Betreuung, Arbeit, Wohnen Familienpolitik: Wo Eltern der Schuh drückt

Von Karsten Frei


Stuttgart. Milliarden Euro nimmt der Staat jährlich für die Förderung von Familien in die Hand: Mehr Kinder sollen geboren werden, mehr Mütter in den Beruf und mehr Väter Zeit zu Hause verbringen. Teils haben die Programme Erfolg, teils widersprechen sie den Wünschen der Eltern.

Stuttgart. „Kommt, Kinder, esst jetzt auf, wir müssen bald los“, ermuntert Mutter Nadine den fünfjährigen Leo und seine dreijährigen Schwester Karina. Der Tonfall der 34-Jährigen ist ruhig und freundlich, nur die hektischer werdenden Handbewegungen beim Einräumen der Geschirrspülmaschine und die häufigen Blicke auf die Küchenuhr verraten ihre steigende Anspannung. Es ist bereits 8.30 Uhr. Nadines Mann Thorsten ist bereits vor einer halben Stunde zur Arbeit gefahren. Seinen vollen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen – aus Sorge, dass sein Arbeitgeber familienunfreundlich wirkt.

30 Minuten später sind 40 Milchzähne geputzt, vier paar Schnürsenkel gebunden, zwei Reißverschlüsse hochgezogen, neun rote Ampeln im Stuttgarter Stadtverkehr überwunden und unzählige Ermahnungen zu mehr Eile ausgesprochen.

Szenen, wie sie sich täglich in rund 8,2 Millionen Haushalten abspielen – so viele Familien mit minderjährigen Kindern leben laut jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Zehn Jahre zuvor waren es noch 9 Millionen, doch der jahrzehntelange Trend zur Kinderlosigkeit scheint gestoppt: Seit 2012 beobachten die Statistiker wieder eine steigende Geburtenziffer, im Jahr 2015 erreichte sie erstmals seit 1982 wieder einen Wert von 1,5 Kindern je Frau – der Flüchtlingszuzug nicht eingerechnet. Dazu habe „nicht zuletzt die Verbesserung der Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, vor allem durch den Ausbau der Kinderbetreuung, beigetragen“, schlussfolgerte der Vizepräsident des Statistischen Bundesamts, Georg Thiel.

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Als weitere wichtige Faktoren für diese Entwicklung nennen die Experten Kindergeld, Elterngeld, Entlastung für Alleinerziehende und familienfreundlichere Personalpolitik in den Unternehmen. Allerdings: Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, wäre eine Geburtenziffer von 2,1 notwendig, betont Klaus Zeh, Präsident des Deutschen Familienverbandes (DFV). Und davon sei Deutschland, aller Mühen und der guten wirtschaftlichen Lage zum Trotz, weit entfernt.

Wie viel Geld der Staat für Familien in die Hand nimmt, ist umstritten. Immer wieder kursiert die Zahl von 200 Milliarden Euro, die jedes Jahr für rund 160 familienpolitische Leistungen fließen sollen. Laut OECD sind es rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was international nur Durchschnitt wäre. Der Familienverbund der Katholiken hat dagegen ausgerechnet, dass es nur etwa 39 Milliarden Euro seien.

Große Betreuungslücke

Leo und Karina haben es ihrer Mutter heute leicht gemacht und sich in der Kita verabschiedet, ohne eine Szene zu machen. Mit ihrem Kindergarten sind die Eltern sehr zufrieden. Auch die Suche nach dem Betreuungsplatz für sie vergleichsweise einfach. Szenen, wie sie sich im Mai in Leipzig abspielten, blieben ihnen erspart. Dort standen rund 200 Eltern stundenlang vor einer neuen Kita Schlange, in der Hoffnung, einen Platz zu ergattern.

Denn trotz des seit 2013 geltenden Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz hinkt der Anspruch immer noch der Wirklichkeit hinterher. Allein für Kinder unter drei Jahren fehlen rund 300000 Betreuungsplätze, meldet das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) im selben Monat. Sorgenkind ist insbesondere Nordrhein-Westfalen, dort liegt die Betreuungslücke bei 16,2 Prozent (77459 Plätze). In Bremen sind es sogar 20,2 Prozent (3763 Plätze). In Rheinland-Pfalz und Bayern ist die Quote ähnlich hoch.Und der Bedarf wird steigen: Laut IW braucht es mehr als eine Millionen Plätze, 2016 lag die Zahl aber gerade einmal bei 720000. Daran werde auch das Ende April vom Bundestag gebilligte zusätzliche Investitionsprogramm für 100000 neue Kita-Plätze nur teilweise etwas ändern. Die neue Bundesregierung wird Milliarden in die Hand nehmen müssen, wenn sie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreichen möchte.

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Tatsächlich möchte die Mehrheit der Eltern gerne berufliche und familiäre Aufgaben gleichberechtigt aufteilen – das zeigen Erhebungen des Familienministeriums. Mütter wollen mehr Zeit im Beruf, Väter mehr Zeit in der Familie verbringen. Doch das gelingt laut Familienministerium bislang nur 14 Prozent der Eltern. Meist arbeite der Vater Vollzeit, die Mutter nur in Teilzeit oder gar nicht.

Den Familien mehr Zeit füreinander zu verschaffen, das haben sich alle Parteien auf die Fahne geschrieben. Teilweise recht vage, wie etwa die Union mit der Idee eines Art Familien- und Lebensarbeitszeitkontos, teils sehr konkret, wie die SPD mit ihrem Konzept eines Familiengeldes, das Eltern mit finanziellen Anreizen zur Reduzierung und Angleichung ihrer Wochenarbeitsstunden bewegen will. Auch Grüne, Die Linke und FDP haben Konzepte in ihren Wahlprogrammen, die Eltern mehr Zeit verschaffen sollen.

„Ich wüsste auch gar nicht, wie ich das alles schaffen sollte, wenn ich Vollzeit arbeiten würde“, sagt Nadine. Wenn sie um 14 Uhr bei ihrer Teilzeitstelle als Verkäuferin Feierabend hat, beginnt für sie der oft nervenaufreibendere Teil des Tages: einkaufen, Aufräumen, Kinder abholen, Leo zum Fußballtraining, Karina zu einer Freundin bringen, Wäsche waschen, Kinder abholen, Essen kochen, Kinder baden und zwischendurch Zeit finden für Spielen, Vorlesen, Malen, Trösten und Kuscheln. Ihr Mann packt sofort mit an, wenn er von der Arbeit kommt – kein Füßehochlegen, kein Feierabendbier. Herausfordernd, aber erfüllend, urteilt Nadine. „Ich habe ja keine Kinder bekommen, um sie den ganzen Tag von jemand anderem betreuen zu lassen.“

Es ist ein Modell, das Risiken birgt: etwa die Abhängigkeit vom Partner, weniger Geld, Schwierigkeiten bei der späteren Rückkehr zur Vollzeit, weniger Rente. Doch Nadine ist froh, dass sie überhaupt eine Teilzeitstelle gefunden hat, die mit ihrem Familienleben kompatibel ist. Und ist bereits in Sorge, sie wieder aufgeben zu müssen.

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Nächstes Jahr wird Leo eingeschult, eine Zusage für eine Hortbetreuung hat die Familie aber noch nicht. Wie in vielen Städten übertrifft auch in Stuttgart die Nachfrage nach Betreuung das Angebot. Ende Juli zitierte die Zeitung „Die Welt“ aus einer Studie des Familienministeriums, wonach bundesweit 550000 Betreuungsplätze für Grundschüler fehlen.

Müsste Nadine ihre Arbeit aufgeben, würde das ein Loch in die ohnehin nicht prall gefüllte Familienkasse reißen. Selbst dann würde es Leo und Karina besser gehen als vielen anderen Kindern in Deutschland. 2,8 Millionen gelten als armutsgefährdet, heißt es im „Familienreport 2017“: „Fehlende oder geringe Erwerbstätigkeit der Eltern ist die wesentliche Ursache für Armutsgefährdung.“

Dass trotz dieser Zahlen immer wieder über eine Abschaffung des Ehegattensplittings nachgedacht wird und entsprechende Vorschläge es sogar in die Wahlprogramme einiger Parteien geschafft hat, darüber kann Nadine nur den Kopf schütteln. Und auch beim Deutschen Familienverband (DFV regt sich Widerstand. Die 15 Milliarden Euro, die eine Abschaffung des Ehegattensplittings laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Fiskus bringen würde, würden im Umkehrschluss Familien weggenommen.

„Erhebliche Nachteile“

Ein Unding, sagt DFV-Präsident Zeh. Es würde zu 90 Prozent Paare betreffen, die Kinder erziehen oder erzogen haben – und die hätten es ohnehin schwer genug. „Familien tragen die finanzielle Verantwortung für Kinder und haben durch den Verzicht auf volle Erwerbstätigkeit erhebliche materielle Nachteile, während die Kinder klein sind. Und sie haben im Alter Nachteile, weil die Kindererziehung in der Rente kaum anerkannt wird. Die Erziehung wird zu wenig gewürdigt vom Staat.“ Zudem sei das Ehegattensplitting keine Fördermaßnahme, sondern die faire Besteuerung einer Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft..

Neben einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht der DFV-Präsident das Thema Wohnen als Problem von Familien an. „Wohneigentum ist letztendlich auch eine Altersvorsorge“, sagt Zeh. Das haben auch die Parteien erkannt und wollen Familien mit unterschiedlichen neuen Anreizen zum Eigenheim verhelfen.

Solche Pläne hört Thorsten gerne. In ihrer Vier-Zimmer-Wohnung mit 90 Quadratmetern werde es der Familie langsam zu eng. „Eigentlich dachte ich, dass ich mit Mitte 30 in meinem eigenen Haus lebe“, sagt er. Doch davon sei die Familie angesichts der explodierenden Immobilienpreise weit entfernt. Eine Fünf-Zimmer-Wohnung in vergleichbarer Lage kann sie sich nicht leisten, zu stark sind die Mieten gestiegen. Und in einen Vorort will der 38-Jährige – noch – nicht ziehen. „Dann hätte ich durch die ganze Pendelei ja noch weniger Zeit für die Familie.“