50 Jahre terre des hommes Bei Adoptionen Maßstäbe gesetzt und heftig gestritten

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Waisenkind im Heim: Die meisten Kinder, die terre des hommes zur Adoption nach Deutschland vermittelte, kamen aus Korea. Foto: tdhWaisenkind im Heim: Die meisten Kinder, die terre des hommes zur Adoption nach Deutschland vermittelte, kamen aus Korea. Foto: tdh

Osnabrück. Wie kann man Kindern in Not am besten helfen? Die Mitarbeiter von terre des hommes haben sich diese Frage immer wieder gestellt und hart um Lösungen gerungen, wie das Thema Auslandsadoptionen zeigt. Das Kinderhilfswerk setzte bei dieser Arbeit Maßstäbe – und hat sie dann doch eingestellt.

Albert Recknagel, Vorstandsmitglied bei terre des hommes, erinnert sich noch lebhaft: „Die Auslandsadoptionen waren ein extrem emotionales Thema. Das waren die heftigsten Debatten, die ich in 32 Jahren bei terre des hommes erlebt habe.“ Am Ende waren die Kritiker und Skeptiker in der Mehrheit. 1994 beschloss die Mitgliederversammlung des Vereins, das Adoptionsprogramm auslaufen zu lassen, um fortan mehr Projekte für verlassene Kinder zu fördern und Inlandsadoptionen in den Herkunftsländern zu unterstützen.

Die erste Auslandsadoption wurde 1967, die letzte 1998 vermittelt. Insgesamt kamen mithilfe von terre des hommes 2822 verlassene Kinder nach Deutschland – vor allem aus Korea (1898), aber auch aus Vietnam, Kolumbien, Bolivien, Ecuador, Äthiopien, Indien, Sri Lanka, Bangladesch und den Philippinen.

„Bei Auslandsadoptionen Maßstäbe gesetzt“

„terre des hommes hat bei diesem Thema Maßstäbe gesetzt“, betont Recknagel. „So haben wir nach und nach ein aufwendiges Auswahlverfahren entwickelt, bei dem die Eltern sehr intensiv auf ihre Eignung geprüft wurden.“ Wichtig sei vor allem gewesen, die Motivation möglicher Adoptiveltern zu klären. „Denn unser Leitsatz war: Wir suchen Eltern für Kindern, nicht Kinder für Eltern. Das Kindeswohl musste stets absoluten Vorrang haben.“

Chancenlos blieben demnach Bewerber, die sich in der Frühphase von terre des hommes mit eher fragwürdigen Ansinnen meldeten. „Wir suchen ein zweijähriges Mädchen. Keine Schwarz-Weiß-Mischung“, hieß es in einem Brief. Oder: „Ein indisches Kind würde sehr gut zu uns passen, da unsere Kinder dunkle Typen sind.“ Und, noch drastischer: „Ich würde mich über ein Mädchen sehr freuen, da sich dieses in meinem Haushalt gleichzeitig etwas nützlich machen kann.“

terre des hommes räumt heute zwar ein, zu Beginn habe man keine genauen Vorstellungen gehabt, wie die Vermittlung von Kindern genau zu gestalten ist. Dies sei ein „steter Lernprozess“ gewesen, sagt etwa Maria Holz, die viele Jahre für die Vermittlungsarbeit mitverantwortlich war. So seien Kinder anfangs nicht von ihren Eltern in ihrem Herkunftsland abgeholt, sondern am Flughafen in Deutschland in Empfang genommen worden. Das war laut Holz später unvorstellbar.

Kinder fragen: Woher komme ich

Schon bald ging terre des hommes das Thema aber immer professioneller an. Seit 1972 gab es in der Geschäftsstelle in Osnabrück ein eigenes Adoptionsreferat. Und das Auswahlverfahren wurde immer ausgefeilter: Psychologen, Sozialpädagogen, Jugendämtern waren daran beteiligt, aber auch erfahrene Adoptiveltern.

Außerdem wurde die „nachgehende Betreuung“ immer wichtiger, zumal die adoptierten Kinder teilweise gravierende Probleme hatten. „Woher komme ich? Wieso bin ich ausgesetzt worden? Wer sind meine leiblichen Eltern?“ lauteten die Fragen, zu denen terre des hommes eine Vielzahl von Seminaren und Begegnungen organisierte. „Das kann ein sehr schwieriges Thema sein, wenn man nicht mehr weiß, wohin man gehört“, erläutert Recknagel. Zudem sei nicht von der Hand zu weisen, „dass Kinder bei einer Vermittlung an Adoptionseltern im Ausland eine Art Kulturschock erleiden können – vor allem, wenn sie schon etwas älter sind.“

„Grauzonen, in denen Kinderhandel blüht“

Trotz aller Bemühungen und großer Integrationsleistungen gab es von Anfang an Kritik an den Auslandsadoptionen. Auch in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen, das terre des hommes am Wochenende mit einem Festakt in Osnabrück feiert, macht das Kinderhilfswerk daraus keinen Hehl. Es sei „unpolitisch“, sich nur um das Schicksal einzelner Kinder zu kümmern, statt auch die Ursachen der Not zu bekämpfen, hieß es schon in den 1970er-Jahren. Als Konsequenz startete das Kinderhilfswerk Projekte vor Ort, zunächst in Vietnam.

Zudem war terre des hommes mit einem weiteren gravierenden Problem konfrontiert, so Vorstand Albert Recknagel: „Es bestand und besteht die Gefahr von Grauzonen, in denen Kinderhandel blüht. Die Fälle undurchsichtiger Adoptionsvermittlung oder gar skrupellosen Kinderhandels nahmen in den 1980er-Jahren rasant zu.“

terre des hommes reagierte später mit einer breit angelegten Kampagne. Dabei macht das Kinderhilfswerk in ganz Europa klar: „Kinder sind keine Ware.“ Auch Gesetzgeber wurden aktiv: So wurde 1989 das deutsche Adoptionsvermittlungsgesetz verschärft und die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Darin heißt es, dass die „Adoption eines Kindes nur durch die zuständigen Behörden bewilligt“ werden kann. Ein weiterer Meilenstein war 1993 das „Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern“. Die Konvention verpflichtet die Unterzeichner, „die Entführung von Kindern und den Verkauf von Kindern sowie den Handel mit Kindern zu verhindern“. Zudem werden Standards für internationale Adoptionen festgelegt.

„Die Zeiten haben sich geändert“

terre des hommes hat diese Entwicklung erfolgreich begleitet, unter anderem als Berater in UN-Gremien. Dennoch rissen die Debatten über die Auslandsadoptionen nicht ab. Immer wieder ging es um die Frage, ob es nicht besser sei, Kinder in ihren Heimatländern adoptieren zu lassen. Und darum, wie man verhindern könne, dass Kinder überhaupt verlassen werden.

„Die Zeiten haben sich geändert“, zieht Vorstand Recknagel Bilanz. „Am Ende war es richtig, die Auslandsadoptionen auslaufen zu lassen. Denn wir wollten nicht nur einzelnen Kindern helfen, sondern vielen. Außerdem gab es in unseren Projektländern mittlerweile die Möglichkeit der Vermittlung von Kindern an einheimische Adoptiveltern.“ Und schließlich sehe das Haager Adoptionsübereinkommen vor, dass Kinder vorrangig in ihre Herkunftsfamilie zu integrieren sind oder in eine Familie oder familienähnliche Einrichtung des Geburtslandes. „Genau dafür tritt tdh bereits seit Ende der 1980er-Jahre ein.“


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