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Vor 20 Jahren Rücktritt Rudolf Seiters: Ich bin mit mir im Reinen


Berlin. Eine Welle der Sympathie hat Rudolf Seiters den Abschied verschönt. Zwei Drittel der Bundesbürger wollten den Christdemokraten weiterhin im Bundeskabinett von Helmut Kohl sehen.

Das war wenigstens eine gute Nachricht in jenen chaotischen Juli-Tagen vor 20 Jahren, die für den damaligen Bundesinnenminister Seiters eine entscheidende Wende brachten. Er trat am 4. Juli 1993 zurück.

Die missglückte Festnahme zweier RAF-Terroristen im mecklenburgischen Bad Kleinen am 27. Juni 1993 hatten die Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden in eine schwere Krise gebracht. Wegen ungeheuerlicher Fehler der Terrorfahnder bei dem Zugriff konnten sich die Gerüchte entwickeln, die Polizei habe das RAF-Mitglied Wolfgang Grams regelrecht exekutiert, der zuvor den Polizeikommissar Michael Newrzella getötet hatte.

Der damalige Bundesanwalt Alexander von Stahl, der die Einsatzleitung hatte, geriet immer mehr unter Druck. Seiters dagegen erhielt am 2. Juli bei einer gemeinsamen Sitzung des Rechts- und Innenausschusses Unterstützung des Bundestages.„Offene Fragen präzise beantworten“

„Zu dem Zeitpunkt war ich noch überzeugt, dass wir die offenen Fragen schnell und präzise beantworten können“, sagt Seiters rückblickend. Aber schon einen Tag später hätten die Medien „Monitor“ und „Spiegel“ von Zeugen für den Todesschuss an Grams berichtet. So habe der Journalist Hans Leyendecker geschrieben, ein Polizeibeamter habe sich aus „Seelennot“ an ihn gewandt und gebeichtet, Grams sei hingerichtet worden.

„In den Stunden danach war die Öffentlichkeit in heller Aufregung, es gab wilde Spekulationen“, schildert Seiters die Situation. Er sei am folgenden Tag, einem Sonntag, von seiner Heimatstadt Papenburg nach Bonn gefahren, um die Lage zu klären. „Es stellte sich aber heraus, dass eine schnelle Aufklärung nicht möglich war, weil die Beamten die Hände und Gesichter der Toten gereinigt hatten – mit dem Ergebnis, dass keine Schmauchspuren mehr nachgewiesen werden konnten. Deshalb mussten wir Spezialisten einschalten, um den Tathergang zu rekonstruieren. Das sollte sechs Monate dauern“, erläutert Seiters. „Die Vorstellung, so lange in der Öffentlichkeit zu stehen und die Vorwürfe nicht entkräften zu können, war für mich nicht akzeptabel.“

Auf dem Höhepunkt der Affäre übernahm der Bundesinnenminister die politische Verantwortung. „Helmut Kohl war wie vom Donner gerührt, als ich ihn anrief, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen. Wir telefonierten dreimal miteinander, und ich bat ihn, meine Entscheidung zu akzeptieren. Er wollte das erst nicht, hat es dann aber widerstrebend getan“, berichtet der Emsländer Seiters.

20 Jahre nach seinem Rückzug aus den Führungsetagen der Politik ist er gelassen und erkennbar zufrieden mit dem Lauf der Dinge: „Ich war damals im Reinen mit mir, und bin es auch heute.“ Der 75-Jährige fügt hinzu: „Aus meiner Sicht war der Rücktritt richtig, er war allerdings schmerzlich. Ich glaube, dass ich ein erfolgreicher Minister war. Aber manchmal muss man auch ein persönliches Opfer bringen.“

Sein Rücktritt sei ein doppelter Akt der Schadensbegrenzung gewesen, erläutert der heutige Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Er habe in einer aufgeregten Diskussion das Vertrauen der Bevölkerung stärken sollen, dass nichts vertuscht werde und dass der Staat ohne Ansehen der Person aufkläre – und zwar von einem Innenminister, der mit Bad Kleinen nichts zu tun hatte. „Zum Zweiten wollte ich die Bundesregierung vor einem unwürdigen Prozess der gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Ministerien und Behörden bewahren. Das ging ja schon in den ersten Tagen los“, erinnert sich Seiters.


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