Missstände in Pflegeheimen Patientenschützer fordert „Kultur des Hinschauens“

Von Marion Trimborn

Der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, fordert eine „Kultur des Hinschauens“ bei Gewalt in der Pflege. Foto: dpaDer Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, fordert eine „Kultur des Hinschauens“ bei Gewalt in der Pflege. Foto: dpa

Osnabrück. Pflegebedürftige Patienten werden auf der Toilette sitzen gelassen, gedemütigt oder fixiert: Gewalt in der Pflege ist nach Einschätzung von Experten ein unterschätztes Problem. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert eine „Kultur des Hinschauens“.

Zum Welttag gegen die Misshandlung alter Menschen hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz eine Debatte über Gewalt in der Pflege gefordert. In einem Gespräch mit unserer Redaktion forderte Stiftungsvorstand Eugen Brysch: „Wir brauchen eine offene Fehlerkultur, die Pflegebedürftige schützt.“ Auf allen Ebenen müsse offen über Formen der Gewalt gesprochen werden: „So wird sensibilisiert.“ In Pflegeheimen und Krankenhäusern sei jeder Einzelne im Team gefordert. Ärzte und Pflegedienste müssten bei Hausbesuchen genau hinschauen und Verantwortung übernehmen. Der Patientenschützer verlangte: „Es gilt, ein Gespür für die Gewalt gegen Pflegebedürftige zu entwickeln.“

Zahlen, wie viele ältere Menschen in der Pflege Opfer von Gewalt werden, liegen der Stiftung Patientenschutz nicht vor. Brysch sagte: „Da Vieles im Dunkeln bleibe, erfasst keine Statistik diese Fälle.“

Nach einer Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) gaben 47 Prozent der Pflegedienstleitungen und Qualitätsbeauftragten in Pflegeheimen an, dass „sie Konflikte, Aggression und Gewalt in der Pflege“ für ein Thema halten, das die stationären Einrichtungen vor besondere Herausforderungen stellt. Acht Prozent der 250 Befragten erklärten, dass es „oft“ oder „gelegentlich“ zu körperlicher Gewalt gegen die Bewohner komme. Weitere 38 Prozent sprachen davon, dass dies „selten“ geschehe. Knapp zehn Prozent berichteten von freiheitsentziehenden Maßnahmen wie Fixierungen. Mehr als jeder vierte Befragte berichtete von verbalen Übergriffen.

Brysch zeigte sich besorgt: „Sollten sich die Zahlen der ZQP-Studie bestätigen, dann reden wir von hunderttausenden Pflegebedürftigen, die unter den Übergriffen leiden. Das ist alarmierend.“

Der ZQP-Vorsitzende Ralf Suhr forderte, dass die Ergebnisse der Studie bei der Reform des Pflege-TÜVs berücksichtigt werden müssten. Eine Lösung könnten Angebote zur Gewaltprävention sein. 46 Prozent der Befragten gaben laut der Zeitung an, dass es kein entsprechendes, speziell geschultes Personal in ihren Einrichtungen gebe.

Gewalt fängt viel früher an

Nach den Worten von Patienschützer Brysch muss mit zwei Irrtümern aufgeräumt werden. „Gewalt in der Pflege ist nicht nur körperliche Misshandlung. Sie fängt viel früher an“, betonte Brysch. Dazu gehöre, dass Pflegebedürftige fixiert oder auf der Toilette sitzen gelassen werden, dass sie beschimpft und gedemütigt werden. Ein großes Problem sei auch, dass in vielen Pflegeheimen Patienten mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Aber auch zuhause komme es immer wieder zu Übergriffen. Nach Ansicht des Patientenschützers ist nicht immer Überforderung der Pflegenden der Grund. Brysch sagte: „Es sind nicht selten niedere Motive, die sowohl Profis als auch Angehörige zu Tätern werden lassen. Dazu gehören Machtphantasien, Eigensucht oder Selbstüberschätzung.“

Allerdings laufe in der Mehrheit aller Fälle die Pflege gut.

Welttag gegen Misshandlung älterer Menschen

Seit 2006 erinnert der Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen (World Elder Abuse Awareness Day) jedes Jahr am 15. Juni an die Situation von Betroffenen. Der Welttag soll das Bewusstsein für Probleme schärfen und auf Unterstützungsangebote hinweisen.

Nach der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes waren 2015 rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Drei von vier Menschen wurden zuhause versorgt (2,08 Millionen), 783 000 auf den Stationen von Pflegeheimen. Die Pflegestatistik wurde Anfang 2017 veröffentlicht, neuere Zahlen liegen nicht vor.


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