Constantin Schreiber: Inside Islam Osnabrücker Islamforscher: „Imame sind nicht voll integriert“

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Das Buch „Inside Islam“ des Tagesschau-Journalisten Constantin Schreiber sorgt für Wirbel. Der Osnabrücker Islamexperte Prof. Rauf Ceylan kritisiert im Interview, dass Schreiber unzulässig verallgemeinere und erklärt, was einen typischen Imam in Deutschland ausmacht.

„Inside Islam“ – dieser Titel erweckt den Eindruck, der Buchautor steige ganz tief ein in das Thema. Stimmt das?

Methodisch ist die Vorgehensweise wie die eines Jägers und Sammlers. Hier schildert jemand seine ersten Erfahrungen in deutschen Moscheegemeinden. Neu ist zum Teil, dass der Autor Predigten im Wortlaut wiedergibt. Andererseits sind die Phänomene, die er beschreibt, lange bekannt. Wirklich problematisch wird es, wenn Schreiber seine Erfahrungen einfach verallgemeinert, obwohl er nicht den Anspruch einer repräsentativen Studie hat. Er hat dreizehn Predigten exemplarisch veröffentlicht. Muslime sind aber eine sehr heterogene Gruppe. Es gibt rund 2500 Moscheegemeinden in Deutschland. Grenzen zwischen unterschiedlichen Strömungen verschwimmen in dem Buch.

Der Autor Constantin Schreiber beklagte in einem Artikel für die ZEIT, dass Anfragen bei Instituten für islamische Theologie unbeantwortet geblieben seien. Haben Sie eine Anfrage bekommen?

Ich habe extra noch in meinem Account nachgesehen und nichts gefunden. Ein weiterer Kollege aus unserem Institut wurde angefragt. Er hat auch geantwortet, aber dann kam nichts mehr. Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor auch Kollegen zitiert, die explizit zu diesem Thema gearbeitet haben – da gibt es viele von Hamburg bis Tübingen. Schreibers Buch suggeriert, Moscheen seien ein Thema, das sich niemand anzufassen traut. Das ist so nicht richtig. Die Theologie fasst alles an. Vielleicht ist diese Kommunikationsstrategie nötig, um das Buch zu vermarkten. Aber dann ist es nicht mehr seriös und ist kontraproduktiv. Die Imame haben ja nichts versteckt. Im Gegenteil: Sie waren sehr offen. Da war gar kein Problembewusstsein vorhanden. Außerdem stimmt es nicht, dass Moscheegemeinden nur im Verborgenen hinter verschlossenen Türen agieren. Jedes Jahr sehen sich hunderttausende Nicht-Muslime Moscheen in Deutschland an – nicht nur am Tag der offenen Tür.

Sind besonders konservative oder fundamentalistische Imame gefährlich für Jugendliche?

Nicht unbedingt. Die im Buch dargestellten Predigten spiegeln eher die subjektiven Ängste der Imame wider. Die Imame sind selbst zum Teil nicht voll integriert und haben so große Angst vor Assimilierung und Säkularisierung, dass sie glauben, die Gemeinde schützen und vor diesen Gefahren warnen zu müssen. Andersherum existiert das Problem, dass der Islam in der Gesellschaft meist als Ausländerreligion dargestellt wird und damit die Religion ein Identitätsanker für muslimische Jugendliche sein kann. Daher stimmen die Eindrücke von Schreiber, dass überproportional viele Jugendliche bei den Freitagsgebeten zugegen sind – obwohl viele von ihnen vielleicht anschließend noch in die Disko gehen, sich betrinken und voreheliche Beziehungen haben, also sehr Inkonsistent in ihrem Glauben sind. Aber von außen wird ihnen zugeschrieben, dass sie alle fromme Muslime sind.

Ist der Text nur ein Erfahrungsbericht?

Nein, wenn man das Buch liest, schwingt immer ein negativer Unterton mit. Der Autor kommentiert seine Erfahrungen und erweckt zugleich den Eindruck, dass ihm die Imame nicht alles erzählen könnten oder wollten. Außerdem behauptet Schreiber, er sei der erste, der da hinter Kulissen blickt. Ich habe beispielsweise schon 2010 ein Buch zu genau diesem Thema veröffentlicht. Dazu habe ich über 250 Vorgespräche geführt und dann systematisch mit 44 Imamen gesprochen. Das wird an keiner Stelle erwähnt.

Was macht denn den durchschnittlichen Imam in Deutschland aus?

Da müssen wir unterscheiden. Zunächst sind rund drei Viertel der Imame traditionell-konservativ. Sie lassen sich vielleicht mit einem erzkonservativen katholischen Priester vergleichen. Dann gibt es intellektuell-offensive Imame, die progressiv sind. Und dann gibt es traditionell-defensive Imame, die ein stark apokalyptisches Weltbild haben, die sich hier nicht heimisch fühlen. Die Grenze zum Fundamentalismus ist da nicht überschritten, aber für die Integration der deutschen Muslime sind sie problematisch. Schließlich gibt es fundamentalistische Randgruppen – die Neosalafisten . Darunter sind rund 80 bis 90 Gemeinden, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Also ist das wissenschaftliche Fundament für dieses Thema bereits gelegt?

Nein, da muss man die Wissenschaft kritisieren. Es gibt einige wenige Bücher und eine größere Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Aber das allein reicht nicht aus. Wir brauchen viel mehr Studien, um ein differenziertes Bild der Imame und Moscheen in Deutschland zu zeichnen. Insofern kann das Buch hilfreich sein, die Aufmerksamkeit für weitere Forschungen zu wecken. Beim Thema Salafismus beispielsweise gab es lange Debatten bis die Politik das Problem erkannt und gefragt hat: Auf welcher Basis diskutieren wir eigentlich? Erst jetzt kommen die ersten Studien dazu. Das Institut für Islamische Theologie Osnabrück zum Beispiel ist gerade dabei, mit der Universität Bielefeld zusammen Chatprotokolle einer salafistischen Terrorzelle auszuwerten. Hierzu wurde ein gemeinsames Forschungsnetzwerk gegründet.

Gibt es Aspekte, bei denen Sie Schreiber zustimmen?

Es stimmt natürlich: Viele Predigten gehen an der Lebensrealität der Gemeinde vorbei. Wenn Imame über Datteln und Kamele sprechen, dient das aber nicht – wie im Buch behauptet – dazu, sich von Deutschland abzugrenzen. Es zeigt einfach nur, dass diese Imame nicht in der Lage sind, Texte neu zu übersetzen und zu interpretieren. Das ist für mich schlicht und einfach ein Zeichen von Inkompetenz. Die Imame müssten analog zu Priesterseminaren geschult werden. Insofern könnte das Buch eine positive Wirkung haben: Vielleicht führt es dazu, dass sich die Imamausbildung adäquat weiterentwickelt. Es ist auch richtig, dass viele Imame nicht genug oder gar kein Deutsch sprechen. Die deutschen Stiftungen wie das Goethe-Institut schulen aber bereits seit Anfang der 2000er Jahre aktiv Imame im Herkunftsland in der sprachlichen Weiterbildung.


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