„Rammstein: Paris“ im Kino Eklig, unerhört, wahnwitzig erfolgreich: Das Phänomen Rammstein


Osnabrück. Der Auftritt brachial und faschistoid, die Texte gewalttätig und verstörend, und mittendrin tobt Sänger Till Lindemann als fleischgewordener Eltern-Albtraum: Die Berliner Skandal-Rocker Rammstein zu hassen ist leicht. Und doch sind sie eine der größten Rockbands der Welt, jetzt sogar im Kino. Wie konnte es dazu kommen?

Auch die derzeit international erfolgreichste deutsche Rockband kann sich ihre Fans nicht aussuchen. Als bekannt wurde, dass die zwei Amokläufer, die am 21. April 1999 in der Columbine High School zwölf Mitschüler, einen Lehrer und anschließend sich selbst erschossen, Rammstein-Fans waren, war es um den eh schon zwielichtigen Ruf der Berliner Brachial-Rocker geschehen. Nicht nur die US-Medien arbeiteten sich an den bluttriefenden Texten der Band ab, auch in Deutschland, Frankreich oder Japan fragten sich besorgte Eltern, Großeltern, Pädagogen und Journalisten: Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie Lieder hören, die von Kannibalismus und Missbrauch, von Nekrophilie und Sado-Maso-Sex, von Inzest und Gewaltfantasien handeln? Wenn sie zu Konzerten gehen, wo Menschen in Kochtöpfe gesteckt, mit dem Flammenwerfer flambiert, symbolisch zerhackt und verspeist werden? Wenn sie Videos sehen, die Ekel-Grenzen überschreiten, Pornografie salonfähig machen oder im faschistoiden Anstrich daherkommen?

Provokation war gestern

Heute, fast 18 Jahre nach dem Amoklauf, hat sich die Welt gewandelt. Provokation war gestern, mittlerweile gilt Rammstein nicht nur als erfolgreichster deutscher Rock-Export, der Menschen in aller Welt anspornt, Deutsch zu lernen, sondern als über jede Kritik erhabenes Gesamtkunstwerk. Skandale? Gibt es nicht mehr, wir wissen ja, es ist Kunst. Das mag man bedauern oder beruhigend finden. Aufregend sind die sechs Berliner aber immer noch, und zwar dann, wenn sie es bei ihren Konzerten so richtig krachen lassen. Tickets dafür sind schwer zu bekommen, die Shows im New Yorker Madison Square Garden waren nach 20 Minuten ausverkauft, ähnlich schnell geht es fast immer, sobald neue Konzerttermine feststehen.

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Rammstein-Show als Action-Kino

Doch um zu erleben, wie die Mischung aus anstößigen Texten, knallharten Rhythmen und einer gewaltigen Feuershow funktioniert, reicht nun auch ein Gang ins Kino: Ab Donnerstag läuft der neue Konzertfilm „Rammstein: Paris“ an insgesamt drei Tagen in ausgewählten Kinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wo und wann genau die Vorstellungen stattfinden, steht auf der Band-eigenen Homepage, hier allein gibt es auch die Tickets. Wie immer wollen die Rammsteiner alle Fäden der Vermarktung in der Hand halten.

17.000 Zuschauer völlig aus dem Häuschen

Lohnenswert ist ein Kinobesuch für Fans, aber auch für Neugierige, die ihre Rammstein-Wissenslücke schließen möchten. Insgesamt 16 Lieder aus der 23-jährigen Schaffensperiode der Band zeigt der ton- und bildgewaltige Konzertfilm, aufgenommen im Jahr 2012 bei zwei aufeinanderfolgenden Rammstein-Shows vor jeweils 17.000 Zuschauern in Paris-Bercy. Den musikalischen Höllenritt gefilmt und in einen Kinofilm verwandelt hat der schwedische Regisseur Jonas Akerlund. 30 Kameras, zig Stunden Material und fast fünf Jahre Schnitt und digitale Nachbearbeitung waren nötig, doch nun liegen die fertigen 98 Minuten vor. Und natürlich bietet „Rammstein: Paris“ alles, was ein Rammstein-Konzert ausmacht: brachiale Marschmusik im Rockgewand, gewaltige, stählerne Bühnenkonstruktionen, Feuereffekte satt, dazu Blut, Öl, und Frivolitäten des Dompteurs und Sängers Till Lindemann sowie eine gute Portion obszön-albernes Theater von allen sechs Bandmitgliedern zusammen. Und natürlich die Fans, die, wie es sich gehört, völlig aus dem Häuschen sind angesichts dieser triebgesteuerten Sechs-Mann-Orgie.

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Lindemann, der Dämon

Im Unterschied zu einem echten Konzertbesuch bekommt der Zuschauer im Film alles zugleich: die Feuershow in der Totalen und überdies jeden einzelnen Rammsteiner von ganz nah, fast intim. Auch die Metaebene wird bedient: Für einen Bruchteil einer Sekunde verwandelt sich die Zunge in der Fratze Lindemanns in eine gespaltene. Lindemann, der Dämon.

Dazu die unerbittliche Wucht der bekanntesten Lieder der Truppe, unter anderem „Sonne“, „Engel“, „Mutter“ oder „Asche zu Asche“. Das alles muss man nicht mögen, aber wer sich immer schon gefragt hat, was denn nur dran ist an dieser martialischen Truppe, der bekommt die Antwort mit „Rammstein: Paris“ gleichsam eingeprügelt: Es funktioniert, weil es eben funktioniert. Rammstein haben ihr eigenes selbstreferenzielles System geschaffen.

Kunst hinter all dem Ekel

Auf Rammsteins Ansammlungen von Scheußlichkeiten mit Abscheu zu reagieren, war schon immer leicht. Die Kunst hinter all dem Ekel, all dem Blut zu erkennen, ungleich schwieriger. Schließlich blickt Rammstein-Texter Lindemann Lied für Lied in die wirklich finsteren Abgründe der Menschen, hinein in die dunklen, schmutzigen Ecken der Seele, dorthin, wo das Böse lauert. Seit der Gründung im Jahr 1994 zerrt Lindemann Tabus ans Licht und verwandelt sie in oft schüttelgereimte Liedzeilen, gerne gießt er sie aber auch in eben jenen eleganten fünfhebigen Jambus, mit dem auch Goethe verzaubert.

Verwundert es wirklich, dass die Rammsteiner selbst ihre Themen „romantisch“ nennen? Wohl nur, wenn man feststellt, dass die Band auch vor besonders abartigen Verbrechen wie dem Fall Fritzl oder dem des sogenannten Kannibalen von Rothenburg nicht Halt macht. Je ekliger, je abseitiger, je kranker der Inhalt, desto höher schlagen die Wellen. Das wirkt: Mehr als 16 Millionen Platten haben Rammstein bisher verkauft, Hollywood-Stars wie David Lynch nutzen ihre Songs für Soundtracks, seit 2006 flitzt ein Asteroid namens Rammstein durchs All.

Verständnis muss erst wachsen

Um das Phänomen Rammstein auszuhalten, zu verstehen und sogar zu würdigen, braucht es zweifellos eine gewisse seelische Festigkeit, ja Reife. Die muss wachsen. Das erklärt auch, weshalb sich Feuilletonisten vor allem anfangs angeekelt abwandten, nicht wenige verlangten empört nach Zensur. Die teilweise verhängt, später aber wieder aufgehoben wurde.

Wurzeln im Punk

Dass die sechsköpfige Band mit Wurzeln im ostdeutschen Punk in einem ihrer ersten Videos Sequenzen aus Leni Riefenstahls Olympia-Film von 1938 einbaute, machte es nicht besser. Und dann noch Lindemann, dieser schrankgroße Dichtersohn und Ex-DDR-Leistungsschwimmer, der seine deutschen Albtraum-Texte unerträglich teutonisch vorträgt, das „R“ verdächtig rollt, ja gleichsam in Frakturschrift singt. Angeblich soll sich Lindemann anfangs selbst für seine Texte so geschämt haben, dass er sie unter der Bettdecke probte. All das – in Kombination mit dem faschistoiden Aufmarsch – ließ Rammstein in der öffentlichen Wahrnehmung jahrelang als das Böse schlechthin dastehen.

Texte sind entsetzlich – und entsetzlich gut

Doch alle Provokation nutzt sich ab. Vermutlich wäre die Band schon bald in ihren selbst ausgehobenen Abgründen verschwunden, wenn nicht Lindemanns Texte bei allem Entsetzen nicht auch entsetzlich gut wären. Hochgradig anspruchsvoll verarbeitet der Sohn der DDR-Dichterlegende Werner Lindemann Goethe, Rilke, Morgenstern und immer wieder Brecht: „Und der Haifisch, der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / Doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht“ singt er fast melancholisch. In „Du riechst so gut“ wird er zum Triebtäter: „Der Wahnsinn ist nur eine schmale Brücke / Die Ufer sind Vernunft und Trieb / Ich steig Dir nach / Das Sonnenlicht den Geist verwirrt / Ein blindes Kind / Das vorwärts kriecht / Weil es seine Mutter riecht“. Unklar bleibt, wie so oft, wer Opfer und wer Täter ist. Rammstein werfen nur die Brocken hin, das Fressen und Verdauen ihrer schweren Kost überlassen sie anderen.

Aufräumen mit Nazi-Vorwürfen

Nur, wenn es gar nicht anders geht, erklären sie sich. Dann aber mit dem band-typischen verbalen Vorschlaghammer und im zackigen Marsch-Gewand der Stakkato-Gitarrenriffs. So geschehen 2001 in dem Lied „Links 2 3 4“, mit dem die Band endlich mit den alten Nazi-Vorwürfen aufräumt: „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / Doch sehe ich dann nach unten weg / Da schlägt es links“, grollt Lindemann. Links also, nicht rechts. Und auch nach den Columbine-Morden positionierte sich das medienscheue Sechsergespann: Sie sprachen den Angehörigen der Opfer tiefes Mitgefühl und Beileid aus und erklärten, Gewalt abzulehnen. Eine Mitschuld wiesen sie indes scharf zurück.

Angekommen im Musik-Mainstream

Tatsächlich sind Rammstein, die Begründer des Musikstils Neue Deutsche Härte, kurz NDH, längst im Mainstream angekommen. Zu ihren Konzerten gehen solche, die auch Metallica, AC/DC oder Depeche Mode mögen. In dem einst so skandalträchtigen Feuerschweif der Band tummeln sich diverse Klone und Tribute-Bands wie etwa Ost+Front, Völkerball oder Stahlzeit, die sich mittlerweile selbst über ausverkaufte Häuser freuen können.

So gefährlich wie ein Sonntags-Tatort

Und spätestens im Jahr 2013, als Schlager-Ikone Heino Rammstein-Songs covert und mit den Ex-Provokateuren vom Dienst gemeinsam beim Metal-Fest Wacken Open Air auftritt, wird klar: Rammstein sind am Ende ihrer eigenen Skala angekommen und heute ungefähr so gefährlich wie ein Sonntags-Tatort.

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