Türkischer Nationalismus Türkei-Experte warnt vor „türkischer Pegida“ in Deutschland

Der Türkei-Experte Burak Copur warnt davor, dass sich viele Deutsch-Türken als „Menschen zweiter Klasse“ fühlen. Foto: dpaDer Türkei-Experte Burak Copur warnt davor, dass sich viele Deutsch-Türken als „Menschen zweiter Klasse“ fühlen. Foto: dpa

Düsseldorf. Der Türkei-Experte Burak Copur hat vor einem wachsenden türkischen Nationalismus und Islamismus in Deutschland gewarnt. In einem Gespräch mit unserer Zeitung sagte der Politikwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, es bilde sich bereits seit längerem eine gefährliche „türkische Pegida“, die mit Kampfbegriffen wie „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ hantiere.

Regelmäßig sähen sich auch deutsche Abgeordnete mit türkischen Wurzeln Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Es würden Ängste und Feindbilder geschürt. Der Migrationsforscher sagte: „Wir sitzen hier auf einem Pulverfass.“

Copur warb dafür, im Gespräch zu bleiben mit den in Deutschland lebenden Anhängern der türkischen Regierung unter Recep Tayyip Erdogan. „Wir müssen aufpassen, dass wir Deutsch-Türken nicht weiter in die Arme von Erdogan treiben“, sagte der Politikwissenschaftler. Die Großkundgebung vor zweieinhalb Monaten in Köln, bei der Zehntausende nach dem gescheiterten Putschversuch rote Halbmondfahnen schwenkten, sei „auch ein Schrei nach mehr Anerkennung und Wertschätzung“ gewesen. Viele Deutsch-Türken fühlten sich nach wie vor als „Menschen zweiter Klasse“.

Politische Aufrufe zur Loyalität an die Adresse von Deutsch-Türken sieht der Türkei-Experte hingegen kritisch. Werte und Normen ließen sich nicht von oben verordnen. Statt hastig die Versäumnisse einer „verschlafenen Integrationspolitik“ anzugehen, „sollten wir die liberalen und demokratischen Kräfte in der türkischen Community stärken“, forderte Copur.

Verbände mit Vorsicht betrachten

Der Experte nannte die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die sich selbst als „Brückenbauer“ zwischen der deutschen und der türkischen Kultur versteht. In Copurs Augen ist der Verband dagegen der „politische Lautsprecher und verlängerte Arm der türkischen Regierungspartei AKP in Europa.“ Vor allem in Deutschland kurble die UETD die „Propaganda-Maschine“ des türkischen Staatspräsidenten Erdogan an.

Obwohl er die „Sündenbock-Theorie und Denunziationskampagne des Erdogan-Regimes“ streng verurteilt, mahnte Copur auch mit Blick auf das Netzwerk des islamischen Exilpredigers Fethullah Gülen zur Vorsicht. Es handle sich um eine „januskopfartige Bewegung mit einem sozial-zivilgesellschaftlichen und einem politisch-militaristischen Gesicht“, erklärte der Türkei-Experte. „Die zivilgesellschaftlichen Vertreter der Gülen-Bewegung stehen eher für Themen wie religiöser Dialog und Integration“, sagte Copur. Dagegen hätten die im türkischen Staat organisierten Gülen-Anhänger stets einen klaren Machtanspruch verfolgt.


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