Gedenken an Holocaust Ein Mahnmal, das Brücken baut

Ort der Erinnerung und der Mahnung: das Holocaust-Denkmal in der Mitte Berlins. Foto: dpaOrt der Erinnerung und der Mahnung: das Holocaust-Denkmal in der Mitte Berlins. Foto: dpa

Osnabrück. Wie soll, wie muss Deutschland heute und in Zukunft an den Holocaust erinnern? Das ist eine immer wieder kehrende Frage, auch und gerade am Holocaust-Gedenktag an diesem Freitag. Das Berliner Mahnmal zum Gedenken an die ermordeten Juden in Europa weist nicht nur in die Vergangenheit, es ist auch bedeutsam für die Gegenwart und die Zukunft.

Erschlagen, verbrannt, erschossen, vergast: Bis zu sechs Millionen Juden fielen in der NS-Zeit dem Holocaust zum Opfer. Es ist das größte Verbrechen in der deutschen Geschichte, einzigartig in Ausmaß und monströser Ausführung in eigens dafür geschaffenen Todesfabriken. Seit dem Mai 2005 erinnert das Holocaust-Mahnmal im Zentrum Berlins an die ermordeten Juden Europas. 500000 Besucher kommen jährlich ins unterirdisch integrierte Dokumentationszentrum. Das bedeutet einen Spitzenplatz unter den Berliner Museen. Dabei war das Mahnmal vor seinem Bau heftig umstritten. Wortgewaltige Kritiker meldeten sich zu Wort - und ernteten ihrerseits scharfen Widerspruch.

„Im Land der Täter“

Wie sollte die junge „Berliner Republik“ an die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs erinnern? Und sollte sie das überhaupt noch tun? Darum entbrannte eine heftige Kontroverse, nachdem die Publizistin Lea Rosh 1988 ein großes Mahnmal „im Land der Täter“ angeregt hatte. Es war ein steiniger Weg, bis der Bundestag im Juni 1999 schließlich grünes Licht für das Projekt gab und im Jahr darauf symbolisch mit dem Bau begonnen wurde.

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Für einen Eklat sorgte Martin Walser. Der Schriftsteller, Jahrgang 1927, beklagte eine Instrumentalisierung des Holocaust. „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“, so Walser 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche.

„Ein fußballfeldgroßer Albtraum“

Das Holocaust-Denkmal war Walser ein besonderer Dorn im Auge. Hier könne „die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten“, mahnte der Autor und führte Klage über eine „Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum“ und „die Monumentalisierung der Schande“.

Routinierte Reue überziehe das Land, assistierte wenig später „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein, Jahrgang 1923. Er kritisierte: „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, dass dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“

„Plötzlich liebens- und begehrenswert“

Scharfer Widerspruch kam unter anderem von Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er warf Walser geistige Brandstiftung und eine „Schlussstrichmentalität“ vor. Der Germanist Jan Philipp Reemtsma kritsierte Walsers „Rhetorik der Anspielungen“ und nannte ihn einen „beleidigten Nationalisten“. Der Philosoph Peter Sloterdijk befand dagegen, mit der „traumabedingten Retrospektivität der Nachkriegskinder“ müsse nun Schluss sein.

Das Denkmal ist bekanntlich trotzdem gebaut worden. Und es erweist sich nicht nur als Publikumsmagnet. Fazit der Kunsthistorikerin Kia Vahland: „Das Eingeständnis der Schuld, das Entsetzen und die Trauer führen nicht ins Abseits, sondern im Gegenteil, sie machen das Land plötzlich liebens- und begehrenswert.“ Sehr vieles, was das Deutschland der Gegenwart ausmacht, verdankt das Land nach Einschätzung von Vahland direkt oder indirekt der Fähigkeit zum steten Nachdenken über den Nationalsozialismus. „Die Wiedervereinigung mitten in Europa wäre nie zustande gekommen, würden die Deutschen sich mehrheitlich als Kriegsverlierer fühlen, die nach Rache sinnen.“

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