Zur Bundestagswahl 2017 Martin Sonneborn über die Chancen der Satire-Vereinigung „Die Partei“

Martin Sonneborn spricht im Interview über die Chancen der Satire-Vereinigung „Die Partei“ bei der Bundestagswahl 2017. Foto: Patrick Seeger/dpaMartin Sonneborn spricht im Interview über die Chancen der Satire-Vereinigung „Die Partei“ bei der Bundestagswahl 2017. Foto: Patrick Seeger/dpa

Osnabrück. In seinem Brüsseler Abgeordnetenbüro legt er gerne mal die Beine genüsslich auf den Schreibtisch, grüßt fremde Kollegen in den Fluren demonstrativ mit „Mahlzeit“ und spielt Zimmergolf mit zusammengeknüllten Pressemitteilungen: Martin Sonneborn.

Als Bundesvorsitzender der Spaßvereinigung „Die Partei“ ist der Satiriker und Journalist das Enfant terrible der deutschen Politik. Vor drei Jahren wurde der Mann mit den guten Witzen und den schlecht sitzenden Anzügen 52-Jährige ins Europäische Parlament gewählt. Hier heckt der 52-jährige ehemalige „Titanic“-Chefredakteur seine oft absurden und provokativen, aber auch zum Nachdenken anregenden Aktionen aus, um das Establishment herauszufordern. So tritt „Die Partei“ in ihrem Wahlprogramm unter anderem für den jährlichen Zwangsabstieg des Hamburger SV und eine „Bierpreisbremse“ einsowie eine Rückkehr zum Notabitur aus Kriegszeiten. Als Spitzenkandidat für das Kanzleramt schickt die Satirepartei den Comedian Serdar Somuncu ins Rennen. Plakate mit Aufschriften wie „Mehr Glatze als Schulz“ und „Mehr Hitler als Erdogan“ oder „Warum nicht mal ein Türke“ werben für ihn als Kançler mit türkischem C.Im Interview mit unserer Redaktion gibt Sonneborn bereitwillig Auskunft auf drängende Fragen:

Herr Sonneborn, was ist Ihr persönliches Ziel bei dieser Bundestagswahl?

Beim letzten Mal lautete das Ziel „100 Prozent plus x“, das x stand für die verfassungsrechtlich bedenklichen Überhangmandate. Aber wir lernen ja bei jeder Wahl dazu, deswegen gehen wir diesmal nur auf 50 Prozent plus x. Uns ist aufgefallen, dass das zum Regieren reicht.

2013 kam „Die Partei“ auf 0,2 Prozent Stimmenanteil. Bei welchem Ergebnis würden Sie dieses Mal die Korken knallen lassen?

2013 standen wir nur auf einem Drittel der Wahlzettel, aber jetzt treten wir erstmals bundesweit an. In der Landtagswahl in Berlin hatten wir zwei Prozent. Ich denke, ein Prozent dürfte realistisch sein. Die niedersächsischen Schweinebauern ziehen uns natürlich etwas runter. Aber die Kronkorken knallen auf jeden Fall, wir veranstalten unsere Wahlsiegesfeiern traditionell schon am Abend vor der Wahl. Das ist sicherer.

Was entgegnen Sie der Kritik gerade aus dem linken Spektrum, „Die Partei“ sei elitär und snobistisch, und eine Stimme für sie nutze am Ende nur der AfD, weil sie die 5-Prozent-Hürde ohnehin verfehlt?

Die Sperrklausel ist nicht mehr zeitgemäß und demokratietheoretisch überholt, wir klagen im Oktober dagegen. Fast noch schlimmer finde ich übrigens, dass auch die CDU von unseren Stimmen profitieren könnte. Bei der Debatte um die AfD-Schwachköpfe wird aus den Augen verloren, wer für die aktuelle Situation in Deutschland und Europa verantwortlich ist.

Mal angenommen, Ihr Spitzenkandidat, der türkische Kabarettist Serdar Somuncu, holt ein Direktmandat in Kreuzberg. Worauf darf sich der Bundestag dann gefasst machen?

Der Gedanke ist nicht ganz unrealistisch, Ströbele tritt für die Grünen dort nicht wieder an, und es dürfte knapp werden in Kreuzberg. Ich würde mich freuen, wenn Merkel in Serdar einen adäquaten Gegenspieler bekäme im Bundestag, einen analytischen Denker, der auch die grobe Pöbelei beherrscht.

Womit konnten Angela Merkel und Martin Schulz Sie bisher überraschen?

Merkels Entpolitisierung des Politischen ist so umfassend, dass es kaum zu Überraschungen kommen konnte. Bei Chulz (sic!) frage ich mich, warum er Merkel gegenüber nicht zumindest im sogenannten „TV-Duell“ aggressiver aufgetreten ist, warum formuliert er keine politischen Alternativen? Als es mir vor Jahren bei Spiegel TV im Duell mit Matussek mal zu kuschelig geworden ist, hab ich eine halb volle Wasserflasche knapp an seinem Kopf vorbeigeworfen, danach wurde es gleich gehaltvoller. Eine Plastikflasche natürlich.

Bietet dieser inhaltsleere Wahlkampf eigentlich genügend Angriffsflächen für „Die Partei“?

Ich fürchte: ja. Den besten Wahlkampf für uns machen doch Merkel, CDU, Altmaier, die unseriöse Linke, mein alter Chef Chulz und seine Partei der ehemaligen Sozialdemokraten, die Grünen, die wenig liberalen FDP-Spinner etc. Wir müssen gar nicht so furchtbar viel tun.

Warum sollte man überhaupt Ihre Partei wählen?

Wir wollen niemanden überzeugen. Wir haben „Die Partei“ 2004 gegründet, weil wir selbst nicht mehr wussten, was man heutzutage überhaupt noch wählen kann. Es erleichtert die Wahlentscheidung ungemein, wenn Sie Ihren eigenen Namen auf dem Wahlzettel finden.

Sie haben 31 AfD-Facebook-Gruppen infiltriert. Haben Sie keine Angst vor der rechten Rache?

Eigentlich nicht, ich grüße meine Kollegin Beatrix von Strolch im EU-Parlament immer sehr höflich. Das sollte sich auszahlen.

Trauen Sie sich denn noch, Wahlkampf im Osten zu machen?

Ja, warum nicht? Ein Viertel der 25000 „Partei“-Mitglieder kommt aus dem Osten, und die „Titanic“-Lesungen sind dort genauso gut besucht wie im Westen.

Die FDP scheint neben der AfD auch ein Lieblingsgegner Ihrer Partei zu sein. Können Sie Lindners Plakate toppen?

Das versuchen wir gar nicht. Die Bundestagsverwaltung fordert von uns gerade wegen eines kleinen Spaßes – wir haben Geld verkauft, um auf unsinnige Gesetze in der unseriösen Parteienfinanzierung hinzuweisen – Strafgelder in Höhe von lustigen 350000 Euro. Wenn das Gerichtsverfahren am 21. September gegen uns ausgeht, sind wir pleite. Aus finanziellen Gründen arbeiten wir also weniger mit Plakaten als mit „Wahlplakatergänzungsaufklebern“, die wir im Internet zum Herunterladen anbieten. Quer über Lindners Plakate wird gern ein deftiges „Hurensohn!“ geklebt. Für SPD-Plakate gibt es übrigens „Jetzt SPD wählen und 1 Kugelschreiber gewinnen!“

Weiterlesen: Hier finden Sie die Wahlprogramme der Parteien zur Bundestagswahl 2017 >>

Sie sind seit drei Jahren Europaparlamentarier. Hand aufs Herz – was gefällt Ihnen daran, und was nervt total?

Gefallen tut mir, dass Jean-Claude Juncker mir zuhören muss, wenn ich im Plenum eine Minute lang zum „State of the Union“ reden darf. Nerven tun mich kleine osteuropäische Staaten, die den Sprung in die Demokratie offenbar nicht komplett vollzogen haben. Deswegen arbeite ich ja auch weiter an einer Verkleinerung der EU, nach den Briten will ich die Polen und Ungarn vor die Tür setzen.

Sie sind unter anderem für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel zuständig. Welche Ratschläge erteilen Sie dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un?

Ich hatte gerade erst ein Treffen mit dem südkoreanischen Botschafter und habe mich über die Situation informiert. Kim Jong Un ist nicht irre, nicht irrer als Trump jedenfalls. Er braucht das Bild eines starken Mannes mit Atomwaffen, um seine Macht in Nordkorea zu sichern. Ich würde ihm raten, mit einem Schild um den Hals „Atommacht!“ oder „Bumm!“ an den Verhandlungstisch zurückzukommen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Donald Trump – immerhin verfolgen Sie ja auch als Ziel den Bau einer Mauer zwischen West- und Ostdeutschland?

Ungebrochen gut. Obwohl ich neulich aus überflüssigen EU-Mitteln ein paar Tausend T-Shirts mit dem Aufdruck „Truck Fonald Dump“ produziert und verschenkt habe.

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