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31.10.2016, 06:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOMMENTAR ZU MARTIN LUTHER

500 Jahre Reformation: Was die Freude trübt

Von Burkhard Ewert


Martin Luther hat mit der Reformation eine deutsche Variante der Renaissance geschaffen. Foto: dpaMartin Luther hat mit der Reformation eine deutsche Variante der Renaissance geschaffen. Foto: dpa

Osnabrück. 500 Jahre Geschichte der Reformation sind auch die Geschichte von 500 Jahren Gewalt und Intoleranz. Unguter Hochmut hält sich bis heute. Warum der Jubiläumstag kein Grund zur ungetrübten Freude ist – ein Kommentar.

Die Reformation war eine deutsche Variante der Renaissance. Sie brachte mit bürgerlicher Bildung, Teilhabe und individueller Verantwortung Grundpfeiler der Neuzeit wegweisend voran oder schuf sie überhaupt erst. Im Festjahr zum 500. Jubiläum wird auf diese und weitere epochale Folgen zurecht und reichlich hingewiesen werden. Aber angesichts von auch 500 Jahren Spaltung, Engstirnigkeit und blutiger Gewalt kann der Jahrestag kein ungetrübter Grund zur Freude sein. Eher zum Besinnen. Sich als Führungsschicht in unguter Art vom Volk entkoppelt zu haben, war Ursache für den Aufstand des Wutbürgers Martin Luther. Sich danach konfessionell wechselseitig moralisch erhaben zu fühlen, führte zu unsäglichem Leid – mal kriegerisch im Großen, dann auch im Kleinen, in zarten Seelen, wenn eine Liebe verhindert, eine Familie entzweit oder traumatische Ängste vor ewiger Verdammnis geschürt wurden.

Protestanten als Täter

Zur Wahrheit gehört außerdem: Protestanten waren auch Täter. Sie verfolgten Abweichler ähnlich unerbittlich wie die katholische Inquisition. In ihren Gebieten wütete die Hexenverbrennung vielfach schlimmer,  übrigens mit Osnabrück als schändlicher Hochburg.  Auch einen Zusammenhang zwischen Protestantismus und der so unheilvollen, preußisch-soldatischen Pflichterfüllung nehmen Wissenschaftler an. Viele sagen, ohne das evangelische Verständnis eines schicksalhaft vorherbestimmten Lebens ließen sich auch Kapitalismus und Industrialisierung mit ihren inhumanen Auswüchsen nicht verstehen.

Toleranz muss daher die Lehre lauten. Gelassenheit und nicht übersteigerter Eifer. Die eigene Meinung nicht mit Feuer und Schwert in die Welt tragen zu wollen. Und den Frieden gleich zu Beginn eines Konflikts zu suchen, statt diesen mühsam später oder auch gar nicht zu beenden – im Zweifel nicht einmal nach fünf Jahrhunderten.

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