Religiöser Extremismus Islamwissenschaftler: Mädchen radikalisieren sich im Stillen

Von Almut Hülsmeyer

Die Mädchen, die sich radikalisieren, werden immer jünger. Foto: dpaDie Mädchen, die sich radikalisieren, werden immer jünger. Foto: dpa

Osnabrück. Unter den Mädchen, die sich in Deutschland radikalisieren, sind bereits 13-Jährige. Persönliche Krisen machen die Jugendlichen empfänglich für die Botschaften von Salafisten, erklärt der Religionspädagoge André Taubert.

Safia ist 15 Jahre alt, als sie im Februar dieses Jahres am Hannoveraner Hauptbahnhof ein Messer zückt und es einem Polizisten in den Hals rammt. Der Beamte überlebt schwer verletzt. Wenige Wochen zuvor war die Schülerin nach Istanbul geflogen, weil sie sich in Syrien dem IS anschließen wollte. In der türkischen Metropole nahm sie Kontakt mit Mitgliedern der Terrormiliz auf. Ihre Mutter reiste ihr nach und holte sie zurück. Mittlerweile hat die Bundesanwaltschaft Anklage wegen versuchten Mordes gegen die inzwischen 16-Jährige erhoben.

Seit Ende 2014 verzeichnet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) einen starken Anstieg der Beratungsfälle, in denen es um die Radikalisierung von Mädchen geht. Waren in der Vergangenheit in etwas mehr als einem Viertel der Beratungsfälle Mädchen betroffen, seien es 2015 bereits knapp die Hälfte aller Fälle gewesen, teilte das Bamf unserer Redaktion mit. Der Trend habe sich in diesem Jahr fortgesetzt. Seit der Schaltung ihrer Hotline 2012 gingen bei der Beratungsstelle mehr als 2500 Anrufe ein.

Auch der Religionspädagoge André Taubert, der in der Hamburger Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung „Legato“arbeitet, schätzt den Anteil der dortigen Beratungsfälle, die Mädchen betreffen, auf etwa 50 Prozent. Allerdings spiegele diese Prozentzahl nicht unbedingt die Szene wider, betont der Religionspädagoge. „Die Angehörigen von Mädchen machen sich eher Sorgen. Bei Jungs wird die Radikalisierung häufig als Phase abgetan. Bei Mädchen hat die Familie das Gefühl, dass es sich um etwas Endgültiges handelt.“

Persönliche Krise als Voraussetzung

Radikalisierung ist ein Jugendphänomen. Bereits 13-Jährige sind mittlerweile unter den Mädchen, die in die Fänge von Salafisten geraten. Die Altersgrenze verschiebe sich immer weiter nach vorne, sagt der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Anders als bei Jungen, die häufig provozierten und konfrontativ seien, vollziehe sich die Radikalisierung von Mädchen im Stillen. „Wir sprechen von einer Kinderzimmerradikalisierung“, sagt Kiefer. (Lesen Sie auch: Verfassungsschutz zeigte Aufklärungsvideo mit Safia S.)

Damit Mädchen für die Botschaften der religiösen Extremisten empfänglich sind, ist nach Ansicht von Taubert eine persönliche Krise unbedingte Voraussetzung. „Bei Mädchen hat das ganz oft mit Unsicherheit zu tun, mit dem anderen Geschlecht, mit körperlichen Veränderungen während der Pubertät. Im Grunde sind das alles Dinge, die Mädchen schon immer beim Erwachsenwerden bewegt haben.“ In diesen Krisensituationen gäben Salafisten einfache Antworten auf die persönlichen Probleme der Jugendlichen. „Die Salafisten wissen mit ihrer Propaganda jugendliche Probleme zu adressieren. Das tun politische Gruppierungen in der Regel nicht. Deshalb sind Bewegungen wie der Linksextremismus auch nicht besonders sexy für die Jugendlichen“, erklärt Taubert.

Soziale Medien spielen eine entscheidenden Rolle

Radikalisierung findet bei Mädchen aus allen gesellschaftlichen Schichten statt. Manche sind atheistisch aufgewachsen, andere christlich oder moderat muslimisch. „Die Mädchen, die sich radikalisieren, kommen in den seltensten Fällen aus muslimisch konservativen Elternhäusern“, sagt Taubert. „Wer in einem Elternhaus aufwächst, wo der Islam einen alltäglichen Platz hat, ist für die Botschaften der Extremisten nicht empfänglich, weil er die Komplexität des Glaubens begreift und sich nicht von holzschnittartigen Religionsauslegungen verleiten lässt.“

Radikalisierung sei auch häufig Rebellion gegen die Eltern und deren Weltanschauung. So könne die Entscheidung eines Mädchens, plötzlich Kopftuch oder Niqab zu tragen, zu Streit mit den Eltern führen. Auch solche Konflikte nutzten Salafisten geschickt, indem sie die Botschaft vermittelten: Deine Eltern lassen dich keine wahre Muslima sein, sie sind Teil der westlichen Welt. „Die Extremisten treiben so einen Keil in die ohnehin vorhandenen Generationenkonflikte hinein.“

Einstieg in die Szene über persönliche Kontakte

Während der Einstieg in die extremistische Szene häufig über persönliche Kontakte geschieht, spielen bei der weiteren Radikalisierung das Internet und vor allem Soziale Medien eine entscheidende Rolle. „Whatsapp ist das Hauptkommunikationsmittel und das wichtigste Rekrutierungsmittel“, sagt Kiefer. Frauen, die nach Syrien ausgereist seien, würden von dort gezielt Whatsapp-Gruppen ausbauen und Kontakte knüpfen.

Allerdings haben die Ausreisen nach Syrien und in den Irak seit 2015 laut des Bundesamts für Verfassungsschutz abgenommen. Ein Hoch habe es 2014 mit der Ausrufung des Kalifats durch den Islamischen Staat gegeben. Danach habe sich die Ausreisetätigkeit verringert. Rund 850 Ausreisen aus Deutschland hat der Verfassungsschutz bislang registriert. Ein Fünftel der Ausgereisten waren Frauen, darunter etwas mehr als 20 minderjährige Mädchen. Heute sei eine Ausreise deutlich schwieriger als noch vor zwei Jahren, sagt Kiefer. Früher hätten wenige Hundert Euro gereicht, um in die Türkei zu fliegen und von dort aus weiter nach Syrien geschleust zu werden. Mittlerweile sei die Grenze nach Syrien faktisch dicht.

Meist sind es die Eltern und Lehrer , die als erste die Veränderungen der Jugendlichen bemerken. Wenn sie sich in der Hamburger Beratungsstelle Legato melden, versucht Taubert zu klären, welcher Konflikt der Radikalisierung zugrunde liegt. „Wenn man den Brandherd der persönlichen Krise löschen kann, kann man auch die Radikalisierung stoppen“, ist der Religionspädagoge überzeugt. Entscheidend bei diesem Prozess sei, wie stark die Bindungen zu nicht-radikalisierten Menschen noch seien. So lange solche Bindungen bestünden, gebe es auch die Chance auf einen Ausstieg.