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Internationaler Frauentag Cybergewalt gegen Frauen nimmt zu

Von epd

Vor allem lange Mails mit Hasstiraden erschrecken Karolin Schwarz. Seitdem sie in ihrem Internetprojekt Hoaxmap Falschmeldungen über Migranten aufdeckt, ist sie regelmäßig Beleidigungen, Drohungen oder Verunglimpfungen ausgesetzt. Foto: dpaVor allem lange Mails mit Hasstiraden erschrecken Karolin Schwarz. Seitdem sie in ihrem Internetprojekt Hoaxmap Falschmeldungen über Migranten aufdeckt, ist sie regelmäßig Beleidigungen, Drohungen oder Verunglimpfungen ausgesetzt. Foto: dpa

Frankfurt. Im Internet sind alle gleich – so heißt es. Tatsächlich werden Frauen, die sich aktiv und selbstbewusst im Netz äußern, sexistisch beschimpft und beleidigt. Sich zu wehren, ist mühsam und oftmals nicht erfolgreich.

An guten Tagen perlen Hasskommentare an Karolin Schwarz einfach ab. „kleine blockwärtin??immerhin mit adressangabe .,.bis bald bimbotussy“, droht ihr beispielsweise ein anonymer Schreiber. Am schlimmsten aber seien die extrem langen Mails, aus denen man herauslesen könne, dass sie mit sehr viel Wut geschrieben seien, sagt Schwarz.

Zusammen mit Lutz Helm hat sie im Februar 2016 das Internetprojekt Hoaxmap gegründet, auf dem sie Gerüchte und Falschbehauptungen über Flüchtlinge widerlegt. Seitdem bekommt sie Hassmails mit sexualisierten Beleidigungen bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen.

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Kollege bekommt keine Hassmails

„Ein Steuerzahler“ schreibt ihr lange Mails mit Links zu Artikeln über Straftaten von Flüchtlingen oder Menschen ausländischer Herkunft und beendet die Mails stets mit dem Satz: „Ich hoffe, insbesondere Sie als Frau, sind mit der Entwicklung hochzufrieden.“ In den allerwenigsten Fällen schrieben ihr Frauen, fügt Schwarz hinzu. „Mein Kollege bekommt keine Hassmails.“

Internet-affine Frauen besonders im Fokus

ARD-Journalistin Anja Reschke bekommt sie, auch die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen berichtet davon: Hassmails, die darauf abzielen, Frauen herabzuwürdigen und ihre körperliche Unversehrtheit infrage zu stellen. Was die Frauen eint: Sie sind öffentlich präsent und treten selbstbewusst auf. Wie Schwarz. Sie ist politisch, mischt sich ein und ist Internet-affin – ein beliebtes Ziel für Hasskommentatoren im Netz. Mal sind die Beleidigungen implizit, mal ganz offen. Mal direkt an ihre Mailadresse, dann wieder über Twitter oder Facebook. Viele Kommentare seien so abstrus, sagt Schwarz: „Die machen mir keine Angst. Doch einige treffen mich schon.“

Hetzen aus Unsicherheit

Die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Ricarda Drüeke beobachtet eine Übereinstimmung von Personen, die öffentlich gegen Frauen hetzen und gleichermaßen gegen Migranten. „Wie Gleichberechtigung ruft Einwanderung bei manchen Männern eine starke Verunsicherung hervor“, sagt Drüeke. In den Hasskommentaren zeige sich auch eine Angst der absteigenden Mittelschicht, ihr werde noch mehr weggenommen – Arbeitsplätze, soziale Sicherung, Frauen. „Mit dem Bezug auf den Körper der Frau ist auch klar, dass man nicht mehr über verschiedene politische Meinungen diskutiert“, sagt Drüeke. Dabei richteten sich die Angriffe nicht gegen die Einzelne. Mit den Attacken sei die Gruppe von Frauen gemeint, die man verunglimpfen und einschüchtern wolle.

Mehr als 2700 Straftaten registriert

Das Bundeskriminalamt hat für 2015 insgesamt 2706 Straftaten registriert, die eine Beleidigung (2178), üble Nachrede (257) oder Verleumdung (271) auf sexueller Grundlage darstellen. 2014 waren es 3004. Andreas Mayer, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, gibt offen zu, dass er das Phänomen zwar kennt, eine Strategie dagegen aber schwierig ist. „Wir arbeiten seit sechs Jahren intensiv an diesem Problem, aber es wird nicht weniger.“

Online-Sexismus sei eine Form der Cybergewalt, mit der versucht werde, Frauen mundtot zu machen und über einen längeren Zeitraum öffentlich bloßzustellen. Viele Opfer brächten die Beleidigungen gar nicht erst zur Anzeige. Dabei sei dies die einzige Möglichkeit, gegen die Bedrohung vorzugehen. „Sobald Straftaten begangen werden, also beleidigt, verleumdet oder mit einem Verbrechen gedroht wird, raten wir den Opfern immer zur Anzeige“, sagt Mayer. Die meisten Opfer seien Frauen.

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Polizei nicht genügend sensibilisiert

„Nach Hause kommen, und der Typ, der dir in Mails Vergewaltigungen wünschte, hat wieder geschrieben“, postete Schwarz einmal auf ihrer Facebookseite. Mehr als Solidarität aus ihrem Unterstützerkreis erwartet sie sich nicht. Einmal wurde ihre Adresse veröffentlicht und zahllose Male auf Twitter geteilt – als Seitenbetreiberin ist sie in der Pflicht, eine Adresse im Impressum anzugeben.

Schwarz schrieb an Twitter, doch bis heute ist der Tweet online. Sie nahm Kontakt mit der Online-Wache der Polizei auf, dort sei sie abgewimmelt worden. Auch Mayer kritisiert seine Kollegen: „Die Kollegen sind da nicht genügend sensibilisiert. Der einfache Streifendienstbeamte kann den Sachverhalt vielleicht gar nicht richtig erfassen“, sagt er. Deswegen rät Mayer, sich direkt an eine Fachdienststelle für Sexualdelikte zu wenden, möglichst schriftlich und mit einer Dokumentation der Übergriffe. „Dann kann es die Polizei nicht mehr bagatellisieren.“

Strafrecht kommt an Grenzen

Im deutschen Strafrecht gibt es den Straftatbestand der sexuellen Beleidigung nicht. Doch ein Gericht könne entscheiden, dem Vorfall nachzugehen, sagt Mayer. So oder so: Das Strafrecht kommt an seine Grenzen. Geahndet werden kann nur eine solche Beleidigung, die sich aktiv und individuell gegen eine Person richtet. Einem Kommentar wie „ich wünschte, Du wirst vergewaltigt“ werde man mit dem Strafrecht nicht beikommen, so Drüeke. Sexismus schon gar nicht.

Hass im Netz hinterlässt Spuren

Schwarz beobachtet, dass der Hass im Netz immer mehr Frauen in ihrem Umkreis davon abhält, sich zu äußern. Auch bei ihr bleiben Spuren. Wenn es gar nicht mehr geht, macht sie einfach ihren Rechner aus oder bittet den Kollegen, die Mails zu lesen. Und die gröbsten einfach gleich zu löschen.


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