Humor teilen nicht alle „In die Fresse“: Einfach nur ein Witz von Andrea Nahles?

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Andrea Nahles nahm Abschied vom Amt der Arbeitsministerin: Als SPD-Fraktionschefin hatte sie einen Start, den nicht alle lustig fanden.Foto:imago/Metodi PopowAndrea Nahles nahm Abschied vom Amt der Arbeitsministerin: Als SPD-Fraktionschefin hatte sie einen Start, den nicht alle lustig fanden.Foto:imago/Metodi Popow

Berlin. Benehmen ist Glückssache – und Andrea Nahles hat kein Glück gehabt. Das dämmert der neuen Chefin der SPD-Fraktion im Bundestag wohl auch. „Ab morgen kriegen sie in die Fresse“ , hatte die SPD-Politikerin rauflustig der Union angedroht. Die findet das nicht lustig, andere auch nicht.

Selbst Deutschlands größte Boulevardzeitung „Bild“ mäkelt, Nahles solle auf ihr „Vokubular achten“. Das heißt schon was, wenn ausgerechnet „Bild“ sprachliche Verantwortung anmahnt. Inzwischen wird unter dem Hashtag #IndieFresse heftig debattiert, ob Nahles jeglichen Anstand verloren oder aber einfach nur einen Witz gemacht habe.

„Klar als Scherz erkennbar“

Da interessiert auch Nahles‘ Erklärung nicht mehr, der Spruch sei nur lustig gemeint gewesen: „Ich hab am Rande des Kabinetts einen Spruch gemacht, und die Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU haben darüber gelacht. Also, ich glaube, das ist klar als Scherz erkennbar“, versucht die 47-Jähige Nahles Schadensbegrenzung.

Denn sie ist in eine unangenehme Nachbarschaft gerückt. Einige Diskutanten zogen Parallelen zu der umstrittenen Aussage des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland. Der hatte am Abend der Bundestagswahl angekündigt: „Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.“ Das ist eine menschenverachtende Aussage – und nun wirklich kein Scherz.

Spott von Bosbach

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach jedenfalls geht auf spöttische Distanz: „Da weiß man als Regierungsfraktion gar nicht, vor wem man mehr Angst haben soll: vor der Jagdgesellschaft des Herrn Gauland oder den Fäusten von Frau Nahles?“ Vielleicht habe Nahles auch nur einen flotten Spruch machen wollen. „Aber das war nicht originell, sondern nur peinlich“, sagte Bosbach unserer Redaktion.

Er selbst war im November 2011 von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) unflätig beschimpft worden, weil er in der Euro-Frage von der Regierungslinie abwich und deshalb auf allen Fernsehkanälen erschien. „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, sagte Pofalla zu Bosbach. Das war erkennbar kein Scherz. Sehr bemerkenswert: Nahles, damals SPD-Generalsekretärin, rügte den Minister. „Die beschriebenen Pöbeleien und Beleidigungen verbieten sich in einem solchen Amt“, sagte Nahles damals der „Welt“. Was lehrt das: Sprachlich sauber ging es in der Politik noch nie zu.

„Gurkentruppe“ und „Wildsäue“

So waren Union und FDP, die zusammen mit den Grünen ein Bündnis anstreben, in ihrer Koalition 2009 bis 2013 zuletzt äußerst grob zueinander. In schlechter Erinnerung ist noch, als sich „Gurkentruppe“ (CSU über die FDP) und „Wildsäue“ (Konter der FDP) blockierten. Aber was ist das gegen die Ausraster von CSU-Chef Franz Josef Strauß, der 1983 den FDP-Politiker Jürgen Möllemann als „Riesenstaatsmann Mümmelmann“ verulkte! Die Liberale Irmgard Adam-Schwätzer nannte den Kollegen 1992 „intrigantes Schwein“. Für Aufruhr sorgte der Auftritt des Grünen Joschka Fischer vor dem Deutschen Bundestag, als er im Rahmen der Flick-Affäre den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen (CSU) 1984 mit den Worten beschimpfte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“


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