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Präsidentenwahl in Frankreich Kandidaten im Porträt: Wer ist Marine Le Pen?

Sie kämpft um Anerkennung für den Front National: die Rechtspopulistin und Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Foto: dpaSie kämpft um Anerkennung für den Front National: die Rechtspopulistin und Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Foto: dpa

Paris. Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen schützt ihr Privatleben von der Öffentlichkeit. Dabei finden sich in ihrer persönlichen Geschichte Schlüssel für ihren Weg – wie sie den Vater verstieß, der sie geformt hat, wie die Medien ihre Familie zum Gespött des Landes machten. Gerade sie, die lange als Aussätzige behandelt wurde, kämpft um Anerkennung für den Front National.

Es ist kurz vor vier Uhr nachts am 2. November 1976, als die achtjährige Marion Anne Perrine, Marine genannt, aus dem Schlaf gerissen wird. Eine Detonation hat soeben das Haus ihrer Familie im 15. Stadtbezirk von Paris erschüttert. Doch bis auf ein paar Kratzer von Glassplittern bleibt Marine unversehrt, ebenso wie ihre Schwestern Marie-Caroline und Yann sowie die Eltern. Die Zeitung „Le Parisien“ schreibt von einem „Wunder von Allerheiligen“, durch das der rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le Pen und seine Familie den Bombenanschlag heil überstanden hat, dessen Urheber nie entdeckt wurde. Doch der Schock sitzt tief. „Diese Horrornacht musste passieren, damit ich verstehe, dass mein Vater Politik macht“, schrieb Marine Le Pen später in ihrer Autobiographie. „Noch im Puppenspiel-Alter werde ich mir einer fürchterlichen Sache bewusst: Wir sind nicht wie die anderen.“

Der Name Le Pen als Stigma

Das sollte sie immer wieder zu spüren bekommen – in der Schule, wo man sie schnitt. Im Pariser Nobel-Vorort Saint-Cloud, wo die Familie nach dem Anschlag ein von einem anonymen Großindustriellen geschenktes Anwesen bezieht. Später im Jura-Studium, wo sich Marine Le Pen mit einem Urteil gegen den eigenen Vater wegen „Verherrlichung von Kriegsverbrechen“ auseinandersetzen muss. Sie erlebt den Namen Le Pen als Stigma.

Vielleicht entwickelte sie gerade deshalb diese aggressive Kampflustigkeit, die die jüngste der drei Le Pen-Töchter antreibt und heute ihren Erfolg mit bedingt. Die 48-Jährige mit der rauchigen Stimme macht sich zum kraftvollen Sprachrohr aller Franzosen, die sich vergessen und verdrossen fühlen – und davon gibt es viele. Bei ihnen kommt es an, dass Le Pen die vermeintlichen Schuldigen anklagt und gegen die Eliten, Einwanderer und die EU wettert, dass sie ein tiefschwarzes Bild von einem Frankreich am Abgrund zeichnet und verspricht, das Land „wieder in Ordnung zu bringen“. Den „Oligarchen des Systems“ will sie die Macht nehmen, um diese endlich dem Volk zu geben.

Sieg unwahrscheinlich

Beobachter halten es zwar für unwahrscheinlich, dass der Rechtspopulistin bei der Präsidentschaftswahl tatsächlich der Sieg gelingt. Doch laut Umfragen könnte sie immerhin stärkste Kraft beim ersten Durchgang am 23. April werden und in die zweite Runde am 7. Mai einziehen – und damit Parteigründer Jean-Marie Le Pen übertreffen, der 2002 ebenfalls die Stichwahl erreichte und damit landesweite Proteste provozierte.

Gerade für diesen Triumph über den Vater und zugleich eine Ehrerweisung an ihn musste sie ihn, von dem sie 2011 den Vorsitz der Partei übernahm, abdrängen. Sie steht für ein modernes Auftreten, holte sich junge Kader wie Parteivize Florian Philippot an ihre Seite, verankerte den Front National auch regional und als Volkspartei im ganzen Land, der in allen jüngsten Wahlen Erfolge feierte. Diesen Kurs der „Entdämonisierung“ des Front National, bei dem Mitgliedern rechtsradikale Parolen oder Symbole verboten und rechtsnationales Gedankengut als harmloser „Patriotismus“ verpackt wurde, trug der Patriarch nicht mit – ein Front National „light“ war nie in seinem Sinne.

Nach einer Serie von Provokationen wiederholte Jean-Marie Le Pen in einem Interview seine Behauptung, die Gaskammern der Nazis seien nur ein „Detail der Geschichte“ gewesen, die ihm mehrmalige Verurteilungen wegen Leugnung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingebracht hat. Da sprach Marine Le Pen klar von einer „tiefen Meinungsverschiedenheit“ und setzte ein Parteiausschluss-Verfahren gegen den Ehrenpräsidenten in Gang. Vergeblich wehrte er sich juristisch dagegen. Bei einer Mitgliederbefragung stellte sich eine große Mehrheit hinter die neue Chefin.

Le Pen ist ein Scheidungskind

Es war Marine Le Pens endgültige Emanzipierung von ihrem Vater, den sie ein paar Jahre vorher noch als „Mann meines Lebens“ bezeichnete: „Er hat die Frau, die ich bin, aufgebaut“, erklärte sie im Fernsehen. Schon als kleines Mädchen begleitete sie ihn zu Parteiversammlungen. Es sei die einzige Möglichkeit gewesen, ihm nahe zu sein, sagte sie einmal. Mit der Mutter Pierrette war er ständig auf Reisen, während sich ein bretonisches Kindermädchen um die drei Töchter kümmerte. Doch die Ehe der Eltern kriselte, 1984 brannte die Mutter mit Jean-Marie Le Pens Biographen durch. Auf ihre öffentlichen Unterhaltsforderungen antwortet der Noch-Ehemann ebenso öffentlich, sie könne sich ja als Putzfrau verdingen. Pierrettes vulgäre Rache machte ihn zum Spott des ganzen Landes: In lasziven Posen und fast unbekleidet ließ sie sich für den „Playboy“ mit Putzutensilien ablichten. Tochter Marine, damals 16 Jahre alt, litt nach eigenen Aussagen unter der in den Medien ausgebreiteten Schlammschlacht und schrieb dem Scheidungsrichter, dass sie beim Vater bleiben wolle. Ihre Mutter sollte sie 15 Jahre lang nicht mehr wiedersehen, die einmal von ihrer jüngsten Tochter gesagt hatte, sie sei „der Klon ihres Vaters“. Als „Bandenchefin“ und „verhinderten Jungen“ bezeichnete sie ihre Schwester Yann, die Mutter der Nachwuchshoffnung des Front National, Marion Maréchal Le Pen.

Als politisches Talent entpuppt

Lange versuchte Marine Le Pen, „der Politik zu entkommen“, schrieb sie später in ihrer Autobiographie: „Alle Unglücke im Leben waren mit dem politischen Leben verbunden.“ Während sich ihre älteren Schwestern vor ihr in der Partei engagierten, ging Marine Le Pen zunächst andere Wege als Anwältin, bis sie sich als juristische Direktorin beim Familienunternehmen Front National anheuern ließ und immer mehr Verantwortung übernahm. 1998 zog sie als Abgeordnete in das Regionalparlament der Region Nord-Pas-de-Calais ein, von 2004 bis 2009 gehörte sie dem Regionalrat der Hauptstadtregion an, außerdem ist sie bis heute EU-Abgeordnete. Sie entpuppte sich als politisches Talent, autoritär und jovial wie der Vater, mit großem rhetorischen Geschick und guter Medienwirkung. Anders als er fordert Marine Le Pen staatlichen Protektionismus, doch wie er kämpft sie gegen die EU und verlangt ein Frexit-Referendum, einen Stopp der Einwanderung und eine konsequente Durchsetzung der Laizität – in erster Linie Muslime sollen ihren Glauben nicht mehr offen zeigen dürfen.

Ihr Privatleben schützte sie, die in der Partei als feierfreudige „Nachtclubberin“ bekannt war, vor der Öffentlichkeit. Zwei Ehen scheiterten, liiert ist Le Pen seit 2009 mit einem der Front National-Vizepräsidenten Louis Aliot; ihre drei Kinder zog sie weitgehend alleine groß. Dass sie ähnlich abwesend war wie ihre eigenen Eltern, lässt die Widmung ihrer Autobiographie vermuten: „An Jehanne, Louis und Mathilde, die später verstehen werden, dass ich die Zeit, die ich nicht bei ihnen verbracht habe, trotzdem für sie aufgewendet habe.“ Den Nachnamen Le Pen tragen die Kinder nicht.


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