Muslime in Deutschland Mehr als 200 islamfeindliche Übergriffe auf Muslime

In den ersten drei Monaten 2017 wurden Muslime in mehr als 200 Fällen angegriffen, beleidigt oder Opfer von Sachbeschädigung. Die Zahl der islamfeindlichen Kundgebungen ist dagegen wieder auf das Niveau von vor der Flüchtlingskrise gesunken. Hier eine Gegen-Demonstration in Köln. Foto: dpaIn den ersten drei Monaten 2017 wurden Muslime in mehr als 200 Fällen angegriffen, beleidigt oder Opfer von Sachbeschädigung. Die Zahl der islamfeindlichen Kundgebungen ist dagegen wieder auf das Niveau von vor der Flüchtlingskrise gesunken. Hier eine Gegen-Demonstration in Köln. Foto: dpa

Osnabrück. In den ersten drei Monaten des Jahres sind in Deutschland Muslime in mehr als 200 Fällen wegen ihrer Religion beleidigt und angegriffen worden oder wurden Opfer von Sachbeschädigung. Viele Vorfälle kommen gar nicht erst zur Anzeige. Die Linke spricht daher von der „Spitze des Eisbergs“. Laut Zentralrat der Muslime sind Übergriffe an der Tagesordnung.

Polizei und Verfassungsschutz zählten im ersten Quartal 208 Straften mit islamfeindlichem Hintergrund, die Täter waren zumeist Rechtsextreme. Zwei Menschen wurden dabei – in Baden-Württemberg und in Hessen - verletzt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Die Behörden haben diese Daten zu „islamfeindlichen Straftaten“ erstmals ausgewertet, sodass es keine Vergleichszahlen gibt.

Hasskommentare und Drohbriefe

Zu den Vorfällen zählte etwa Hetze gegen Muslime oder muslimische Flüchtlinge im Netz (sogenannte Hasskommentare), Drohbriefe, Angriffe auf Kopftuch tragende Frauen oder muslimischen Männer auf der Straße, aber auch Sachbeschädigung und Nazi-Schmierereien an Häusern. Immer wieder werden Übergriffe auch erst mit Verspätung registriert.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayman Mazyek, sagte, Angriffe und Beleidigungen auf Muslime seien in Deutschland an der Tagesordnung. „Zig Beispiele gibt es jeden Tag“, so Mazyek. Auch seine eigene Familie sei betroffen: „Meine Frau wurde auch schon mehrfach Opfer.“

Weniger Angriffe auf Moscheen

Unterdessen gehen Angriffe und Proteste gegen Moscheen und gegen den Islam weiter zurück und sind wieder auf das Niveau von vor der Flüchtlingskrise 2015 gesunken. Laut Regierungsantwort wurden im ersten Quartal noch 15 Anschläge auf Moscheen, Moschee-Vereine und sonstige islamische Einrichtungen registriert. Das ist deutlich weniger als im vierten Quartal 2016 mit 27 Anschlägen und entspricht den Vorfällen Anfang 2015. Dazu zählen etwa auch Drohbriefe oder Schändungen von Moscheen durch Schweineblut oder abgelegte Schweineköpfe.

Zahl Islamfeindlicher Kundgebungen sinkt

Der Rückgang zeigt sich auch deutlich bei den islamfeindlichen Kundgebungen, von denen es in den ersten drei Monaten des Jahres bundesweit noch 32 gab, die zumeist von der Pegida-Bewegung organisiert wurden. Das ist etwas weniger als im Vorquartal mit 39 Kundgebungen - und weniger als halb so viele wie noch vor einem Jahr. Im ersten Vierteljahr 2016 waren es noch 80 Kundgebungen gewesen. Allerdings sind bei diesen Zahlen die Pegida-Aufmärsche in Sachsen nicht erfasst.

Die meisten islamfeindlichen Kundgebungen und Angriffe mit islamfeindlichem Hintergrund waren bisher Ende 2015 gemeldet worden, unmittelbar nachdem die Flüchtlingszahlen nochmals deutlich zugenommen hatten.

Bis zu Jahresbeginn hatten weder Bund noch Länder Straftaten gegen Muslime gesondert erfasst – im Gegensatz zu antisemitischen Delikten. Nach Protesten von Islamverbänden, Kriminologen und Linken werden islamfeindliche Straftaten nun separat ausgewertet.

Linke spricht von „Spitze des Eisbergs“

Die innenpolitische Expertin der Linken, Ulla Jelpke, sprach von erschreckenden Zahlen. Jelpke sagte: „Ich gehe davon aus, dass die erfassten Straftaten nur die Spitze des Eisbergs sind.“ Denn die Betroffenen würden viele Beleidigungen und Übergriffe aus Angst gar nicht zur Anzeige bringen. Jelpke forderte, gegen die Täter hart vorzugehen, um zu verhindern, dass muslimische Jugendliche sich radikalisierten. Die Bundestagsabgeordnete sagte: „Es gehört gerade zur perfiden Strategie der Salafisten, die reale Ausgrenzungserfahrung muslimischer Jugendlicher zur Rekrutierung von neuen Anhängern für den Dschihad zu missbrauchen.“


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