Verluste für CDU in Hochburg Cloppenburg Wo die AfD null Komma null Prozent der Stimmen holte

Alexander Gauland und Alice Weidel freuen sich am Sonntagabend über das starke Ergebnis der AfD. Foto: dpaAlexander Gauland und Alice Weidel freuen sich am Sonntagabend über das starke Ergebnis der AfD. Foto: dpa

Osnabrück. In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft noch vor der CDU. Doch auch im Westen musste die Union in ihren Hochburgen empfindliche Verluste hinnehmen. Selbst in Cloppenburg. Ein Überblick.

Am Ende waren es verschwindend geringe 0,1 Prozent, die Erst- und Zweitplatzierten in Sachsen trennten: Die AfD erreichte 27 Prozent der Zweitstimmen, die CDU nur 26,9 und damit fast 16 Prozentpunkte weniger als noch 2013. Drei Direktmandate konnte die selbsternannte Alternative den Christdemokraten obendrein auch noch abluchsen – darunter der Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge von Parteichefin Frauke Petry.

Verluste für Direktkandidatin Merkel

Im Osten gilt das politische Gefüge nicht mehr, wie es sich nach der Wende etabliert hat. In allen ostdeutschen Bundesländern schnitt die AfD überdurchschnittlich ab, landete in Thüringen und Brandenburg über 20 Prozent und in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern knapp darunter. Das bekam auch Bundeskanzlerin Angela Merkel als Direktkandidatin zu spüren. Zwar holte sie zum achten Mal in Folge ihren Wahlkreis in Vorpommern. Mit 44 Prozent der Stimmen lag sie aber deutlich hinter ihrem Ergebnis aus dem Jahr 2013 von 56,2 Prozent.

Rekord in Cloppenburg-Vechta

Und selbst dort, wo die Union ihr Rekordergebnis verzeichnete, ging es doch bergab. Nein, nicht in Bayern, sondern im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta in Niedersachsen. Mit 57,7 Prozent der Erst- und 53,1 Prozent der Zweitstimmen holte die Union hier ihr bundesweit zwar bestes Ergebnis. Wie schon 2013. Und doch waren es dieses Mal rund zehn Prozentpunkte weniger.

In der Stadt Cloppenburg im Wahlbezirk 28 landete die Union mit 25,8 Prozent der Zweitstimmen sogar hinter der AfD mit 27,5 Prozent. Ein Phänomen, dass sich in vielen Städten und Dörfern der Region beobachten lässt. Immer wieder stechen einzelne Ortschaften oder Wahllokale mit erstaunlich starken AfD-Ergebnissen hervor. Etwa Espelkamp in Ostwestfalen mit bis zu 35 Prozent in einzelnen Bezirken oder einzelne Orte und Wahllokale im nördlichen Landkreis Osnabrück. (Weiterlesen: Wo die AfD in Osnabrück die meisten Stimmen erhielt)

Die Rolle der Russlanddeutschen

Aus Rathäusern und Parteikreisen werden die punktuell auffälligen Ergebnisse vor allem der hier stark vertretenen Bevölkerungsgruppe der Russlanddeutschen zugeschrieben. Allein in der Stadt Cloppenburg machen sie rund 20 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Bundesweit sollen es etwa zwei Millionen Übersiedler aus der ehemaligen UdSSR oder ihren Nachfolgestaaten sein.

Belegt ist es nicht, dass sie für den relativen Erfolg der AfD verantwortlich sind. Achim Goerres, Professor an der Uni Duisburg-Essen, will Licht ins Dunkel bringen und startet am kommenden Montag eine sogenannte Nachwahlbefragung unter Deutschen mit Migrationshintergrund und eben auch unter Russlanddeutschen. „Wir vermuten zurzeit, dass die zweitmeisten Stimmen aus dieser Gruppe an die AfD gegangen sind.“ Die meisten an die CDU.

Der CDU einst dankbar

In der Vergangenheit hat sich der Professor wissenschaftlich mit der Bevölkerungsgruppe auseinandergesetzt. Er sagt: „Früher gab es eine gewisse Dankbarkeit gegenüber der CDU, weil die Partei mit der Einreise nach Deutschland verbunden worden ist.“ Unter der Regierung von Helmut Kohl konnten viele Russlanddeutsche zurück in das Land ihrer Vorfahren. „Die Dankbarkeit nimmt aber ab, gerade bei den jüngeren Generationen ist sie kaum noch existent.“

Die Flüchtlingskrise, so Goerres, habe das Verhältnis zur Union zusätzlich verkompliziert. Teile der Russlanddeutschen hätten auf die Debatte in Deutschland anders als der große Rest der Bevölkerung reagiert, weiß er aus zahlreichen Gespräch: „Sie erinnern sich an ihre eigene Migrationserfahrung – mit welchen Hürden die Reise nach Deutschland verbunden war. Es herrscht eine gewisse Grundstimmung in dieser Gruppe: ,Wir hatten es viel schwerer als die Flüchtlinge‘“.

Die AfD habe sehr intensiv um die Russlanddeutschen geworben, sagt Goerres, wohingegen die CDU das Stimmpotenzial lange nicht erkannt habe. „Teile dieser Bevölkerungsgruppe können schon als sehr wertkonservativ beschrieben werden.“ In den 90er Jahren hätten bereits NPD und Republikaner unter Russlanddeutschen um Stimmen geworben.

0,0 Prozent für die AfD

Nicht überall gelang es der AfD aber, so erfolgreich Fuß zu fassen wie im Osten oder mutmaßlich unter Russlanddeutschen. In der westfälischen Großstadt Münster erhielt die selbsternannte Alternative nur 4,9 Prozent der Stimmen – der einzige Wahlkreis mit weniger als fünf Prozent für die AfD. Etwas weiter nördlich im Wahlkreis Mittelems in Niedersachsen gab es zumindest ein Wahllokal, in dem die AfD noch schlechter abschnitt: Im Feuerwehrhaus in der Ortschaft Schwartenpohl in der Grafschaft Bentheim lautete das AfD-Ergebnis null Komma null. Gleiches gilt für Evinghausen, ein Ortsteil von Bramsche im Landkreis Osnabrück. (Weiterlesen: Schwartenpohl lebt vom Gemeinsinn)

Screenshot: Dirk Fisser


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