Interview mit Generalsekretär Bundesstiftung Umwelt wirbt für Offenheit gegenüber Gentechnik

Umweltbildung ist ein Schwerpunkt: DBU-Generalsekretär Bottermann im Sommer in Osnabrück bei einer Ausstellung über Lebensmittel und deren Herstellung. Foto: David EbenerUmweltbildung ist ein Schwerpunkt: DBU-Generalsekretär Bottermann im Sommer in Osnabrück bei einer Ausstellung über Lebensmittel und deren Herstellung. Foto: David Ebener

Osnabrück. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat vor einer pauschalen Verteufelung von Gentechnik gewarnt und um Offenheit für die potenziellen Chancen neuartiger Verfahren geworben. In einem Interview mit unserer Redaktion kritisierte Generalsekretär Heinrich Bottermann ferner eine um sich greifende Verharmlosung des Klimawandels.

„Bio- und Gentechnologie sind wichtige Faktoren zur Zukunftssicherung der Menschheit“, sagte Bottermann. Deutschland solle sich dem nicht verschließen – „dann wird die Forschung an anderer Stelle geschehen, ohne dass wir daran beteiligt wären“. Bottermann verwies darauf, dass Veränderungen von Genen bereits vielfach vorgenommen würden: „Herkömmliche Züchtung ist nichts anderes als genetische Veränderung, nur mit einer anderen Technik.“

Auch die in Osnabrück ansässige DBU hat als eine der größten Stiftungen Europas in der Vergangenheit regelmäßig die Entwicklung gentechnischer Verfahren im industriellen Bereich gefördert, aktuell aber nicht. Bei dieser sogenannten weißen Gentechnik wird beispielsweise das Erbgut von Mikroorganismen verändert, um bestimmte Effekte in der Produktion umweltschonend und kostengünstig zu erzielen.

Bottermann warnte ferner vor einer um sich greifenden Verharmlosung des Klimawandels: „Dass man Tatsachen leugnet, auch durch Prominente, auch durch politische Parteien, die hier in Deutschland zur Wahl antreten, finde ich in hohem Maße unverantwortlich, und das ist noch freundlich gesagt.“

Das Interview im Wortlaut:

Herr Bottermann, der Schutz von Umwelt und Klima ist seit EU-Krise und Flüchtlingswelle ein wenig aus dem Blick geraten. Was sind die Trends im nächsten Jahr?

Trotz aller Klimaleugner muss klar sein, dass aus Temperaturanstieg und der Umweltbelastung durch Emissionen immense Herausforderungen erwachsen. Dabei sehen wir deutlich die Notwendigkeit, die Frage der Flüchtlinge mit der nach der wirtschaftlichen Entwicklung von Regionen und damit im Kontext mit dem Klimawandel zu betrachten. Wir müssen Klimaschutz zur Daseinsvorsorge betreiben, aber auch als Friedenspolitik. Diese Zusammenhänge sind nicht auflösbar und werden gerade wegen aller Debatten und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten an Bedeutung zunehmen. Physikalische Gesetzmäßigkeiten sind nicht verhandelbar, hat der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber einmal gesagt. Und genau darum handelt es sich beim Klimawandel.

Ist das so? Frühere, alarmistische Vorhersagen zum Temperaturanstieg sind nicht eingetreten. Es gibt andere Beispiele wie Waldsterben, Ozonloch, BSE, bei denen im Bereich Umwelt und Agrar übertriebene Szenarien kursiert haben. Was macht Sie so sicher, dass es beim Klimawandel anders ist?

Ich bin kein Alarmist, habe mich immer schon gegen dramatisierende Darstellungen gewehrt und tue das auch beim Klimawandel. Gleichwohl sehen wir ein heißestes Jahr nach dem anderen. Gerade die drei letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass die Kurve des Anstiegs eben nicht abflacht. Und die Themen Waldsterben und Ozonloch stünden heute noch ganz oben auf der Agenda, wenn es nicht gelungen wäre, durch entschiedenes Gegensteuern eine Trendumkehr zu erreichen.

Beim Klimawandel ist die Faktenlage erdrückend. Wenn wir ihn begrenzen wollen, wird es eine drastische Verringerung des Kohlenstoffausstoßes geben müssen. Das ist so einfach wie das Einmaleins.

Das Klima ändert sich seit Tausenden von Jahren - was ist so schlimm daran, wenn es das weiterhin tut?

Das Tempo. Wir reden über ein ganz enges Zeitfenster von 150, 200 Jahren, in dem Veränderungen stattfinden, die früher Zehntausende von Jahren dauerten. Die Anpassungsfähigkeit von Mensch und Natur ist darauf nicht eingerichtet.

War das wirklich immer so langsam? Ein rascher Temperaturanstieg gilt als bedeutender Faktor für die Bevölkerungsexplosion im mittelalterlichen Europa, beziehungsweise hatte die Landwirtschaft davor eine harte Phase durch eine Kälteperiode. An der Nordseeküste entstehen und verschwinden Inseln in beträchtlichem Tempo und seit jeher durch schwere Fluten. Ist es wirklich vernünftig, sich dagegen zu stemmen und das Klima dem Menschen anpassen zu wollen und nicht vielmehr sich selbst dem Klima?

Die uns jetzt bevorstehenden Temperaturänderungen sind deutlich größer und haben enorme Auswirkungen. Ohne Gegenmaßnahmen ist mit einem Anstieg von über vier Grad Celsius zu rechnen. Schon deutlich darunter käme es zum Abschmelzen des Grönlandeises und damit zu einem Meeresspiegelanstieg um sieben Meter. Über eine Milliarde Menschen würde die Heimat verlieren. Anpassung alleine löst die Probleme keineswegs. Beides muss daher passieren. Also in jedem Fall auch der Versuch, den Temperaturanstieg zu begrenzen. Deutschland liegt ja noch in einer begünstigten Klimazone. Aber auch hier müssen wir Dinge verändern, um nachfolgenden Generationen keine Probleme zu hinterlassen, die sie selbst bei allem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt nicht werden lösen können.

Donald Trump haben Sie angesprochen, und auch in Deutschland halten Teile von Politik und Gesellschaft den Handlungsbedarf für begrenzt.

Man muss mit gesundem Augenmaß und Sinn für das Machbare an die Dinge herangehen. Aber die andere Sache, dass man Tatsachen leugnet, auch durch Prominente, auch durch politische Parteien, die hier in Deutschland zur Wahl antreten, finde ich in hohem Maße unverantwortlich, und das ist noch freundlich gesagt. Wenn den Menschen Glauben gemacht wird, dass die Lebensweisen der Vergangenheit auch in Zukunft möglich sind, ist das ganz und gar unredlich. Wenn es um den Schutz von Klima und Ressourcen und letztlich die Bewahrung der Schöpfung geht, wird jeder einzelne sein Verhalten überdenken und verändern müssen.

Wie stehen Sie zur Elektromobilität?

Sie ist wichtig – aber natürlich nur dann, wenn der Strom regenerativ gewonnen wird. Nicht jeder, der sich ein E-Auto kauft, fährt damit automatisch clean. Auch der Einsatz der Batterien ist wegen der nötigen seltenen Erden problematisch. Auch deshalb glaube ich, dass Verbrennungsmotoren weiterhin wichtig sind und bleiben werden. Insbesondere gilt das für den Antriebsstoff Methan, der etwa in Biogasanlagen gewonnen und zu Flüssiggas umgewandelt werden kann.

Alles spricht über Elektro – glauben Sie wirklich noch an Gasmotoren?

Es wird ein Nebeneinander geben. Derzeit nimmt der Methan-Einsatz zumindest abseits des Automobilsektors deutlich zu, etwa bei Schiffsmotoren. Da ist LNG als verflüssigtes Methan ein großes Thema. Überschüssiger Windstrom kann wunderbar zu LNG umgewandelt werden, auch wenn die technologischen Möglichkeiten noch weiterzuentwickeln sind. Ein weiteres wichtiges Feld sind Baumaschinen, die für die Belastung der Luft in den Städten eine große Rolle spielen. Diese auf LNG-Antrieb umzustellen würde die Emissionen erheblich reduzieren. Wir haben mit der Universität Rostock einen entsprechenden Motor für Schlepper entwickelt. Ich sehe da ein großes Zukunftsfeld.

Themenwechsel: Der kritische Blick auf grüne Gentechnik wandelt sich ein bisschen, zumindest unter Fachleuten. Trotzdem bremst Deutschland, während die Nutzung global rasch voranzuschreiten scheint. Wie stehen Sie dazu?

Bio- und Gentechnologie sind wichtige Faktoren zur Zukunftssicherung der Menschheit. Deutschland sollte sich dem insbesondere im wissenschaftlichen Kontext nicht komplett verweigern – dann wird die Forschung an anderer Stelle geschehen, ohne dass wir daran beteiligt wären. Veränderungen von Genen werden ja auch durchaus bereits vorgenommen. Herkömmliche Züchtung ist nichts anderes als genetische Veränderung, nur mit einer anderen Technik. Relativ neu und sehr interessant ist die Crispr/Cas9-Methode, mit der Gen-Sequenzen punktgenau verändert werden können. Wenn sich da hilfreiche Fortschritte abzeichnen, sollte über Gentechnologie auch in Deutschland wieder neu diskutiert werden.

Ist der breite Widerstand rational erklärbar? Immerhin wird derzeit Saatgut sogar radioaktiv bestrahlt, um Genmutationen herbeizuführen. Dagegen protestiert keiner, wohl aber gegen weit zielgenauere Verfahren wie Crispr/Cas9?

Ich glaube, die Ablehnung rührt auch aus der Sorge, dass die Anwendung von Techniken an einzelne, große Unternehmen gebunden ist, die auf diese Weise versuchen, Marktdominanz zu erlangen. Das hielte auch ich nicht für akzeptabel. Aber den allgemeinen Fortschritt unter angemessener Abwägung von Chancen und Risiken zu fördern, finde ich persönlich unerlässlich. Er kann beispielsweise zu Produkten führen, die in klimatisch schwierigen Regionen gut gedeihen und dazu beitragen, die wachsende Zahl von Menschen zu ernähren. Neue Techniken können außerdem Arzneien oder Impfstoffe hervorbringen. All das spricht dafür, Gen-Verfahren nicht zu verteufeln.


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