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01.07.2017, 07:00 Uhr KOMMENTAR

Staatsakt für Helmut Kohl: großer Kanzler, kleiner Mensch

Kommentar von Burkhard Ewert

Großer Kanzler, kleiner Mensch: Kondolenzbuch für den verstorbenen Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl im historischen Rathaus Osnabrücks. Foto: Michael GründelGroßer Kanzler, kleiner Mensch: Kondolenzbuch für den verstorbenen Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl im historischen Rathaus Osnabrücks. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Heute ehrt Europa Helmut Kohl mit einem Staatsakt. Aber glücklich zu sein, zu lieben und geliebt zu werden – sein Leben zeigt, wie schwierig das ist. Ein Kommentar.

Helmut Kohls Leben lehrt einen vieles. Man sollte Menschen nicht nach ihrem Äußeren oder nach einem Dialekt beurteilen, zum Beispiel. Kohl wurde zeitlebens unterschätzt, was ungerecht war.

Die sprichwörtliche Gunst der Stunde setzt ferner einen klaren Kompass und Entschlossenheit voraus. Der frühere Kanzler hat bei der Einheit beides mutig unter Beweis gestellt.

Drittens, Kohl war einer der letzten konsequenten, von den Lehren der Geschichte geprägten bundesrepublikanischen Friedenspolitiker. Sie fehlen. Auslandseinsätze unter seiner Ägide? Ein Zerwürfnis mit Frankreich oder Russland? Kaum vorstellbar.

Kohl war außerdem weitsichtig. Mit Angela Merkel fand er ein weibliches Pendant und baute sie zu seiner Nachfolgerin auf. Ebenfalls unterschätzt, ebenfalls ungelenk, ebenfalls klug, dickfellig und dann aber doch zu radikalen Entscheidungen fähig: die jetzige Kanzlerin ist in vielem ein Klon.

Tragisch das, was für Kohl vermutlich, aber letztlich auch nur vielleicht am wichtigsten war: Seine erste Frau bringt sich um, mit den zartbesaiteten Söhnen liegt er im Streit. Die zweite Frau ist seltsam verbittert, von Freundschaften weiß man wenig bis nichts.

Da wird ein großer Mann am Ende ganz klein. Glücklich zu sein, Familienbande zu pflegen, zu lieben und geliebt zu werden – wenn einer wie Kohl daran scheitert, sieht man mal, wie schwierig das ist.

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