Bundestagswahl FDP-Hochburg Ehrenburg: Von Heini, dem ländlichen Obama

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Der FDP-Vorsitzende der Gemeinde Ehrenburg, Henning Jürgens, sitzt in seinem Wohnzimmer vor den Ordnern mit Fotos und Erinnerungen an seinen Vater, den FDP-Politiker und ehemaligen Minister Heinrich-Jürgens. Foto: Marion TrimbornDer FDP-Vorsitzende der Gemeinde Ehrenburg, Henning Jürgens, sitzt in seinem Wohnzimmer vor den Ordnern mit Fotos und Erinnerungen an seinen Vater, den FDP-Politiker und ehemaligen Minister Heinrich-Jürgens. Foto: Marion Trimborn

Osnabrück. Besserverdienende hippe Städter sind hier nicht zu finden. Ehrenburg im Landkreis Diepholz ist vor allem von der Landwirtschaft geprägt - und eine FDP-Hochburg. Bei der vergangenen Bundestagswahl holte die Partei hier 14,5 Prozent. Es war vor allem ein Mann, dem dieser Erfolg zuzuschreiben ist.

Der Heini, der war ein Tausendsassa. Einer, dem alles gelang und der jeden für sich einnehmen konnte. Der hatte einen Namen wie Donnerhall. Und wen der Heini alles kannte. Der hat den Hans-Dietrich Genscher zum Schützenfest hier auf‘s Land eingeladen und der kam tatsächlich und hat auf dem Hof vom Heini die Parade der Schützen abgenommen hat. Und Biersaufen konnte der Genscher, das hätte keiner von dem gedacht.

Wir sitzen beim Bier, alkoholfrei, weil ja noch Vormittag ist, mit dem Bürgermeister der Gemeinde Ehrenburg, Hans-Jürgen Schumacher, und Heinis Sohn, dem Henning, auf dem elterlichen Hof, der seit 1567 in Familienbesitz ist. Wer in die Gemeinde Ehrenburg im Landkreis Diepholz kommt und verstehen will, warum hier die FDP seit Jahrzehnten so stark ist wie sonst nirgends in Niedersachsen, der hört viel vom Heini. Sein ganzer Name lautet Heinrich Jürgens. Im Dorf eine Berühmtheit, ein ländlicher Barack Obama. Weil den Spruch vom Obama, „Yes we can“, den hatte der Heini schon 30 Jahre früher erfunden, natürlich auf Plattdütsch: „Wi könt dat, un wi moakt dat!“ („Wir können das und wir machen das“, frei übersetzt: „Wir schaffen das.“ )

Eintrag bei Wikipedia

Sein Sohn Henning, selbst schon 65, blättert in den Ordnern. Mehr als 20 Stück davon hat er, darin akribisch gesammelt: Fotos von seinem Vater und den Politik-Größen, erst schwarz-weiß, später bunt, edle Einladungskarten vom Bundespräsidenten und Zeitungsausschnitte. Im Internet-Lexikon Wikipedia, das ein anderes Maß für Prominenz anlegt, ist das Leben vom Vater, Heinrich Jürgens, auf nur 18 Zeilen geschrumpft: Landwirt, FDP-Politiker, 30 Jahre lang politisch aktiv, eine klassische Karriere. Seit den 1960er Jahren im Kreistag, später war er Landrat und Abgeordneter im Landtag, einige Jahre im Europaparlament und schließlich Bundesminister für Bundes- und Europaangelegenheiten. Träger des Bundesverdienstkreuzes. Und vor allem hat er der FDP in der Gemeinde Stimmen gebracht wie keiner mehr nach ihm. Die FDP, das ist in Ehrenburg die Partei vom Heini. Und dann von seinem Sohn Henning, der bis heute FDP-Ortsvorsitzender ist. „Von meinem Vater habe ich vor allem eines gelernt: Dass man sich mit der Feuerwehr und dem Schützenverein niemals anlegen darf. Mit denen muss man Bier trinken“, sagt Henning schmunzelnd. Die Politik war zuerst gar nicht seines, erst mit 40 trat er in die Partei ein und hielt die Familientradition hoch.

Jürgens kümmerte sich um alles

Ortseingangsschild der Gemeinde Ehrenburg im Landkreis Diepholz. Sie ist eine Hochburg der FDP. Foto: Marion Trimborn

Etwas weiter, in „Mollys Frischemarkt“ an der Hauptstraße, redet Marie-Luise Heider ausnahmsweise mal über Politik. Seit mehr als 25 Jahren gehört ihr der Frischemarkt in Ehrenburg. „Eigentlich bin ich nicht politisch motiviert“, sagt Heider, die alle nur „Molly“ nennen. „Ich habe nicht die FDP gewählt, sondern den Heini.“ Weil der sich um jeden gekümmert hat, wenn mal der Schuh drückte. Als ihr Mann damals keine Genehmigung für sein Gewerbe, das Fahrrad-Flicken, bekommen hat, hat der Heini sich eingeschaltet, irgendwo beim Amt. Vier Wochen später war die Genehmigung da. „Und er wollte noch nicht mal was dafür haben“, sagt Molly lächelnd.

Felder und Moor

Aber warum wählen heute immer noch so viele Ehrenburger FDP? Der Heini ist seit elf Jahren tot, der reicht als Erklärung nicht aus. Vielleicht ist es eher so: Ehrenburg, Gemeinde mit 1560 Seelen, ist so eine Art Wohlstandsinsel. Die Häuser sind schick verputzt, die Höfe groß und mit viel Land drumherum, oft seit Jahrhunderten im Familienbesitz. Die Gemeinde liegt inmitten von abgeernteten Feldern, Wiesen und Moor, 87 Windkraftanlagen und kilometerlangen Baumalleen. Alles ist ordentlich und sauber, die Leute können ihre Fahrräder über Nacht draußen stehen lassen. Hier kommt nichts weg. Die Gemeinde ist so klein, dass man mit dem Auto von einem Ortsschild zum nächsten die Hauptstraße lang nur eineinhalb Minuten braucht. Hier kennt jeder jeden. Die Parteiforschung weiß, dass FDP-Wähler mehrheitlich glücklich sind.

Über Generationen vererbt

Solche Strukturen sind laut Experten typisch für eine Hochburg. Sozialstrukturelle Bindungen, die sonst überall kaputt gehen, haben dort noch Bestand, die Parteipräferenz vererbt sich von Generation zu Generation. Im Ort und in der Samtgemeinde Schwaförden gibt es eine lange Tradition des Liberalismus, der Wahlkreis ist seit jeher ein sicherer Stimmenlieferant für die Liberalen. Die Ehrenburger können über das ehemalige „Projekt 18“ der Bundespartei FDP nur müde lächeln. Bei der Samtgemeindewahl 1981 schaffte die FDP mit unfassbaren 59 Prozent die absolute Mehrheit. Bei der Bundestagswahl 1980 hatte die FDP 29 Prozent - und selbst bei der letzten Bundestagswahl 2013, als die FDP es nicht wieder in den Bundestag schaffte, bekam sie in Ehrenburg noch 14,5 Prozent. Und in der Samtgemeinde 2015 noch 11 Prozent.

Partei der reichen Männer

Vielleicht liegt es daran, dass die Ehrenburger wohlhabend sind? Die FDP ist die Partei der „reichen alten Männer“, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) jüngst schrieb, mit einem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen von monatlich mehr als 3900 Euro. Helmut Denker, Bürgermeister der Samtgemeinde Schwaförden, stutzt erst einmal, als er nach dem Einkommen und den Sozialhilfeempfängern gefragt wird. „In unserer Gegend geht es den Leuten eigentlich ganz gut“, sagt er vorsichtig. Am nächsten Tag hat er die Zahlen parat: Von 6898 Einwohnern bekommen nur 263 Sozialhilfe, und da sind die Kinder schon eingerechnet, weniger als vier Prozent also. Zum Vergleich: In Berlin, bundesweit an der Spitze, sind es fast 20 Prozent der Einwohner.

Gewisser Besitzstand

Und die Sache mit dem Einkommen? Denker, der nicht gerne viele Worte macht, blättert in seinen Statistiken, rechnet und murmelt: „Das kommt ungefähr hin.“ Seine Gemeinde ist die Region der Bauern, „die von alters her einen gewissen Besitzstand haben“, sagt er. Der Anteil der örtlichen Landwirtschaft ist mit 40 Prozent an der Wirtschaftsleistung hoch. Lauter Landwirte sind in der FDP aktiv. Er selbst, seit 19 Jahren im Amt, ist parteilos: „Es geht doch nicht um das Parteibuch, sondern um die Sache.“

Viele selbstständige Landwirte wählen schon immer FDP. Weil die Partei verspricht, dass der Staat die Wirtschaft in Ruhe lässt. Die Liberalen stehen für Freiheit, Steuersenkungen und weniger Bürokratie und wollen, dass der Staat weniger Sozialausgaben zahlt. Das passt zum Bild des freiheitsliebenden Bauern, der nach dem Motto lebt: „Ich bin ein freier Bauersmann und schaff mir 20 Kühe an.“ Im Grundsatzprogramm der Partei heißt es, „dass jeder Mensch faire Chancen haben soll, von seiner eigenen Arbeit leben und nach eigener Fasson glücklich werden zu können.“

Viele Bauern sind stolz darauf, dass die FDP seit den 80er Jahren gegen die EU-Agrarsubventionen kämpfte. Landwirt Henning Jürgens erinnert sich, wie die Preise damals ins Bodenlose fielen und er ums wirtschaftliche Überleben kämpfte. Umgerechnet 9 Euro gab es nur noch für den Doppelzentner Roggen, heute sind es wieder 15 Euro. „Die FDP schaut immer, was gut für die Landwirte ist. Ein ordentlicher Preis ist mir lieber, als die ganzen Subventionen zu nehmen.“

Viele Bauern geben auf

Doch inzwischen haben die Agrarkrise und das Höfesterben auch die Gemeinde erreicht. Manche Bauern krebsen am Rande der Existenz herum. „Das ist alles Schein“, sagt Henning, wenn er auf die reichen Bauern angesprochen wird. Einige Höfe stehen leer, kleine Bauern verpachten ihr Land, ein Familienbetrieb müsse heute 50 bis 60 Hektar haben, um rentabel zu sein. Bei Henning gibt’s schon lange keine Kühe, Schweine und keine Bullenmast mehr. „Ich bin ein auslaufender Betrieb“, sagt er. Mit 65 Jahren. Die Marge unter dem Strich sei zu schmal. Er würde gerne den leer stehenden Stall in Wohnungen umbauen. „Aber da müssen sie mir die Leute bringen, die da drin wohnen wollen. Wir sind einfach zu weit ab vom Schuss.“ Bis nach Bremen sind es 50 Kilometer, nach Osnabrück 100 Kilometer weit. Die Gemeinde leidet unter der ganzen Palette ländlicher Probleme: eine alternde Bevölkerung, fehlende Arbeitsplätze, ein Exodus der Jugend, die wegzieht. Die Gemeinde hat heute 140 Einwohner weniger als vor fünf Jahren. Die Kreissparkasse hat zugemacht und eine Grundschule geschlossen.

FDP-Wahlergebnis bröckelt

Zeitgleich mit dem Höfesterben bröckelt das Wahlergebnis der FDP in Ehrenburg nach und nach ab. „Die FDP fällt hier in Ehrenburg auf das Normalmaß zurück“, sagt Ehrenburgs Bürgermeister Schumacher, der die Wählergemeinschaft umweltfreundliches Leben vertritt. Er findet das nicht schlimm. Schumacher ist Rektor der Oberschule und sitzt nach dem Unterricht vor den Bücherregalen im Lehrerzimmer. Mit seiner legeren Kleidung und der runden Intellektuellen-Brille setzt er sich äußerlich von den Landwirten ab. Schumacher findet die Vorherrschaft einer Partei schwierig. „Die FDP hat so lange dominiert, da entstand danach ein Vakuum, eine Gegenbewegung.“

Heinis Memoiren

Wie die FDP bei der Bundestagswahl wohl abschneiden wird, will auch der Bürgermeister der Samtgemeinde, Denker, nicht vorhersagen. Ihn beschäftigt vielmehr die Frage, ob die Memoiren vom Heini wohl irgendwann veröffentlicht werden. 120 Seiten hat sein Büro säuberlich abgetippt, Heinrich Jürgens hatte darum gebeten, doch dann kam die Krankheit dazwischen. „Vielleicht werden die Memoiren irgendwann noch erscheinen. Aber da muss erst der Sohn noch zustimmen“, sagt Denker.


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