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Kommunen zweifeln an Bericht Wohlfahrtsverband: Noch nie so viel Arme

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, hat den Armutsbericht von  Wohlfahrtsverbänden als „zu pauschal“ kritisiert. Foto: dpaDer Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, hat den Armutsbericht von Wohlfahrtsverbänden als „zu pauschal“ kritisiert. Foto: dpa

Berlin. Die Armut in Deutschland hat laut Angaben mehrerer Verbände einen neuen Höchststand erreicht. Rein rechnerisch lebten im Jahr 2015 rund 12,9 Millionen Menschen und damit 15,7 Prozent der Bevölkerung unterhalb der sogenannten Einkommensarmutsgrenze.

„Damit hat die Armutsquote einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Organisation, Ulrich Schneider, gestern in Berlin bei der Vorstellung eines Armutsberichts. An diesem haben auch andere Verbände wie der Kinderschutzbund, die Wohnungslosenhilfe oder Pro Asyl mitgearbeitet .

Zehn Jahr zuvor habe die Armutsquote noch bei 14,7 Prozent gelegen. „Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder“, sagte Schneider. Auffällig sei der Rückgang der Armutsquote in allen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Berlins. In den westdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Hamburgs und Bayerns sei die Quote dagegen stetig gestiegen.

Als besondere Problemregionen bezeichnete Schneider die Bundeshauptstadt und Nordrhein-Westfalen, wo die Armutsquote von 14,4 Prozent im Jahr 2005 auf 17,5 Prozent in 2015 gestiegen sei . Das Ruhrgebiet präge hier die Lage. „ Jeder Fünfte gilt dort als arm“, sagte der Geschäftsführer. Bremen sei nach wie vor Schlusslicht im Länderranking, weil jeder Vierte (24,8 Prozent) dort als arm gelte. Für Mecklenburg-Vorpommern weist der Bericht eine Armutsquote von 21,7, für Niedersachsen von 16,5 Prozent und für Schleswig-Holstein von 14,6 Prozent aus. Vergleichsweise gut stehen Bayern (11,6) und Baden-Württemberg (11,8) da.

Kritiker: Zu pauschal

Grundlage des Armutsberichts ist der Mikrozensus des Statistischen Bundesamts. Als „armutsgefährdet“ gelten Haushalte, die über weniger als 60 Prozent des „mittleren Einkommens“ verfügen 2015 lag die Armutsschwelle etwa bei 942 Euro für Singles und bei 1 978 Euro für Paare mit zwei Kindern unter 14. Laut Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, waren 2014 Schätzungen zufolge 335 000 Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung; diese Zahl könne sich bis 2018 auf über eine halbe Million erhöhen. Erforderlich sei daher ein sozial- und steuerpolitischer Kurswechsel, hieß es.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat den Armutsbericht dagegen als „zu pauschal“ kritisiert. Er beanstandete, dass Personen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnitts aller Deutschen zur Verfügung haben, generell als arm bezeichnet würden. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg warnte im Gespräch mit unserer Redaktion vor derart „undifferenzierten Bewertungen“. Sie sagten nichts aus über die tatsächliche Situation eines Menschen und bedeuteten schon gar nicht, dass diese „abgehängt“ seien, wie der Paritätische behaupte.

Studenten abgehängt?

So gebe es 2,8 Millionen Studierende in Deutschland. Hunderttausende von ihnen gelten demnach als „arm“, da sie in der Regel weniger als 60 Prozent an Einnahmen hätten als die übrige Bevölkerung. Aber gerade Studierende seien gesellschaftspolitisch besonders aktiv und sähen sich zu Recht „als die zukünftige Leistungselite unseres Landes“, sagte Landsberg

Der kommunale Verband lehnte ferner Forderungen nach weiteren sozialen Leistungen ab. Der Bund gebe dafür schon jetzt über 52 Prozent seines Gesamthaushaltes aus, nämlich 171 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die Sozialleistungen der Kommunen stiegen ungebremst. „Wer die soziale Situation in Deutschland weiter verbessern will, muss mehr in Bildung, Infrastruktur und Arbeitsplätze investieren und die finanzschwachen Kommunen stärken, damit sie regional gezielt gegen Armut vorgehen können“, erklärte Landsberg.


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