Tricks und Techniken Das Einmaleins der Propaganda

Kein technisches Gerät steht mehr für Propaganda als der Volksempfänger. Das technische Gerät sollte Hitlers Reden in möglichst jeden Haushalt tragen. Foto: imago/teutopressKein technisches Gerät steht mehr für Propaganda als der Volksempfänger. Das technische Gerät sollte Hitlers Reden in möglichst jeden Haushalt tragen. Foto: imago/teutopress

Osnabrück. Um die Massen zu verführen, brauchte es Technik: vom Flugblatt über den Volksempfänger bis hin zum Meinungsverstärker Facebook. Und es braucht rhetorische Techniken. In einem kleinen Lexikon stellen wir ein paar der raffiniertesten davon vor.

Argumentum ad populum: Unter allen Finten des Populismus ist sie die Urform – die schlichte Behauptung, im Namen der Mehrheit zu sprechen. In der Floskel vom gesunden Menschenverstand steckt das argumentum ad populum genauso wie in der vom ganz normalen Bürger. Als eine Art Minimalpopulismus findet es sich bei allen Parteien. Zentraler Schönheitsfehler: Selbst wer wirklich für die Massen spricht, hat nicht automatisch recht. (Auch wenn Mario Barth das sicher ganz anders sieht.)

Beweis durch Wiederholung: Während seiner ersten 100 Tage im Amt zählt die „Washington Post“ die Lügen Donald Trumps. Bis jetzt sind es schon 394. Die meisten davon beziehen sich auf neu geschaffene Arbeitsplätze, die der US-Präsident zu Unrecht seinem Wahlerfolg zuschreibt – obwohl die Unternehmen sie schon vorher angekündigt hatten. Die Strategie, einer Behauptung durch bloße Wiederholung Glaubwürdigkeit zu verleihen, ist schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert dokumentiert – in dem Cato jede seiner Reden, egal zu welchem Thema, mit derselben Forderung nach einem Krieg gegen Karthago beendet haben soll. Der Fachbegriff für die Spam-Mail unter den rhetorischen Volten ist genauso alt: argumentum ad nauseam. Zu Deutsch: Behaupten bis zum Erbrechen.

Big Data: FacebookLikes geben persönliche Haltungen preis, Amazon-Käufe verraten den Lebensstandard: Der Begriff Big Data fasst die Masse all dieser Spuren zusammen, die jeder täglich im Internet hinterlässt. Firmen wie Cambridge Analytica leiten daraus Persönlichkeitsprofile ab. Mit ihnen kann Marketing passgenau zugeschnitten werden. Wo ein Plakat die breite Mitte der Bevölkerung erreichen muss, umschmeichelt dieses Micro-Targeting jeden einzelnen Wähler mit seinen ganz privaten Vorlieben. Wie stark Wähler durch Werbung beeinflussbar sind, ist umstritten. Trumps Kampagnenteam hat es drauf ankommen lassen – und 15 Millionen Dollar in den Dienst von Cambridge Analytica gesteckt. (Hat Trump dank Big Data die Wahl gewonnen? Eine Analyse)

Desinformation: Vorwürfe wie Fake News oder Lügenpresse meinen die absichtsvolle Falschmeldung. Das Konzept geht auf geheimdienstliche oder militärische Strategien zurück, den Gegner über die eigenen Absichten zu täuschen. Auch Unternehmen lancieren mitunter Manöver, etwa mit irreführenden Patentanmeldungen, die Konkurrenten von ihren eigentlichen Entwicklungsprojekten ablenken sollen. Eine spektakuläre Desinformationskampagne war in den 80ern die KGB-Operation „Infektion“, die HIV als Produkt einer amerikanischen Biowaffen-Schmiede erscheinen ließ. Immer wieder wird Desinformation auch zur Rechtfertigung von Kriegen eingesetzt. Dazu gehören die falschen Angaben über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen vor dem Dritten Golfkrieg 2003 – und die Brutkastenlüge vor dem Zweiten von 1990. Damals hatte eine junge Frau im US-Kongress behauptet, irakische Soldaten hätten vor ihren Augen Frühchen in einer Klinik ermordet. Später stellte sich die Geschichte als Erfindung einer PR-Agentur heraus, die von der kuwaitischen Exil-Regierung bezahlt worden war; die vermeintliche Augenzeugin war die Tochter des kuwaitischen US-Botschafters.

Fake News: Die bewussten Falschmeldungen, die sich besonders im Netz schnell verbreiten, können satirische Absichten verfolgen – wie die vom „Postillon“ erfundene Meldung über einen Ikea-Bausatz für Trumps Mauer zu Mexiko. Andere Portale fingieren Falschmeldungen, um Schaden anzurichten. Zu den exotischsten Fake News des letzten US-Wahlkampfs gehörte „Pizzagate“ – eine Verschwörungstheorie, die Hillary Clinton mit einem angeblichen Kinderpornoring in Verbindung brachte. Grundlage der böswilligen Erfindung war der gehackte Mail-Verkehr zwischen Clintons Wahlkampf-Manager und dem Betreiber der Pizzeria „Comet Ping Pong“, in dem es um Pizzas, Hotdogs und Soßen ging – banale Begriffe, die willkürlich zu Code-Wörtern für Kindesmissbrauch umgedeutet wurden. Die Lüge, die auch von Mitgliedern aus Trumps späterem Übergangsteam weitergeleitet wurde, führte im Dezember 2016 zu einem Überfall: Um die vergewaltigten Kinder zu befreien, die es nie gab, schoss ein Mann in der „Ping Pong“-Pizzeria mit einem Sturmgewehr um sich.

Flugblatt: Im 15. Jahrhundert wird das Flugblatt zum Ahnherr der Massenkommunikation; und vom Ideenstreit der Reformation bis zum Abwurf von Anti-IS-Comics über Syrien funktioniert es schon über ein halbes Jahrtausend. Als ursprünglich kostenpflichtige Informationsschrift war es ein Vorläufer der Zeitung; auch für den Vorwurf der Lügenpresse dient es als früher Beleg: Zum Themenspektrum der reich bebilderten Bögen gehörten auch Monster, Wunder und Sensationen. Der „Donnerstein von Ensishein“, den Sebastian Brant 1492 auf dem ältesten bekannten Flugblatt besingt, war allerdings eine steinharte Nachricht: ein Meteoriten-Einschlag im Elsass.

Glaubhafte Abstreitbarkeit: Wann wusste Ex-VW-Chef Winterkorn von den Abgasmanipulationen? Fragen wie diese können den Mächtigen gefährlich werden; und weil sie nicht mit bloßer Rhetorik vom Tisch zu wischen sind, gibt es die Taktik der glaubhaften Abstreitbarkeit. Dabei gestalten Vorstands- oder Regierungschefs ihr Handeln schon im Entscheidungsprozess auf eine spätere Rechtfertigung hin um – indem sie lockere Führungsstrukturen installieren, die ihnen im Fall prekärer Enthüllungen das Dementi erlauben. Der Begriff geht auf die plausible deniability zurück, mit der die CIA verdeckte, mitunter illegale Aktivitäten aus den offiziellen Befehlsketten der US-Regierung ausgliederte.

Influencer: Wer Massenkommunikation betreibt, muss sich nicht unbedingt direkt an die Massen wenden. Öffentlichkeitsarbeit geht auch über Bande, etwa indem man Promis zu Werbepartnern macht oder eine Pressekonferenz gibt. Mit den sozialen Medien ist die Gruppe der Multiplikatoren um die sogenannten Influencer gewachsen. Gemeint sind Blogger oder Youtuber, die bei einer großen Zahl an Abonnenten Vertrauen genießen und die Bekanntheit von Marken, Parolen oder Formaten erheblich steigern können – nach dem Prinzip der Mundpropaganda, aber in der Größenordnung des Internets. Shirin David säße nicht in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“, wenn ihr Beauty-Kanal auf Youtube nicht zwei Millionen Fans hätte.

Red Herring: Um die Fährtenhunde von ihrer Spur abzulenken, sollen die Strauchdiebe vergangener Jahrhunderte gepökelte Heringe ausgelegt haben. Im politischen Kampf wurde der stinkende Fisch zur Metapher für rhetorische Ablenkungsmanöver. Donald Trumps exzessives Twittern gilt vielen als massive Ausschüttung von red herrings, die seine eigentliche Agenda verdecken sollen.

Reductio ad Hitlerum: Mit der Abstimmung über das türkische Präsidialsystem erlebt der Hitler-Vergleich eine Hochphase. Erdogan geißelt die deutschen Absagen von Wahlkampfauftritten seiner Minister als Nazi-Methode; seine eigene Politik wiederum wird als „Machtergreifung“ kritisiert. Wie haltbar die Vorwürfe auch immer sein mögen – sie zielen zumindest auf einen echten Vergleich. Wenn Argumente dagegen nur dadurch widerlegt werden, dass sie auch von Hitler geteilt wurden, liegt nach dem Philosophen Leo Strauss der logische Fehlschluss einer Reductio ad Hitlerum vor. Ein besonders kühnes Beispiel diktierte der Brexit-Befürworter Boris Johnson dem „Daily Telegraph“, als er die EU als Errichtung eines Superstaats beschrieb: „Napoleon, Hitler und andere Leute haben das versucht, und es endet tragisch.“ (Hat Erdogans Nazi-Provokation funktioniert? Ein Kommentar)

TINA-Prinzip: Vor sieben Jahren wurde Angela Merkels „alternativlos“ zum Unwort des Jahres gekürt. Ein alter Hut! Schon Thatcher beherrschte das TINA-Prinzip. Es leitet sich von den Anfangsbuchstaben ihres liebsten Totschlagarguments ab: „There is no alternative.“ Tina wurde sogar zum Spitznamen der Premierministerin.

Volksempfänger: Kein technisches Gerät steht mehr für Propaganda als der Volksempfänger – der deshalb auch unsere Seite bebildert. Schon 1933 stellten die Nationalsozialisten das preiswerte Radio vor, dass Hitlers Reden in möglichst jeden Haushalt tragen sollte. Tatsächlich stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer von vier Millionen, die 1932 gezählt wurden, auf zwölf Millionen zu Kriegsbeginn und auf 16 Millionen Gebührenzahler im Jahr 1943 an. VE301, der Name des Modells, kombinierte die Abkürzung für Volksempfänger mit dem Datum von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar. Den ab 1938 verkauften Deutschen Kleinempfänger DKE38 taufte der Volksmund in „Goebbelsschnauze“ um. Ein Beipackzettel erinnerte Käufer von Volksempfängern an das mit drakonischen Strafen belegte Verbot, Programme aus dem Ausland zu hören.

Populismus. Positionen. Perspektiven. Die ganze Serie auf noz.de


„LTI“: Klemperers Standardwerk zu Propaganda-Sprache

Vor genau 70 Jahren erschien Victor Klemperers „LTI – Notizbuch eines Philologen“. In seinem Werk über die „Lingua Tertii Imperii“, die Sprache des Dritten Reichs, beschreibt der Romanist, wie der Nationalsozialismus die deutsche Sprache durchdrungen hat, wie er bestehende Begriffe ideologisch aufgeladen, Verschleierungen gebildet, Neuschöpfungen entworfen und selbst einzelnen Silben die Unschuld genommen hat. Grundlage des Standardwerks sind Notizen, die der Wissenschaftler als Opfer der Rassegesetze heimlich machte und vor der Gestapo versteckte. Die Taschenbuch-Ausgabe mit umfassendem Kommentar ist bei Reclam für 12,95 Euro erhältlich. dab

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