Stimmt‘s eigentlich? Faktencheck: NGO-Einsätze im Mittelmeer heizen Schlepper-Geschäft an

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Osnabrück. Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen (NGO) vor der libyschen Küste dazu führten, dass mehr Migranten nach Europa kommen und Schlepper immer mehr Menschen auf seeuntüchtige Schlauchboote zwingen. Stimmt das?

Anfang des Jahres sprach auch der Chef der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, diesen Vorwurf aus. Der Kommandeur von „Sophia“, einer EU-Militäroperation im Mittelmeer, Admiral Enrico Credendino, widersprach: Migranten machten sich nicht auf, weil Schiffe sie aufnehmen könnten, sondern weil sie vor Krieg, Terror und Hunger flöhen. Was stimmt? Klar ist: Die seeuntüchtigen Gummiboote, in denen die Flüchtlinge ablegen, haben de facto kaum Chancen, europäisches Festland zu erreichen. Die Passagiere legen in der Hoffnung ab, von EU- oder NGO-Schiffen gerettet zu werden. Admiral Credendino argumentiert jedoch: Als die italienische Marineoperation „Mare Nostrum“, die für Küstenwache und Seenotrettung zuständig war, 2014 beendet wurde, seien die Migrantenzahlen gestiegen, nicht gesunken. Weniger Schiffe bedeuteten also nicht weniger Migranten. Eine Studie der University of London bestätigt das: Als vor der libyschen Küste noch kaum NGO-Schiffe unterwegs waren, stieg die Zahl der Bootsflüchtlinge dennoch. Das zeigt: Die Fluchtursachen in den Heimatländern sind entscheidend. Unterm Strich ist es nicht falsch zu sagen, dass NGO-Schiffe eine gewisse Sogwirkung ausüben. Das gilt jedoch auch für Militärschiffe, die regelmäßig ebenfalls Zehntausende Migranten aufnehmen. Eine bequeme Brücke nach Europa gibt es jedenfalls nicht. Allein 2016 hat die Internationale Organisation für Migration auf der Mittelmeerroute mindestens 4500 Menschen als tot oder vermisst registriert.


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