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Höcke und das „Denkmal der Schande“ Wie die AfD mit Nazi-Rhetorik auf Stimmenfang geht

Rhetorik, die dunkle Schatten der Nazi-Zeit heraufbeschwört: Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke provoziert des Öfteren mit Sätzen im Nazi-Duktus. Zuletzt nannte er das Holocaust-Mahnmal in Berlin „Denkmal der Schande“. Die Provokation hat System. Foto: dpaRhetorik, die dunkle Schatten der Nazi-Zeit heraufbeschwört: Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke provoziert des Öfteren mit Sätzen im Nazi-Duktus. Zuletzt nannte er das Holocaust-Mahnmal in Berlin „Denkmal der Schande“. Die Provokation hat System. Foto: dpa

Osnabrück. Wenige Tage vor dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus an diesem Freitag sorgte der AfD-Politiker Björn Höcke einmal mehr für Empörung. Doppeldeutig nannte er das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“. Doch das ist nur ein Beispiel dafür, wie die AfD mithilfe von Provokationen und Nazi-Rhetorik auf Stimmenfang geht.

Worte sind Waffen, und Björn Höcke weiß das. Im Fall des Landesvorsitzenden der AfD in Thüringen ist die Wirkung dieser Waffen besonders verheerend, denn mithilfe seines geschliffenen Nazi-Jargons lockt Höcke nicht nur Rechtsextremisten zu seinen Auftritten und an die Wahlurnen, sondern macht Rassismus, Ausländerhass und die Mär vom angeblich vor dem Untergang stehenden „deutschen Volk“ salonfähig.

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Höcke schwingt dabei gern die große verbale Keule, tituliert etwa das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“, fordert eine „180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungskultur“ oder fabuliert von einer „tausendjährigen Zukunft“, die Deutschland haben möge. Ein anderes Mal hofft er öffentlich, dass „Deutschland erwacht“, schließlich gehe es „um Sein oder Nichtsein“.

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Hitler-Zitate in neuem Gewand

Zur Erinnerung: In einer Rede vom 1. September 1933 hatte Adolf Hitler erklärt, dass das Dritte Reich unter seiner Führung „tausend Jahre“ dauern werde. Und ein Jahr zuvor, am 20. Juli 1932, sagte Hitler: „Heute in der dritten Morgenstunde, da das ganz andere Deutschland schläft, sind wir hier wach und werden wach bleiben, bis Deutschland frei ist. Deutschland erwache!“

Bis Deutschland frei ist? Deutschland erwache? Hitler führte die Welt in den Abgrund, Millionen starben in dem verheerenden Krieg, angezettelt von dem Fanatiker und denen, die ihm folgten. Millionen, vor allem Juden, wurden von den Nazis ermordet. Wer Hitlers Worte wählt, wählt das Grauen.

Ähnlichkeit wohl kaum ein Zufall

Dass die Ähnlichkeit der Rhetorik bewusst und gezielt ist, darf man Höcke getrost unterstellen, schließlich ist er Geschichtslehrer, wenn auch aktuell beurlaubt.

Wer noch Zweifel hat, dem sei ein Beitrag des ARD-Magazins „Monitor“ empfohlen, in dem die Redaktion Reden von Höcke mit Reden von Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels ineinander geschnitten hat. Das Ergebnis ist so entlarvend wie erschreckend.


Ist dieser Höcke, der Hetzer und Eiferer des „Flügels“, wie sich der rechte Rand der AfD nennt, nur ein besonders auffälliger und extremer Querschläger innerhalb der erzkonservativen Partei? Tatsächlich ist er auch in der AfD nicht unumstritten. Doch er ist nicht der Einzige in der Partei, der Rassenhass schürt, er steht in einer Reihe mit Parteichefin Frauke Petry, die den Begriff „völkisch“ reinwaschen will, oder dem Vize-Vorsitzenden Alexander Gauland, der den Fußball-Weltmeister Jerome Boateng, dessen Vater aus Ghana stammt, aufs Schärfste beleidigte. Die Verbalausfälle voller Stereotypen und Ressentiments sind Teil der Strategie der AfD, die auf der Welle der Fremdenfeindlichkeit dieses Jahr erstmals in den Bundestag segeln will.

Dreiklang der Empörung

Diese Strategie folgt einem immer gleichen Dreiklang: Zuerst steht die ungeheuerliche Provokation, dicht gefolgt von der Welle der Empörung innerhalb und außerhalb der Partei, anschließend wird entweder halbherzig zurückgerudert oder - und das ist der Regelfall - behauptet, man sei falsch verstanden worden und werde nun „bewusst verleumderisch“ falsch dargestellt, wahlweise von den „Altparteien“ oder der „Lügenpresse“ oder von beiden. Je nachdem, wie hoch die Empörung kocht, folgt eventuell noch ein parteiinterner Rüffel. Den gab es auch für Höcke von der AfD-Spitze, zugleich aber auch viel Lob von der Basis. Höcke hat allein auf Facebook mehr als 38.000 Fans.

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Provokation hat System

Ein jetzt öffentlich gewordenes Strategiepapier der AfD offenbart, dass diese Systematik gewollt ist. Der AfD geht es nicht darum, Lösungen zu bieten, sondern um Protest – gegen die etablierten Parteien, gegen die verachtete Elite, gegen Fremde, gegen Andersdenkende. „Wir hier unten“ gemeinsam gegen „die da oben“, und an allem Ungemach sind die Flüchtlinge schuld. Und wer bedauert, diese und andere „Wahrheiten“ hierzulande nicht mehr aussprechen zu dürfen, der erhält durch Höcke, den gewählten Politiker, endlich Aufmerksamkeit und die ersehnte Legitimation.

So schlicht die Parolen, so offensichtlich falsch die vermeintlichen Fakten und so glühend der Hass: Schaden tut diese Strategie der AfD nicht. In der Woche nach Höckes „Denkmal der Schande“-Rede legte die Partei in der Sonntagsfrage um ein Prozent zu – auf jetzt elf Prozent.

Zeitalter der „alternativen Fakten“

Das alles passt nur allzu gut in das Trump-Zeitalter, in der Lügen schamlos in „alternative Fakten“ umetikettiert werden. Ex-Piratin Marina Weisband hat den Mechanismus der sinnstiftenden, offensichtliche Lüge sehr anschaulich in einem Facebook-Post dargestellt. Sie schrieb: „Wenn du steif und fest behauptest, der Himmel sei grün, ist dein Ziel nicht, dass ich dir glaube. Dein Ziel ist, das so lange zu tun, bis ich sage: „Das ist deine Meinung. Ich habe meine. Niemand kann objektiv sagen, welche Farbe der Himmel hat.“ So legitimiert man das offensichtlich Falsche.“

Was ist Wahrheit, was ist Lüge?

Willkommen im postfaktischen Zeitalter, in der die Lüge keine mehr ist, sondern eine Frage der Einstellung.

Und welche Farbe hat nun der Himmel über der AfD? Höcke hat es verraten: Er ist braun. Oder um es mit Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo zu sagen: „Wer meint, die AfD sei wählbar, weil sie die Flüchtlingspolitik der Regierung kritisiert, muss den Auftritt Björn Höckes in Dresden sehen. Danach kann keiner mehr sagen, er habe nicht gewusst, was Höcke mit der AfD vorhat.“

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