„Offensive im Deutsch-Unterricht“ Verband: Schüler können lange Texte nicht mehr verstehen

Von Beate Tenfelde

Können Deutschlands Schüler bald keine längeren Texte mehr lesen? Foto: dpaKönnen Deutschlands Schüler bald keine längeren Texte mehr lesen? Foto: dpa

Osnabrück. Mal Lücken, mal eine Schwemme: Warum lässt sich der Bedarf an Lehrern so schlecht planen? Können Deutschlands Schüler bald keine längeren Texte mehr lesen? Was ist von den Wahlversprechen in der Bildungspolitik zu halten? Dazu im Interview Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands.

Herr Meidinger , alle paar Jahre ist das Geschrei groß: Mal fehlen Lehrer, mal haben wir eine Schwemme. Ließe sich das klüger planen?

Es wäre zu simpel, alle Kultusminister als Versager zu bezeichnen. Den Zustrom von Flüchtlingskindern oder die Rückkehr von acht auf wieder neun Gymnasialjahre in den alten Bundesländern konnte so niemand vorhersehen. Beides aber verändert massiv den Lehrerbedarf. Aber richtig ist auch: Bei den Bedarfsprognosen sind die Kultusministerien zu vorsichtig. Die Politik hat Angst, bei Bewerbern zu hohe Erwartungen zu wecken. Wenn es dann zu Lücken kommt, erhält oft jeder einen Zuschlag, der halbwegs geeignet ist. Das aber bedeutet Qualitätsverlust. Wenn ständig ein breiter Einstellungskorridor offengehalten würde, könnte das vermieden werden. Der Staat hat die Verpflichtung, sich gute Bewerber zu sichern. Er muss über Bedarf einstellen, um auf Engpässe vorbereitet zu sein. Aufgaben gibt es in den Schulen genug.

Laut einer Bertelsmann-Studie werden 2030 über alle Schulstufen hinweg etwa 42 800 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte benötigt. Warum kann Bertelsmann planen – und ist das seriös?

Schnelligkeit ist bekanntlich keine Eigenschaft, die man mit der Kultusministerkonferenz verbindet. Sie macht ihre Prognosen nur alle fünf Jahre – oder sogar in noch größeren Abständen. Die Bertelsmann-Erhebung hat die Politiker nun vorgeführt. Allerdings hat es mich überrascht, wie hoch der Bedarf an zusätzlichen Vollzeitlehrkräften laut Bertelsmann-Stiftung sein soll. Bisher wurde von einer deutlich geringeren Zahl ausgegangen.

Sie haben schon 2015 dazu aufgerufen, dem Niedergang der Handschrift gegenzusteuern. Hat Ihr Appell genutzt?

Je mehr die Digitalisierung zunimmt, desto schlechter können Schüler flüssig schreiben – damit ist ein Kulturverlust verbunden, der selbst von glühenden Verfechtern der Digitalisierung eingeräumt wird. Das ist gut. Ein Denkprozess ist angestoßen. Dass der Trend gestoppt wird, das allerdings sehe ich nicht.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands, fordert eine Offensive zur Verstärkung des Deutschunterrichts. Foto: dpa

Aus den USA kommen neue Alarmzeichen: Kinder und Jugendliche seien nicht mehr in der Lage, längere Texte zu lesen und inhaltlich zu erfassen. Auch dies die Folge vieler Computerstunden?

Ja, wir beobachten mit Sorge, dass auch Schüler und Studenten in Deutschland Probleme haben, längere Texte zu analysieren. Sie sind immer weniger bereit, sich auf diese Anstrengung überhaupt einzulassen. Das ist ein Warnzeichen, das wir sehr ernst nehmen. Aber dies allein auf den Computer zurückzuführen greift zu kurz. Die Schnelllebigkeit und Informationsdichte unserer Zeit befördert generell eine Tendenz zur Oberflächlichkeit . Leider gilt für viele: Warum lange Texte lesen, wenn Kurznachrichtendienste alles mundgerecht servieren?

Wie gefährlich ist das?

Es ist äußerst gefährlich. Wir sehen doch täglich, wie manipulierbar die Menschen sind, und zwar durch die einfachsten Botschaften. Wir müssen sie immun machen gegen Fake News und Desinformationsschrott.

Deutschlands Schüler können bald nicht mehr schreiben und lesen – sind das Fake News?

Bitte keine Übertreibungen! Auch schon früher haben junge Menschen einen schulischen Abschluss erfolgreich abgelegt, ohne einen einigermaßen lesbaren Aufsatz schreiben zu können. Aber ich sehe die akute Gefahr, dass Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben generell unter die Räder kommen. Da müssen wir gegenhalten.

Was können Schulen tun?

Nötig ist eine Offensive für die Verstärkung des Deutsch-Unterrichts. Drei Stunden pro Wochen reichen nicht aus, um Schülerinnen und Schülern vertieftes Leseverständnis nahezubringen. Die Pädagogen müssen auf junge Menschen eingehen, sie vorsichtig heranführen an schwierige Texte. Es ist ja nichts so, dass Jugendliche heute nicht mehr lesen und schreiben würden. In Halb- und Kurzsätzen schicken sie einander permanent oft banale Botschaften. Das sei ihnen gegönnt. Es sollte aber nicht dazu führen, sich anzupassen und Klassiker wie Friedrich Schiller oder Heinrich von Kleist nur in Mini-Dosen zu verabreichen oder anspruchsvolle Texte ganz aus den Lehrplänen zu verbannen. Das führte zu einer irreparablen Verflachung des Niveaus, aber auch zu einer Spaltung in der Schüler- und Studentenschaft. Denn es gibt in jedem Jahrgang junge Menschen, die sich gern in Texte vertiefen. Sie alle haben Förderung verdient.

Sie haben vor Jahren Eltern kritisiert, die wegen günstiger Flugpreise vor Anbruch der Ferien ihre Kinder schwänzen lassen. Ist da mehr Disziplin eingekehrt?

Ich fürchte nicht. Eher gehe ich davon aus, dass viele Eltern es nun geschickter verschleiern, wenn sie mit den schulpflichtigen Sprösslingen vorzeitig abdüsen. Statt vorher um Erlaubnis zu fragen, wird geschummelt – mithilfe von Entschuldigungen und Attesten. Auch das ist ein schlechtes Vorbild.

Zum Schluss: Alle Parteien klagen im Wahlkampf über verrottete Schulen. Ist das verlogen, die jetzt so bestürzten Politiker hätten es doch ändern können...

Ja, in der Tat – und nun glauben viele Menschen die Wahlversprechen nicht mehr. Das Problem ist: Im Bildungsbereich ist es sehr teuer, die Dinge zu ändern. Nehmen wir die Zahlen der Bertelsmann-Studie, wonach 2030 insgesamt 42 800 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte gebraucht werden: Das kostet 4,7 Milliarden Euro pro Jahr einschließlich notwendiger Schulhausneubauten. Im Durchschnitt kostet ein Lehrer den Staat 85 000 Euro pro Jahr. Auf 34 Milliarden Euro beziffern die Kommunen die nötigen Investitionen zur Sanierung der maroden Schulen. Ein Schlag ins Kontor ist zudem bislang der versprochene Abbau des Unterrichtsausfalls. Wir haben in Deutschland zehn Millionen Schüler, die pro Woche durchschnittlich 30 Stunden haben. Von denen finden im Schnitt zwei Stunden nicht plangemäß statt. Wollen sie den Ausfall von über einer Million Stunden wöchentlich durch eine ausreichende Unterrichtsreserve ausgleichen, ist das sehr, sehr teuer. Außerdem fehlen zum Teil Lehrer. Ich bin für eine Unterrichtsgarantie, aber das alles sollten Politiker bedenken, ehe sie Versprechen geben und sie dann nicht halten.