Zum Gedenktag am 27. Januar Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Am 27. Januar wird der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Aber in welchem Zustand ist die Erinnerungskultur im Zeichen von Generationenwechsel und medialen Umbrüchen? Das Gedenken braucht Konsens und Arbeit.

Gibt es etwas Geschmackloseres als Selfies vom Berliner Holocaust-Mahnmal? Der Satiriker Shahak Shapira sorgt mit seiner Aktion „Yolocaust“ gerade für Furore im Netz. Auf yolocaust.de montiert Shapira im Internet gefundene Selfies von fröhlichen Mahnmal-Besuchern mit historischen Fotos geschundener KZ-Opfer. Der harsche Kontrast entlarvt die Gedankenlosigkeit vieler Menschen im Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust. Hat das Gedenken an das größte Verbrechen der Geschichte seinen Platz im kollektiven Gedächtnis und damit seine Prägekraft verloren? „Yolocaust“ bringt das Problem auf den Punkt. Hier weiterlesen: Ein Mahnmal, das Brücken baut - Gedenken an den Holocaust

Kein starres Inventar

Das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ist kein starres Inventar, sondern ein lebender Organismus. Es enthält erinnerte Vorgänge, Personen, Daten, Orte. Als Container, in das Daten bloß eingelagert werden, wäre das Gedächtnis unterschätzt. Erinnert wird, was bedeutsam ist. Das gilt für das persönliche Leben jedes Menschen und umso mehr für eine ganze Gesellschaft. Ihr kollektives Gedächtnis verweist auf das Gestern. Es bedarf aber heute der erneuernden Praxis, damit es aussagekräftig und lebendig bleiben kann. Erinnerung will aufgerufen, vermittelt, gestaltet sein. Mit der Erinnerungskultur pflegt eine Gesellschaft ihr aktuelles Selbstverständnis. Eine intakte Gedächtnisstruktur formt Identität und verleiht Kontinuität. Sie öffnet die Chance, Brüche der Geschichte zu verarbeiten und Aussöhnung zu eröffnen. Für kein anderes Thema gilt das mehr als für das Andenken an den Holocaust. Hier weiterlesen: Wie die AfD mit Nazi-Rhetorik auf Stimmenfang geht.

Drei Fragen zum Gedenken

Wie aber steht es um dieses Gedenken? Drei Problemkreise lösen heute Fragen zur Erinnerungskultur und ihrer Zukunft aus. Erstens: Die Generation der Opfer und Täter verlässt uns. Es gibt immer weniger KZ-Überlebende, die vor Schulklassen von ihren schrecklichen Erlebnissen berichten könnten. Wer zeugt künftig für das erlittene Unrecht? Zweitens: Digitale Medien verändern Wissensvermittlung dramatisch. In der Datenansammlung der Netzwelt verschwimmt Aufmerksamkeit. Wie kann die Erinnerung an den Holocaust dennoch fokussiert werden? Drittens: Mit Mauerfall und Wiedervereinigung hat sich die deutsche Gesellschaft stark verändert. Für Millionen Deutsche gehören die Debatten, die in der alten Bundesrepublik über das Holocaust-Gedenken geführt wurden, nicht zur eigenen Erinnerung. Auf welche Weise kann aber der Konsens, auf den jede Erinnerungskultur angewiesen ist, gestärkt werden? Hier weiterlesen: „Triumph des Todes“ - ein Hauptwerk des Holocaust-Opfers Felix Nussbaum.

Rückblick auf Kontroversen

Diese Fragen machen klar, was Erinnerungskultur braucht, um relevant und überzeugend sein zu können. Sie ist auf Personen angewiesen, die ihre Inhalte verkörpern, auf Medien, die Informationen zum Gegenstand des Gedenkens speichern, und auf eine Gesellschaft, die Erinnerung teilt und daraus ihre gemeinsame Identität ableitet. Kollektive Erinnerung braucht Rituale und den Rückbezug auf jene Debatten, die ausgefochten werden mussten, um ihre Themen und Vermittlungsweisen allgemein verbindlich machen zu können. Keine Aufgabe konnte in dieser Hinsicht komplexer und heikler sein als der Umgang mit dem Völkermord, den die Nationalsozialisten begangen haben. Von den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, die 1963 gegen NS-Täter eröffnet wurden, bis zur Kontroverse um die Gestalt des 2005 eröffneten Berliner Holocaust-Mahnmals und darüber hinaus reicht das Kontinuum des öffentlichen Gesprächs zu diesem zentralen Thema. Seine Debattenfolge hat die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unverwechselbar geprägt. Hier weiterlesen: Das Grauen im Gemälde - Das „Gaskammer“-Bild von Luc Tuymans.

Interesse der jungen Generation?

Der Holocaust markiert einen singulären Zivilisationsbruch. Die tätige Erinnerung an diesen Bruch gehört zum Kern des Selbstverständnisses der Deutschen. Ihn anzuerkennen, war der einzige Weg zu einem souveränen Umgang mit der Schuld der Vorfahren. Das Holocaust-Gedenken soll einer Wiederholung furchtbarer Gewaltakte den Riegel vorschieben. Insofern ist es mit seiner präventiven Dimension in die Zukunft gerichtet und bedarf ständiger Aktualisierung. Deshalb fragen Experten so intensiv, ob ein digitales Gedenken möglich ist, Gedenkrituale ihre orientierende Kraft bewahren können oder wie es möglich sein kann, Erinnerungskultur im Zentrum der Aufmerksamkeit künftiger Generationen zu halten. Starregisseur Steven Spielberg führte bereits 1994 mit seiner „Shoah Visual History Foundation“ exemplarisch vor, wie ein Holocaust-Mahnmal im Netz funktionieren kann - als gigantische Kollektion der Opferschicksale. Experten betonen aber immer wieder, dass Datenbanken im Netz allein nicht aussagekräftig sind. Gedenkstätten und didaktische Vermittlung bleiben als Rahmung der Angebote im Netz und als Erinnerungsanker zentral wichtig. Hier weiterlesen: Holocaust-Mahnmal - vor zehn Jahren eröffnet.

„Vergesst mich nicht“

Je genauer die Schicksale der Opfer fokussiert werden, umso deutlicher stellt sich die Aufgabe des Gedenkens neu. Das zeigt das Schicksal der Berlinerin Claire Lambertz. Zum 75. Jahrestag des Beginns der Deportation der Berliner Juden zitierte der „Tagesspiegel“ die letzte Postkarte der einfachen Bürgersfrau, die in Riga ermordet wurde. „Meine Lieben. Lebt wohl, alles war vergebens. Am 11. ist mein Schicksal entschieden“, schrieb Lambertz am 9. Januar 1942, und: „Vergesst mich nicht“. Hier weiterlesen: 70 Jahre danach - Auschwitz-Überlebende erinnern sich.


Gedenken im Netz: Wo findet sich verlässliche Information?

Hier eine Liste mit wichtigen Netzseiten zum Thema Holocaust-Gedenken und Erinnerungskultur - dokumentiert von Carmen Vosgröne:

Zukunft braucht Erinnerung. Das Online-Portal zu den historischen Themen unserer Zeit, mit einem Abschnitt über den Nationalsozialismus: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/geschichte-deutschlands/drittes-reich/

Onlineversion des Gedenkbuchs des Bundesarchivs: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ . Seit Dezember 2007 präsentiert das Bundesarchiv dein Gedenkbuch für die Opfer der NS-Judenverfolgung in Deutschland im Internet.

Joods Monument: https://www.joodsmonument.nl/ . Zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust in den Niederlanden

Berlin – Minsk: http://www.berlin-minsk.de/ Zur Erinnerung an die jüdischen Opfer, die aus Berlin in das Ghetto Minsk deportiert wurden

www.remember.org – A People’s History of the Holocaust & Genocide

www.shoah.de – deutschsprachiges Internetportal zum Thema shoah und Holocaust

Eine umfangreiche Auflistung mit Gedenkstätten und Denkmälern gibt es hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Gedenkst%C3%A4tten_f%C3%BCr_die_Opfer_des_Nationalsozialismus#Deutschland , geordnet nach Bundesländern, mit jeweiligem Enthüllungs- bzw. Eröffnungsdatum.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN