„Ära der Entgrenzung“ Ministerpräsident Weil bei Religionskongress in Osnabrück

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Was erwarten Religion, Gesellschaft und Politik voneinander? Vor diesem Hintergrund referierte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil auf einem interreligiösen Kongress der Universität Osnabrück. Foto: Hermann PentermannWas erwarten Religion, Gesellschaft und Politik voneinander? Vor diesem Hintergrund referierte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil auf einem interreligiösen Kongress der Universität Osnabrück. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Nach der Ansicht des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil fungiert Religion als ein Gegenmodell zu den Risiken der Globalisierung und Digitalisierung der Welt. Das erläuterte der SPD-Politiker in einem Vortrag auf dem interreligiösen Kongress der Universität Osnabrück.

Die Menschen befänden sich laut Weil durch Globalisierung und Digitalisierung in einer „Ära der Entgrenzung“. Diese biete viele Chancen, Menschen durch den Zugang zu Informationen und Kommunikation näher zusammen zu bringen. Jedoch gingen damit auch große Risiken einher – etwa der Verlust von Orientierung und Bindung. „Ich möchte nicht Schwarzmalen, aber es ist sträflich die Augen vor den Risiken und Nebenwirkungen zu verschließen“, sagte Weil. Religion als Gegenmodell zu dieser Entwicklung würde Sinn stiften, Werte benennen und das Angebot liefern, Teil einer Gemeinschaft zu werden.

Grundwerte der Gesellschaft

Unter der Fragestellung „Was erwarten Politik und Gesellschaft von den Religionen? Was erwarten Religionen von Politik und Gesellschaft?“ erläuterte der Ministerpräsident das Verhältnis von Politik und Glaubensgemeinschaften. Laut Weil sei das Grundgesetz eine „sehr gute Verfassung“, die die Grundwerte der Gesellschaft in erfreulicher Klarheit benennt. Dazu zählten eine tolerante Gesellschaft, in denen jeder gleich viel wert sei. Dies gälte auch für die Zugehörigkeit zu einer Religion, vor dem Hintergrund der Religionsfreiheit.

Weil: Ditib muss unabhängig vom türkischen Staat sein

Der Staat selbst solle sich neutral gegenüber den Religionen verhalten und umgekehrt, sagte Weil und erklärte in diesem Zusammenhang die ausgesetzten Gespräche über einen Staatsvertrag mit Muslimen. Konkret bezog sich der Ministerpräsident auf den türkischen Moscheeverband Ditib, der als Religionsgemeinschaft ebenso unabhängig vom türkischen Staat sein müsse. Ditib, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, ist eng mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden. Ditib-Imame stehen im Verdacht, Informationen über mutmaßliche Anhänger der Gülen-Bewegung in die Türkei übermittelt zu haben.

„Unbehagen“ bei Bürgern und Muslimen

Das grundsätzliche Verhältnis zu Muslimen in Deutschland sei „nicht so unverkrampft, wie man sich das wünschen könnte“, sagte Weil. Es gebe ein „Unbehagen“ bei den Bürgern, aber auch bei den Muslimen. Letztere würden automatisch mit Islamismus in Verbindung gebracht, obwohl einen überragende Mehrheit nichts mit Terrorismus und Extremismus zu tun habe. Muslime fühlten sich dadurch in Deutschland oft nicht akzeptiert. „Das tut mir leid, das wird den Menschen nicht gerecht“, sagte Weil. Es sei ihm ein Anliegen, dass Staat und Politik zu einer Entkrampfung dieser Situation beitragen.

Neue Angst vor Rechtsextremismus

Derweil erlebten laut Weil die Juden in Niedersachsen „eine neue Blüte“ – „aber man macht sich Sorgen“. Grund sei eine neue Angst vor Rechtsextremismus. Es gebe eine undiskutierbare Forderung an den Staat, dafür zu sorgen, dass Juden nie wieder Angst in Deutschland haben müssten.

Anlässlich von 500 Jahre Reformation veranstaltet die Universität Osnabrück am 22. und 23. Februar einen Kongress zum Thema „Religionen, Reformen und gesellschaftlicher Wandel in Politik, Wirtschaft und Bildung“. Dieser widmet sich mit Referaten und Gesprächsrunden historischen Reformen und aktuellen Entwicklungen in den drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam. Zentral ist laut der Universität die Frage, ob sich Religionen reformfähig geben oder, ob sie Abstand zum wandlungsfähigen „Zeitgeist“ wahren sollten.

Interreligiöse Podiumsdiskussion

Im Anschluss an die Rede des Ministerpräsidenten folgte eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der drei großen Religionen: Michael Fürst, Präsident der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen; Recep Bilgen, Vorsitzender Schura Niedersachsen; Theo Paul, Generalvikar des Bistums Osnabrück und Birgit Klostermeier, Landessuperintendentin Sprengel Osnabrück. Moderiert wurde die Diskussion von Martina Blasberg-Kuhnke (Katholische Theologie, Uni Osnabrück) sowie Reinhold Mokrosch (Runder Tisch der Religionen).

(Lesen Sie auch: Michael Fürst im Interview: „Muslimischer Antisemitismus ist bedeutsam“)


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