Forscher erfinden Nachrichten Fake-News-Experiment: Die Falschmeldungen, die ich rief

Von Maik Nolte

Noch rechter kann ein Medium kaum aussehen: Die Forschergruppe wollte untersuchen, inwiewiet Leser ihrer Falschmeldungen die Quelle prüfen. Foto: Uni HohenheimNoch rechter kann ein Medium kaum aussehen: Die Forschergruppe wollte untersuchen, inwiewiet Leser ihrer Falschmeldungen die Quelle prüfen. Foto: Uni Hohenheim

Osnabrück. Falschmeldungen verbreiten sich im Netz rasant – eine Binsenweisheit. Lässt sich das in einer Art Feldversuch überprüfen? Das wollte ein Forscherteam der Uni Hohenheim herausfinden. Mit einem Experiment.

Da war er also, der Beweis, auf den all diejenigen gewartet haben, die für ihre Überzeugungen ansonsten eigentlich keine Beweise brauchen: Flüchtlinge nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg! Genauer gesagt: Ein Flüchtling bekam einer im Netz veröffentlichten Meldung zufolge den Job, der von Rechts (und wohl auch Bluts) wegen dem biodeutschen Malermeister Reiner D. zugestanden hätte. Stand schließlich im Internet, auf einer Seite, die immerhin das Wort „Nachrichten“ im Untertitel führt. Und als wäre das nicht genug, bekommen „die Asylanten“ jetzt auch noch Gratis-Sex auf unsere Kosten. Stand da ebenfalls. Danke, Merkel!

Nur waren diese Meldungen von vorn bis hinten erfunden, und zwar von Wissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart. Ein Team unter Leitung des Medienforschers Wolfgang Schweiger wollte im Rahmen einer TV-Dokumentation die Verbreitungsdynamik von Fake News in den sozialen Netzen unter die Lupe nehmen, und am besten geht das, wenn man die entsprechende Falschmeldung selbst erst erzeugt – so der Grundgedanke des Experiments. „Wir haben Nachrichten genommen, die Vorurteile bestätigen und von denen wir deshalb denken, dass sie gerne weitergeleitet und geliked werden“, sagte Schreiber in der Reportage „Im Netz der Lügen“ (abrufbar in der ARD-Mediathek). Die langlebige Mär vom arbeitsplatz- und frauenwegnehmenden Migranten drängt sich da geradezu auf. Malermeister Reiner D. existiert nicht, sein Weltbild schon.

Eine Seite, eine Gruppe, eine Handvoll Meldungen

Die Versuchsanordnung der Hohenheimer Forscher war überschaubar: Sie starteten eine Internetseite, gründeten eine Facebook-Gruppe und eröffneten Nutzer-Accounts unter deutschen Allerweltsnamen. Sie gaben sich bewusst keine besondere Mühe, Seriosität oder auch nur Neutralität vorzugaukeln: Ihre Internetseite mit dem Namen „Der Volksbeobachter“ erinnert nicht nur vom Titel her an das NSDAP-Zentralorgan „Völkischer Beobachter“, sondern ist in ihrer Aufmachung unschwer als rechtsextrem einzuordnen: Schwarz-weiß-roter Streifen, reichsadlermäßiges Logo, „Deutsche Nachrichten“ im Untertitel.

Einer Geschichte aus einer derartigen Quelle – muss der Leser die nicht geradezu automatisch mit Argwohn betrachten? Und: Kann man das vom Facebook-Nutzer erwarten oder gar einfordern? Nach Ansicht des Forscherteams: ja. „Gerade bei Meldungen mit hohem Erregungspotenzial sollte der Nutzer aber auch mal genauer hinschauen“, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion. Das sei aber nicht passiert: „Keiner hat gesagt, ‚Volksbeobachter.de‘, das ist ja krass, das müssen Nazis sein!“, bilanziert Schweiger. Das bestätige ihn in der Ansicht, dass Nutzer sozialer Medien „kaum auf die Quellen achten, wo etwas herkommt, sondern nur auf die Inhalte und ob sie ihnen in den Kram passen“, sagte der Professor für Kommunikationswissenschaft dem Deutschlandfunk.

Weihnachtsmarkt-Déjà-vu

Den Rang einer wissenschaftlichen Studie hat das TV-Experiment nicht: Es lief nur über wenige Wochen, nur eine Handvoll Fake News lancierte das Forscherteam für das Doku-Projekt. Das klang dann etwa so: Die Grünen wollen ein Café namens „Mohrenkopf“ in einem Ort namens „Lämmingsheim“ schließen. Wegen des politisch nicht korrekten Namens; und wer denkt da nicht gleich an die ebenso end- wie fruchtlosen Debatten um Weihnachtsmärkte, die „wegen der Flüchtlinge“ in Wintermärkte oder Ähnliches umbenannt werden sollten? Entsprechende Meldungen, die im letzten Winter dutzendfach durch das Netz schwirrten, wurden zwar als erfunden, grob verfälscht oder schlicht als schlechter Journalismus entlarvt – aber in Zeiten, in denen der Begriff der politischen Korrektheit zum roten Tuch des Wutbürgers geworden ist, ziehen solche Nachrichten immer wieder. Motto: Die Grünen mal wieder.

Bezahlt der Landrat Prostituierte?

Ins Absurde steigerten sich die Forscher dann, als sie die Falschnachricht in die Welt setzten, in dem Örtchen „Bad Eulen“ bekämen Asylbewerber aus dem dortigen Flüchtlingsheim Gratis-Sex mit Prostituierten, auf Kosten des Landratsamts. Keine ganz neue Fake News, ähnliche Berichte geistern seit geraumer Zeit im Netz herum. Sex sells – das gilt auch für Hetze. Diese Meldung erzielte die mit Abstand größte Reichweite von allen: 11.000 Likes, mehr als 150-mal geteilt. „Das ist jetzt auch nicht die Welt“, bilanzierte Schweiger im Deutschlandfunk – aber gemessen am betriebenen Aufwand und daran, dass man ja bei null angefangen habe, „eine ganz erstaunliche Ausbeute“.

11.000 Nutzer, von denen die meisten die Fake-Nachricht vom steuerfinanzierten Love-Mobil für Asylbewerber deshalb geliked haben dürften, weil sie sie für bare Münze genommen haben – das gibt zu denken, ist andererseits aber auch nicht erstaunlich. „Das Problem bei Falschmeldungen ist, dass sie dramatischer gestaltet sind, dass sie sich interessanter lesen, dass sie fantastischer sind – und deswegen immer auch stärker“, sagt Andre Wolf von „Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch“, der sich auf seiner Internetseite mimikama.at der Aufklärung über und Richtigstellung von Falschmeldungen widmet. „Daher wird sich eine dramatische, erfundene Meldung stärker verbreiten als eine sachlich-nüchterne“, so Wolfs Erfahrung.

Ein Bild sagt mehr als tausend Fakten

Dazu reicht auch ein Bild, das in einen erfundenen Kontext gestellt wird – etwa ein Foto, das angeblich muslimische Zuwanderer zeigt, die sich an einer bayrischen Kirchenwand erleichtern und das ebenfalls seine Runde durch die sozialen Netzwerke machte. Das Foto an sich war nicht gefälscht, es zeigte aber weder Muslime noch Wildpinkler – es handelte sich um eritreische Christen beim Beten. Dass das Bild für ausländerfeindliche Hetze herhalten musste, ist unter anderen auf den Ex-NPD-Chef und Europaparlamentarier Udo Voigt zurückzuführen. „Kirche in München, sechs Neubürger urinieren an das christliche Gotteshaus. TEILEN das auch der letzte Gutmensch diese Sauerei mitbekommt. [...] Stellt euch vor was die mit uns machen würden wenn wir selbiges an einer Moschee tun ?“, schrieb der Rechtsextremist auf Facebook.

Von den Machern der Doku darauf angesprochen, gibt Voigt unverblümt zu: „Natürlich ist das Stimmungsmache.“ Schließlich erlebe er ja auch ständig Stimmungsmache gegen seine Partei. Heißt wohl: Dann wird eben zurück-stimmungsgemacht. Es gebe „Millionen von Menschen in Deutschland, die wollen die Migranten hier nicht haben, und für die ist das natürlich eine willkommene Meldung, die man erst einmal bringen kann“, sagt Voigt. Er würde sich heute bei den Betroffenen entschuldigen, fügt er hinzu. Hat er aber nicht. Auch der Facebook-Post zum erfundenen Pinkel-Aufreger vom August ist erst in dieser Woche von Voigts Seite verschwunden – nach der Ausstrahlung der Doku.

Die Polizei: Freund, Helfer, Klarsteller

Das Problem beschränkt sich keineswegs immer nur auf die Filterblasen der üblichen Verdächtigen, etwa in rechten Kreisen. Längst sind die Pressestellen der Polizei dazu übergegangen, aktiv über die sozialen Netze Fake News entgegenzuwirken. Im April etwa sah sich die Polizei Braunschweig genötigt klarzustellen, dass keine „IS-Zelle mit 23 Tätern festgenommen“ worden war. Und im vergangenen Jahr hatten in Niedersachsen Falschmeldungen über Horror-Clowns so überhandgenommen, dass die Polizei ganz offiziell jene Empfehlung äußerte, die Medienforscher seit Langem gebetsmühlenartig wiederholen: „Wir raten dazu, sich entweder bei seriösen Anbietern zu informieren oder auf verifizierten Portalen zu vergewissern.“

Auch Schweigers Forschergruppe weist auf Handlungsbedarf hin. Dies sei eine Frage der Bildungspolitik, sagt eine Mitarbeiterin auf Nachfrage: „Über die Problematik mit Fake News muss schon in Schulen aufgeklärt werden.“ Außerdem müsse damit aufgehört werden, „die IT-Unternehmen mit Samthandschuhen anzufassen“: Facebook und Co „müssen Regularien einführen, die die Eindämmung von Fake News gewährleisten“.

Unterrichtsstoff Fake-News-Identifizierung

Wolf verweist darauf, dass man in Österreich bereits die ersten Schritte getan habe. „Wir haben seit Jahresbeginn einen Vertrag mit dem Bildungsministerium und werden, zum Beispiel mit Videos, an die Schulen gehen“, sagt der „Mimikama“-Sprecher. „Es geht dabei um die eigene Identität im Netz, um Cybermobbing, aber auch um schwierigere Fragen wie etwa: Wo finde ich ein Impressum, wie habe ich es zu bewerten – und was bedeutet eigentlich ein Impressum?“

Immerhin, das Hohenheimer Experiment gibt auch Anlass zu Hoffnung. Zur Gratis-Sex-Geschichte fiel dem einen oder anderen Nutzer auf, dass es gar keinen Ort namens „Bad Eulen“ gibt. „Ihr Lügenbolde“, schrieb einer in seinem Facebook-Kommentar. Ob er die Fake-News-Problematik erkannt hat? Oder sich vielleicht in einem bereits vorhandenen Grundmisstrauen gegen Medien bestärkt sieht? Das können auch die Wissenschaftler nicht wissen.

Und einmal in der Welt, lassen sich solche Falschmeldungen in der Regel kaum wieder einfangen, weiß Andre Wolf. „Die Falschmeldung hat, weil sie interessanter klingt, einen Riesenvorsprung, und es dauert ganz, ganz lange, bis so weit daran geknabbert wurde, dass sie als Falschmeldung entlarvt ist.“ Immerhin, mittelfristig setzen sich seiner Überzeugung nach die Fakten durch: „Das Gute an der Richtigstellung ist, dass sie am Ende langatmiger ist und erhalten bleibt.“ Wolf hat auch ein Beispiel parat, ein eher harmloses: „Ein Vater hat über Facebook seine verschwundene Tochter gesucht, das wurde über 40.000-mal geteilt. Zwei Stunden später schrieb er: Ich habe sie gefunden, war alles gar nicht so schlimm. Das teilten dann noch gerade mal 1000 Nutzer. Das hat letztlich niemanden mehr interessiert.“

Wer bekommt die Aufklärung mit?

Auch das Hohenheimer Forscherteam ist sich der Problematik durchaus bewusst, aktiv Falschmeldungen verbreitet zu haben. „Das ist ein Grundproblem, auch in der experimentellen Wissenschaft: Die Teilnehmer werden am Ende des Experiments über die Hintergründe aufgeklärt, aber nicht alle bleiben auch bis zum Ende dabei“, heißt es auf Anfrage. Zwar habe man auch das Fake-News-Experiment aktiv offengelegt, die Falschmeldungen enttarnt und sei auch erneut in Diskussionen hineingegangen, die sich um diese entsponnen hatten. Aber: „Es wird trotzdem Leute geben, die das nicht mehr erreicht hat.“

Sprich: Die erfundenen Hetzmeldungen sind in der Welt. Sie hineinzubringen erforderte wenig Mühe und Zeit – sie wieder geradezubiegen umso mehr.

Die Internetseite des „Volksbeobachters“ ist noch online, aber ihr experimenteller Charakter mittlerweile unübersehbar klargestellt. Hat das Experiment jemanden zum Grübeln gebracht, die Online-Welt vielleicht gar ein Stück besser gemacht? Nun ja – zum letzten Eintrag in der Facebook-Gruppe, in dem die Forscher den Hintergrund des Ganzen offenlegten, gibt es lediglich drei Kommentare. Einer davon besteht aus Lügenpresse-Geschwafel, in einem anderen steht, mit Blick auf Gratis-Sex und „Café Mohrenkopf“: „Ich für meinen Teil würde den Ämtern und auch den Grünen diese Dinge schon zutrauen.“

Was zu beweisen war.

(Alle Teile unserer Populismus-Serie finden Sie hier.)