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14.07.2017, 14:20 Uhr zuletzt aktualisiert vor EIN JAHR NACH DEM PUTSCH

Türkei: Erdogans Freifahrtschein ins Nirgendwo

Kommentar von Marion Trimborn

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den Putsch zum Ausbau seiner Macht genutzt. Foto: dpaDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den Putsch zum Ausbau seiner Macht genutzt. Foto: dpa

Osnabrück. Ein Jahr ist es her, dass Putschisten den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stürzen wollten. Das Gegenteil ist eingetreten, Erdogan ist heute mächtiger als zuvor. Doch seine Macht wackelt. Schon bald könnte Erdogan eine Fußnote der Geschichte sein.

Besser konnte es für Recep Tayyip Erdogan gar nicht laufen. Der Putschversuch vor einem Jahr hat dem türkischen Präsidenten einen Freifahrtschein gegeben, seinen Machtwahn auszuleben. „Ein Segen Gottes“ sei der Putsch letztlich gewesen, sagte er selbst. Denn heute ist Erdogan mächtiger denn je. Ist das Ironie des Schicksals oder Inszenierung eines Aufstandes, der in Teilen gar keiner wahr? Viele Fragen bleiben offen.

Was folgte, ist in jedem Fall ernüchternd. Die moderne säkulare Türkei existiert nicht mehr. Der Putsch gab Erdogan die Gelegenheit, seine Kritiker auszuschalten. Mehr als 50 000 Menschen sitzen in Haft, 100 000 Staatsbedienstete wurden seitdem entlassen, das alles war ein Schlag gegen die Gesellschaft. Per Referendum ließ Erdogan in diesem Frühjahr seine Ein-Mann-Herrschaft durch ein Präsidialsystem zementieren.

Doch der Despot könnte sich zu früh freuen. Sein Land ist isoliert, die Beziehungen zu Europa sind auf dem Tiefpunkt. Die Wirtschaft liegt am Boden, da viele Experten das Land aus Furcht verlassen. Weil Erdogan mit seinem Rachefeldzug gegen Andersdenkende überzogen hat, formieren sich nun Gegenkräfte. Die Opposition richtet sich auf, wie der Gerechtigkeitsmarsch von Hunderttausenden vor kurzem gezeigt hat. Es tut sich was im Lande - das lässt hoffen. Das Machtgebäude Erdogans steht auf wackligen Füßen.


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