PISA-Studie: Mobbing nimmt zu Wenn Schule zum Spießrutenlauf wird

PISA ohne Schock: Leistung und Wohlbefinden deutscher 15-Jähriger stimmen, sagt die aktuelle PISA-Studie. Aber Sorge macht die Zunahme von ;Mobbing. Foto: dpaPISA ohne Schock: Leistung und Wohlbefinden deutscher 15-Jähriger stimmen, sagt die aktuelle PISA-Studie. Aber Sorge macht die Zunahme von ;Mobbing. Foto: dpa

Berlin. Einen „PISA-Schock“ wie vor 16 Jahren löst der neue weltweite Vergleichstest in Deutschland gewiss nicht aus. Zeigten damals deutsche 15-Jährige schlechte Leistungen, liegen sie jetzt im oberen Mittelfeld. Und die aktuelle PISA-Studie bestätigt: Drei Viertel der Teenager sind zufrieden.

Das Bild wird allerdings getrübt durch die Zunahme von Mobbing. In Deutschland wird nach der neuen Erhebung fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer von teils massiven Angriffen an seiner Schule. Wie aus dem Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weiter hervorgeht, ist im weltweiten Durchschnitt fast jeder Fünfte (18,7 Prozent) mehrmals im Monat von körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler betroffen. „Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“, schreiben die Autoren.

Der Deutsche Philologenverband hat mit Blick auf dieses Ergebnis dazu aufgerufen, Mobbing in Schulen sehr ernst zu nehmen. Gefordert sei eine Kultur des Hinschauens und Helfens, erklärte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Dies sei die beste Vorbeugung gegen Mobbing. Für die Opfer sei es besonders schlimm, dass diese Vorfälle an Schulen oft begleitet würden durch Bloßstellung in sozialen Netzwerken, sagte Meidinger.

Cybermobbing und damit die öffentliche Demütigung über Netzwerke und Plattformen wie Facebook, Whatsapp-Gruppen, Instagram oder Youtube zerstörten Identität und Selbstwertgefühl in den Augen der Betroffenen dauerhaft.

Auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich besser abschneide als der weltweite Durchschnitt, müssten Schulleitungen diese Demütigungen sehr ernst nehmen, forderte der Pädagoge. Es gehe dabei nicht nur um eine Bestrafung von Tätern, sondern um eine Aufarbeitung in der Klasse. Auch Schweigen und Dulden sei eine Art von Täterschaft.

Ist Ehrgeiz uncool?

Der Vorsitzende des Philologenverbands hat mit Blick auf die aktuelle PISA-Studie auch beklagt, dass deutsche 15-Jährige Ehrgeiz nach wie vor als Strebertum und „uncool“ werten. Nach dem weltweiten Vergleich wollten erheblich weniger Schüler in Deutschland zu den Klassenbesten zählen als anderswo, sagte Meidinger unserer Redaktion. Dies führe leider dazu, dass manche Schüler besonders in der Mittelstufe bewusst hinter ihren Leistungen zurückblieben.

Als positiv hob der Verbandschef hervor, dass „Schulangst“ in Deutschland offenbar keine große Rolle spiele. Die aktuelle Studie, die im Auftrag der OECD das Lernumfeld und Lernverhalten von 15-Jährigen analysiert, habe die These widerlegt, wonach es an deutschen Schulen besonders großen Schulstress und hohen Leistungsdruck gebe. Nur vier Prozent der deutschen Schüler und damit dreimal weniger als im OECD-Durchschnitt gäben an, mehr als 60 Stunden wöchentlich in und außerhalb des Unterrichts für die Schule zu arbeiten, erklärte der Verbandschef. Er vertritt 90 000 Gymnasiallehrer.

Gutes Mittelfeld

„Insgesamt liegt Deutschland im guten Mittelfeld“, sagte OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Erstmals hatten die Bildungsforscher Zufriedenheit und Wohlbefinden der Jugendlichen in den Fokus gerückt. In Deutschland gaben demnach mehr als 90 Prozent der Eltern an, jeden oder fast jeden Tag mit ihren Kindern zu reden. Mehr als 80 Prozent aßen fast täglich zusammen an einem Tisch, über die Schule sprachen etwa 30 Prozent der Eltern jeden oder fast jeden Tag mit ihren Kindern.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, regte derweil einen Ausstieg Deutschlands aus den PISA-Studien an. Die jüngste Auswertung sei „völlig überflüssig“. Der „praktischen Arbeit in einer Klasse“ bringe es überhaupt nichts zum Beispiel zu erfahren, dass junge Leute in Mexiko mit ihrem Leben zufriedener seien als in Deutschland. Deutschland sollte „ernsthaft darüber nachdenken, ob man sich die Millionen Euro für Statistiken der selbst ernannten Erziehungsmacht OECD nicht sparen kann“, erklärte Kraus. Auch Philologenchef Meidinger hat Zweifel an der Aussagekraft von derlei Erhebungen. Angesichts völlig unterschiedlicher Schulsysteme in den einzelnen Ländern seien solche Vergleichsstudien durchaus problematisch. (mit dpa)


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