Die Stimmung vor der Wahl Angst vor sozialem Abstieg auf historischem Tiefstand

Ein Auszubildender im Tischlerhandwerk bei der Arbeit in Hannover. Die Deutschen sind sich ihres Jobs immer sicherer, die Abstiegsängste nehmen ab. Foto: dpaEin Auszubildender im Tischlerhandwerk bei der Arbeit in Hannover. Die Deutschen sind sich ihres Jobs immer sicherer, die Abstiegsängste nehmen ab. Foto: dpa

AFP/epd/uwe Leipzig. Die SPD macht Wahlkampf mit dem Thema „soziale Gerechtigkeit“. Dazu passt eine Auswertung des Wirtschaftsministeriums, nach der die Lohnungleichheit in Deutschland deutlich gestiegen ist. Andererseits ist die Angst der Deutschen vor dem sozialen Abstieg auf einen historischen Tiefstand gesunken.

Gut ein Drittel der Bundesbürger fürchtet sich vor dem Abstieg. Das ist der niedrigste gemessene Wert seit der Wiedervereinigung, wie Forscher der Universität Leipzig herausfanden. Von 2006 bis 2016 hat sich demnach der Anteil der Erwerbstätigen, der sich vor Abstieg fürchtet, von 64 Prozent auf etwas über 33 Prozent nahezu halbiert.

Die Forscher sehen für den vor allem in Ostdeutschland zu beobachtenden Rückgang der Abstiegsängste zwei Gründe. So seien die Unsicherheiten in Bezug auf den eigenen Job nicht weiter gestiegen und teilweise sogar gesunken. Zudem hätten die Erwerbstätigen einen neuen Umgang mit Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt erlernt. Das „mentale Sicherheitsgefühl“ habe trotz objektiv weiter existierender Erwerbsrisiken und Ungleichheiten bei allen Erwerbstätigen zugenommen.

Lohnungleichheit auf „historisch hohem Niveau“

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist die Lohnungleichheit auf ein „historisch hohes Niveau“ gestiegen. Das geht aus einem internen Faktenpapier des SPD-geführten Ministeriums hervor, das sich damit verstärkt in die Wahlkampfdebatte um eine gerechtere Einkommensverteilung einschaltet. Darin heißt es, zwischen 1991 und 2014 hätten Haushalte mit niedrigen Einkommen reale Einkommenseinbußen in Höhe von fünf bis zehn Prozent hinnehmen müssen. Gleichzeitig hätten Haushalte mit hohen Einkommen reale Einkommenszuwächse in Höhe von über 25 Prozent erzielt.

Linken-Chef Bernd Riexinger machte die Sozialdemokraten für die Entwicklung bei den Löhnen mitverantwortlich. „Wunderbar, dass die SPD nach fünfzehn Jahren Regierungsbeteiligung die Lohnungleichheit für sich entdeckt“, sagte Riexinger der Nachrichtenagentur AFP. Er hoffe, dass Zypries diese „Ironie“ nicht entgehe. „Dass die realen Bruttolöhne der unteren 40 Prozent im Jahr 2015 teilweise deutlich niedriger waren als 1995, zeugt von massiv fehlgeschlagener und schreiend ungerechter Politik.“ Riexinger folgerte, „Umverteilung von oben nach unten“ sei dringender nötig sei als jemals zuvor.

Auch Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt äußerte Kritik und monierte, dass „viel zu vielen Menschen in Deutschland“ der soziale Aufstieg verwehrt werde, weil ihnen keine gerechten Löhne gezahlt würden.

Soziale Gerechtigkeit kein Spitzenthema

Doch was ist „soziale Gerechtigkeit“? Die Bürger verstehen darunter eine ganz Bandbreite von Themen, wie eine Umfrage des Instituts YouGov ergeben hat. Demnach findet mit 79 Prozent zwar eine große Mehrheit der Deutschen, dass es hierzulande an sozialer Gerechtigkeit mangelt. Großes Mobilisierungspotenzial hat das Thema aber offenbar nicht.

Der repräsentativen Umfrage zufolge meinen vier von zehn Befragten, dass Deutschland ein sehr großes Problem in dem Bereich soziale Gerechtigkeit hat. Zugleich sind aber mehr als die Hälfte (60 Prozent) der Ansicht, dass es in Deutschland insgesamt eher gerecht zugeht. Dies sehen vor allem Wähler von Union, Grünen, FDP und - mit Einschränkungen - auch der SPD so. Wähler der Linken und der AfD sowie vor allem Nicht-Wähler schätzen die Lage mehrheitlich schlechter ein.

Die Befragung ergab zudem, dass soziale Gerechtigkeit auch bei der Wahlentscheidung eine Rolle spielt, allerdings hinter Themen wie Alters- und Gesundheitsversorgung, Schutz vor Verbrechen und Terror rangiert. Wichtigstes Wahlthema ist es für rund ein Viertel (24 Prozent) der Befragten. Diese wählen häufig die Linke oder die AfD - oder gehen gar nicht zur Wahl. Grundsätzlich gilt, dass die Befragten diejenige Partei beim Thema soziale Gerechtigkeit für am kompetentesten halten, die sie auch wählen.


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