optimierung der Lehrpläne dienen. Kritiker halten aber gerade dieses Ziel für verfehlt.

Wo gibt es G8? Mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz haben inzwischen alle Bundesländer das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt. In Thüringen und Sachsen waren seit der Wiedervereinigung von vornherein nur zwölf Schuljahre vorgesehen, in Rheinland-Pfalz wird G8 derzeit lediglich als Modellversuch an einigen Schulen getestet. Die dortige Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) lässt G8 zudem nur an Ganztagsschulen zu; als Regelfall gilt weiterhin G9.

Wie und wann wurde G8 eingeführt? Die achtjährige Gymnasialzeit wurde fortlaufend eingeführt, beginnend mit der fünften oder siebten Klasse – je nachdem, ob die Grundschule im jeweiligen Bundesland vier oder sechs Jahre dauert.

Als erstes Land führte das Saarland G8 zum Schuljahr 2001/02 in seinen fünften Klassen ein. Die ersten Abiturprüfungen nach zwölf Schuljahren standen dort folglich im Jahr 2009 an.

Weil in diesem Jahr auch der ältere Jahrgang seinen Abschluss nach 13 Schuljahren machen musste, kam es zum sogenannten „Doppel-Abi“ – das in den Folgejahren auch alle anderen neuen G8-Länder stemmen mussten oder noch stemmen müssen. Dabei wurden nicht nur doppelt so viele Schüler wie sonst geprüft, in der Folge strömten auch fast doppelt so viele Abiturienten in die Hörsäle der Universitäten.

Um Schulen und Hochschulen zu entlasten, führte Hessen G8 als einziges Bundesland in drei Wellen ein. Seit diesem Jahr gibt es dort deshalb drei verstärkte Abiturjahrgänge, aber eben keinen doppelten.

Was sind die Vor- und Nachteile von G8? Als Vorteil werden gemeinhin die bereits erwähnte Verkürzung der Ausbildungsdauer und der damit verbundene frühere Start in Studium und Berufsleben angeführt. Kritiker halten dem hauptsächlich entgegen, dass die Belastung der Schüler unverhältnismäßig stark steige und dadurch ihre Leistung nachlasse. Nicht zuletzt halten selbst Bildungsforscher es für möglich, dass das „Turbo-Abi“ sich negativ auf die Studien- und Berufsorientierung der Schüler auswirkt – weil die erhöhte Wochenstundenzahl die Möglichkeiten für Praktika, Probestudien oder Auslandsaufenthalte verringert.

Welchen Stellenwert hat G8 im Vergleich zu früheren Reformen? Experten beurteilen die jüngste Reform der gymnasialen Oberstufe als eine der wichtigsten Veränderungen am Gymnasium der vergangenen Jahrzehnte. Tatsächlich liegt die letzte „radikale“ Strukturänderung dieser Schulform im Westen Deutschlands 40 Jahre zurück: 1972 beschlossen die westdeutschen Kultusminister die Einführung eines Kurssystems mit Grund- und Leistungskursen in den letzten Schuljahren, der Sekundarstufe II, und lösten damit faktisch den gewohnten Klassenverband auf.


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