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13.09.2016, 15:15 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOMMENTAR ZUR WAFFENRUHE

Lage in Syrien: Der Schlächter als Friedensbringer?

Kommentar von Melanie Heike Schmidt

Einkaufen für das Opferfest Eid al-Adha: Einwohner von Damaskus bereiten sich auf das traditionelle Opferfest vor. Seit Montagabend gilt in Syrien eine Waffenruhe, die weitestgehend zu halten scheint. Doch ob sie von Dauer sein könnte, ist fraglich. Foto: dpaEinkaufen für das Opferfest Eid al-Adha: Einwohner von Damaskus bereiten sich auf das traditionelle Opferfest vor. Seit Montagabend gilt in Syrien eine Waffenruhe, die weitestgehend zu halten scheint. Doch ob sie von Dauer sein könnte, ist fraglich. Foto: dpa

Osnabrück. Wie mag es sein, in Syriens Kriegsgebieten zu leben? Eingekesselt zwischen bewaffneten Feinden, tagsüber im Visier von Heckenschützen, nachts bedroht von Bombardements aus der Luft. Belagert, gequält und ausgehungert klammern sich Millionen Syrer an die seit Montagabend geltende Waffenruhe. Dass sie hält, ist fraglich.

Nach der ersten ruhigen Nacht in Syrien keimt zarte Hoffnung auf: Ist sie nun da, die Chance auf Frieden in dem Konflikt, der bereits mehr als 300.000 Menschen das Leben gekostet hat? Es wäre schön. Doch die Situation ist fragil. Zu viele Akteure haben zu viele Eigeninteressen. Und das Papier, auf dem die Waffenruhe von den strippenziehenden Großmächten USA und Russland vereinbart wurde, hat Lücken.

Auch unser Konflikt

Vor allem fehlt es an definierten Absichten. Zwar soll laut der Vereinbarung Hunderttausenden notleidenden Syrern nun Hilfe zukommen. Doch was gut klingt, ist wenig konkret. Immer wieder sind in dem Konflikt Absichten zu Lippenbekenntnissen verblasst. Dabei warnen die Hilfsorganisationen eindringlich vor den Folgen. Allein 80.000 syrische Kinder sind unterernährt, meldet Care International. Millionen fliehen, auch nach Deutschland, was den Konflikt auch zu unserem macht.

Entspannung klingt anders

Folter, Mord, Entführungen und Verhaftungen sind in Syrien an der Tagesordnung. Dabei mischt jeder mit: von der IS-Terrormiliz über die Al Nusra Front – ein Al-Kaida-Ableger, der sich neulich bedeutungsschwanger in „Eroberungsfront Syriens“ umbenannt hat – bis hin zu den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad. Der wiederum schon die im Februar vereinbarte Waffenruhe gebrochen und so die Hoffnung auf Frieden vorerst zunichte gemacht hat. Und der kurz vor Beginn der jetzigen Feuerpause angekündigt hat, „jedes Gebiet von den Terroristen zurückzuerobern“. Entspannung klingt anders.

Fatale Lücke: keine Sanktionen vereinbart

Klar ist: Bislang ruhen die Waffen, zumindest weitestgehend. Ob das so bleibt und ob am Ende Russland und die USA zu einer gemeinsamen Strategie gegen die Terroristen in Syrien kommen, hängt zuvorderst von Assad ab. Er weiß das. Und er weiß auch, dass er keine Sanktionen zu fürchten hat, sollte er einmal mehr internationale Vereinbarungen brechen – eine weitere Lücke in dem so mühevoll ausgehandelten Papier. Damit liegt das zarte Pflänzchen der Hoffnung ausgerechnet in der Hand des Schlächters, der sein Volk seit Jahren terrorisiert.

Russland schützt den Despoten

Dass Assad in paar Hundert Tote mehr oder weniger gleichgültig sind, ist anzunehmen. Schärfere wirtschaftliche, finanzielle und auch diplomatische Sanktionen aber würden vielleicht fruchten. Doch solange Russland sich schützend vor den Despoten stellt, wird daraus nichts.

Dem syrischen Volk bleibt derweil nichts anderes übrig, als jede einzelne Stunde des Waffenstillstands als Geschenk zu empfinden. Und zu beten, dass es viele davon geben wird.

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