Rob Wainwright im Interview Europol-Chef: Höhepunkt der Terrorwelle noch nicht erreicht

Von Marion Trimborn

Der Direktor der Europäischen Poilzeibehörde Europol, Rob Wainwright, warnt vor weiteren Terroranschlägen. Foto: EuropolDer Direktor der Europäischen Poilzeibehörde Europol, Rob Wainwright, warnt vor weiteren Terroranschlägen. Foto: Europol

Osnabrück. Paris, Brüssel, London und Berlin - die europäischen Hauptstädte werden vom Terror erschüttert. Und die Zahl der Anschläge von Islamisten steigt. Der Chef der europäischen Polizeibehörde Europol, Rob Wainwright, sieht den Höhepunkt des Terrors in Europa aber noch nicht erreicht.

Wann hört das endlich auf? Diese Frage stellen sich viele Europäer, wenn mal wieder ein islamistischer Anschlag verübt wird. Rob Wainwright, oberster Polizeibehördenchef in Europa, gibt noch keine Entwarnung. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte Wainwright: „Die Terrorgefahr in Europa ist die höchste, die wir seit einer Generation hatten, die höchste der vergangenen 20 Jahre.“ Er fügte hinzu: „Und sie steigt auch noch, darauf haben wir Hinweise.“ Allein im vergangenen Jahr wurden in Europa 135 Menschen durch islamistischen Terror getötet, 718 Verdächtige wurden wegen Verbindungen zu Dschihadisten festgenommen und damit fast doppelt so viele wie noch 2014. „Das war ein extremer Anstieg und zeigt, wie sehr sich Teile der islamistischen Gemeinschaft radikalisiert haben“, warnte der Behördenchef.

Gefahr geht von Einzeltätern und Gruppen aus

Vor allem von Einzeltätern droht Gefahr, etwa wenn IS-Kämpfer aus Syrien heimkehren. Zunehmend werden auch Jugendliche und Frauen bei Anschlägen eingesetzt. Islamistische Gruppen wie der IS sind laut Europol im Internet sehr erfolgreich und nutzen soziale Netzwerke für Propaganda und für die Rekrutierung.

Aber auch größere Gruppen könnten Anschläge planen und ausführen. „Das können Täter sein, die vom Islamischen Staat gesteuert werden oder auch nur inspiriert wurden, ohne jemals in Syrien oder Irak gewesen zu sein“, sagte der Brite. Manche Anschläge würden sorgfältig geplant, andere seien spontane Taten. Auf die Frage, ob Europa sich im Krieg mit der Terrormiliz IS befindet, sagte Wainwright: „Nein. Das Wort Krieg möchte ich nicht verwenden, weil es den Terroristen eine Bedeutung gibt, die sie nicht verdienen.“

Erst in der vergangenen Woche war in der belgischen Hauptstadt in Brüssel am Zentralbahnhof ein Terroranschlag vereitelt worden, der mutmaßliche Attentäter wurde erschossen.

Nach Einschätzung von Wainwright ist das Treffen der G20-Staats- und Regierungschefs Anfang Juli in Hamburg „natürlich ein potenzielles Ziel für Terroristen wie jedes andere wichtige öffentliche Event.“ Die deutschen Behörden wüssten das und seien vorbereitet: „Ich bin mir sicher, sie tun alles, um das zu verhindern“, sagte der Europol-Direktor.

Schnelle Anti-Terrorkräfte in jedem Land gefordert

Angesichts der brutalen Terroranschläge in Europa fordert Wainwright, dass jedes Land über schnelle Anti-Terrorkräfte verfügen müsse. „Das gewalttätige Szenario des Bataclan-Anschlags in Paris hat gezeigt, dass wir fähige und gut ausgerüstete Anti-Terror-Einsatzkräfte brauchen.“ Bei dem Anschlag auf ein Konzert im November 2015 hatten Terroristen mit Kalaschnikow-Sturmgewehren ins Publikum geschossen und Handgranaten in die Menge geworfen.

Wainwright verwies auf den Anschlag auf der Londoner Brücke Anfang Juni, bei dem die Polizei innerhalb von acht Minuten nach dem ersten Anruf den Attentäter getötet habe. Der Europol-Chef sagte: „Das ist der Standard, den wir überall haben sollten.“ Das bedeute aber nicht, dass jeder Streifenpolizist auf der Straße ein Maschinengewehr dabei haben müsse. „Dann würden wir die Werte, auf denen Europa baut, in Frage stellen“, sagte Wainwright.

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Fahnder müssten auch mehr Möglichkeiten bekommen, die Online-Kommunikation von Terrorverdächtigen wie Messenger-Nachrichten zu überwachen: „Weil Kommunikationskanäle ins Internet abgewandert sind, hat die Polizei einen großen Teil ihrer Möglichkeiten, Terroristen zu überwachen, verloren. Das muss sich ändern“, sagte Wainwright.

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