Nach Wahl in Niedersachsen Eklat bei der AfD: Vorstand will Hampel absetzen

Von Stefanie Witte, 15.10.2017, 21:33 Uhr
Heillos zerstritten: die AfD Niedersachsen um Landeschef Armin-Paul Hampel. Foto: dpa

Barsinghausen. Die AfD in Niedersachsen zerlegt sich noch am Wahlabend. Während der Landeschef von Einheit spricht, fordert der übrige Parteivorstand seine Entmachtung.

Eklat am Wahlabend: AfD-Landeschef Armin-Paul Hampel tritt bei der Wahlparty der AfD auf die Bühne, entschuldigt sich für den Streit rund um Frauke Petry nach der Bundestagswahl und fordert, dass die Partei die Wähler nicht noch einmal so enttäuschen dürfe. Zur gleichen Zeit zirkuliert eine E-Mail seiner Vorstandskollegen, die unserer Redaktion vorliegt. Ein Mitgliederrundschreiben, in dem fast alle Vorstandsmitglieder Neuwahlen für die Führungsriege der Landespartei fordern – und damit letztlich Hampel entmachten wollen. Die Unterzeichner rund um den stellvertretenden Landesvorsitzenden Jörn König beklagen gravierende Fehler und „eine sehr geringe Bereitschaft zur Selbstreflexion“. Symptomatisch sei auch die chaotische Organisation der Landeswahlparty.

„Vorsitzender sollte fair sein“

Dass es letztlich darum geht, den unliebsamen Vorsitzenden abzusetzen, wird am Ende deutlich. Da heißt es: „Ein Vorsitzender sollte nach unserer Auffassung transparent arbeiten, fair mit Kritikern umgehen, organisieren, strukturieren und führen können.“ Eigenschaften, die Hampel laut seinen Vorstandskollegen offenbar fehlen. Diese appellieren nun an die Kreisverbände, einen entsprechenden Parteitag zu beantragen. Eine entsprechende Initiative sei bereits vorbereitet.

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Die Rundmail entpuppte sich als Höhepunkt eines Zerwürfnisses, das sich schon in den letzten Tagen und Wochen abzeichnete. Der Ort der AfD-Wahlparty blieb lange unklar. Erst eine Woche vorher hieß es, man werde in einem griechischen Restaurant in Hannover feiern. Zwei Tage später teilte die Partei mit, der Betreiber habe seine Zusage aufgrund „massiven Drucks“ zurückgenommen. Dann war das Restaurant in Barsinghausen im Gespräch. Bis zum Freitag vor der Wahl konnte die Geschäftsstelle das jedoch nicht definitiv bestätigen. Die Situation sei weiter schwierig, hieß es. (Lesen Sie auch: Desaströses Ergebnis der AfD in der Region Osnabrück)

Zuletzt teilte AfD-Spitzenkandidatin Dana Guth am Sonntagnachmittag auf Anfrage unserer Redaktion mit, sie werde nicht in Barsinghausen, sondern in Salzgitter feiern. „Kein Grund zur Aufregung“, erklärten am Sonntagabend viele Parteimitglieder. Schließlich gebe es überall in Niedersachsen Wahlpartys. Das Land sei eben groß. Und die Räume in Barsinghausen könnten gar nicht alle Parteifreunde fassen.

Dort, rund eine halbe Stunde von der Landeshauptstadt Hannover entfernt, feierte die Hampel-Fraktion in einem Restaurant. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei waren vor Ort. Demonstranten kamen jedoch nicht.

Guth gegen Hampel

Drinnen: Blaue Ballons und Scheinwerfer, Kronleuchter, ein kleiner Festsaal. Als AfD-Spitzenkandidatin Dana Guth auf der Leinwand in der ARD-Übertragung zu sehen ist, hält Hampel inne, bittet um eine kurze Interviewpause und stellt sich dann mitten vor die Leinwand. Er schaut Guth mit ernstem Gesicht und zusammengekniffenen Augen an. Ob das der Moment ist, in dem der Landesvorsitzende erkannte, dass er die internen Grabenkämpfe verloren hat?

Schon vor diesem Abend war klar: Die niedersächsische AfD ist heillos zerstritten. Guth und Hampel kamen nie miteinander klar. Hampel wollte Guth, die als Kritikerin des Landeschefs gilt, nicht als Spitzenkandidatin. Die Parteimitglieder entschieden anders.

Nun, da die AfD offenbar viel schlechter abschnitt als erwartet, wird die Hampel-Fraktion offenbar immer kleiner. Als die erste Prognose über die Leinwand läuft, jubeln die Parteimitglieder noch lautstark darüber, dass die Linke zu diesem Zeitpunkt bei 4,5 Prozent liegt. Dann Verwirrung: „Was stand bei uns?“ Ein Mann Mitte 50 mit gelockerter Krawatte schüttelt schon energisch den Kopf, Landeschef Hampel verlässt den Saal eilig mit einem Rotweinglas in der Hand. Ungläubiges Murmeln und enttäuschte Gesichter bleiben zurück. 5,5 Prozent laut erster Prognose.

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An einem Stehtisch begrüßen zwei junge Männer eine Frau. „Jetzt habt ihr den Schock verpasst“, sagt sie lächelnd. Sandra Harries engagiert sich in Ronnenberg-Gehrden für die AfD. Die 31-Jährige ist wegen der Asylpolitik in die AfD eingetreten – „weil die Partei das ausspricht, was sich andere nicht trauen auszusprechen.“ Harries wünscht sich mehr Ordnung in Sachen Asyl, mag die rechten Ränder der Partei aber nicht.

„Und dann wird aufgeräumt“

Ob die AfD nun trotz Einzug in den Landtag überhaupt etwas von ihrer Politik einbringen kann, ist jedoch fragwürdig. Bei 7 bis 8 Prozent sahen sie Demoskopen kurz vor der Wahl. Nun schafft die Partei laut den Hochrechnungen nur knapp den Einzug in den Landtag. Die Spitzenkandidatin räumte ein: „Das Ergebnis ist jetzt nicht der Brüller.“

Landeschef Armin-Paul Hampel ließ sich noch in der vergangenen Woche in einem Artikel der „Zeit“ mit der Drohung zitieren: „Wenn wir am Sonntag schlecht abschneiden, dann wird aufgeräumt.“ Nun könnte sich diese Drohung als Bumerang entpuppen.

Nach seinem Auftritt auf der Bühne geht Hampel rauchen. Ein Mann in seiner Entourage raunt ihm auf dem Weg mit besorgtem Gesicht zu: „Haste das gesehen?“ Hampel nickt: „Die Mail habe ich mitbekommen.“ Im Gespräch mit unserer Redaktion wird er später sagen, er habe da etwas gehört. „Ich habe das aber nicht gelesen. Sie werden verstehen, dass ich das nicht kommentiere.“ Ob er etwas habe kommen sehen? „Es gibt in der AfD nichts, was ich nicht erwarte“, sagt Hampel, grinst, und widmet sich dann endlich seinem mittlerweile erkalteten Abendessen. (Lesen Sie auch: Das sagen die Politiker zur Landtagswahl in Niedersachsen)

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