Um Abwanderer zur AfD kämpfen Merkel im Interview: Diese Wahl ist völlig offen


Osnabrück. Vier Wochen vor der Bundestagswahl am 24. September hält Bundeskanzlerin Angela Merkel den Ausgang der Abstimmung für absolut offen. Über den Wahlkampf, Flüchtlinge und Wurzeln und Zukunft der CDU sprach sie mit uns im Interview.

Diese Wahl wird richtig eng: Davon ist Angela Merkel überzeugt. „Man kann gerade in diesen Tagen Umfragen lesen, wonach sich 46 Prozent der Menschen noch nicht entschieden hätten“, sagte die CDU-Vorsitzende im Interview und verwies zum Auftakt der heißen Wahlkampfphase ferner auf die jüngsten Landtagswahlen. Diese seien allesamt ausgesprochen knapp ausgegangen. „Viele Menschen glauben nicht, dass ihre Stimme zählt, aber es ist so“, sagte Merkel. Sie werde bis zum letzten Tag um jede einzelne Stimme für die CDU kämpfen. (Hier lesen Sie das ganze Interview im Wortlaut)

Den Vorwurf, der AfD zu viel Raum gegeben zu haben, wies Merkel zurück. Deutschland habe im Jahr 2015 Hunderttausenden von Menschen in einer großen humanitären Notlage geholfen. „Ich bin damals wie heute davon überzeugt, dass das richtig war und dass unser Land sich von einer sehr guten Seite gezeigt hat“, sagte Merkel.

Milde setzte sich die Kanzlerin von der Kritik des CDU-Präsidiumsmitglieds Jens Spahn ab. Er zählt zum konservativen Flügel und hat in Berlin zu seinem Verdruss eine Parallelgesellschaft von bevorzugt Englisch kommunizierenden Hipstern ausgemacht. „Ich persönlich freue mich, wenn unsere Gesellschaft sich sowohl durch Vielfalt als auch durch Zusammenhalt auszeichnet. Beides macht die Stärke unseres Landes aus“, sagte Merkel dazu.

Die CDU-Chefin kündigte an, Abwanderer zur AfD nicht aufgeben zu wollen. „Wir sprechen im Wahlkampf mit allen Menschen, die zuhören, denn es ist mir wichtig, ihre Sorgen zu verstehen und unsere Lösungsangebote zu machen“, sagte die Kanzlerin mit Blick auf die Klientel der Partei. Bei Auftritten in jüngster Zeit war Merkel von AfD-Anhängern vor allem im Osten massiv beschimpft worden, zuletzt in Vacha/Thüringen.

Ein politisches Comeback von Karl-Theodor zu Guttenberg in einem neuen Bundeskabinett schloss Merkel nicht aus. Auf die Frage, ob der 2011 wegen einer Plagiatsaffäre zurückgetretene CSU-Politiker für sie nach der Wahl als Bundesminister denkbar sei, sagte sie: „Ich freue mich, dass Karl-Theodor zu Guttenberg im Bundestagswahlkampf einige Veranstaltungen macht.“ Sie träfe sich mit ihm immer mal wieder, beide stünden in einem „guten Kontakt“. Allerdings wisse sie nicht, „was er sich selbst für seine Zukunft vorstellt“, so die Spitzenkandidatin von CDU/CSU.

Merkel bekräftigte, dass es ihr Ziel sei, die Hälfte der Posten in einem neuen Kabinett mit Frauen zu besetzen. „Ich müsste natürlich abwarten, welche Vorschläge mir die möglichen Koalitionspartner machen, aber es könnte gelingen.“

In aktuellen Umfragen liegt die Union in der Sonntagsfrage gegenwärtig bei 39 Prozent (minus 1), die SPD bei nur noch 22 Prozent (minus 2). Spannend wird aber, wie die kleinen Parteien abschneiden und welche Regierungsmehrheiten sich dadurch ergeben oder erübrigen.Seiten 4 und 5


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN