Ohne Eltern geflüchtet Rund 9000 Flüchtlingskinder vermisst – Zahl fast verdoppelt

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Tausende unbegleitete Flüchtlingskinder in Deutschland werden vermisst. Hier schaukeln Kinder vor  einem Wohnheim für geflüchtete Frauen und Familien in Berlin. Foto: dpaTausende unbegleitete Flüchtlingskinder in Deutschland werden vermisst. Hier schaukeln Kinder vor einem Wohnheim für geflüchtete Frauen und Familien in Berlin. Foto: dpa

Osnabrück. Nach der Ankunft in Deutschland verschwunden – dieses Schicksal haben fast 9000 Flüchtlingskinder und Jugendliche. Sie sind mit dem Flüchtlingsstrom ohne Begleitung gekommen und werden in Aufnahmeeinrichtungen vermisst. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl fast verdoppelt.

Meist ist die Sache harmlos: Sie reisen einfach weiter zu ihrer Familie oder Freunden, ohne dass sie aus der Fahndungsdatenbank gelöscht werden.

Die Zahl der in Deutschland verschwundenen Flüchtlingskinder hat sich seit Jahresbeginn fast verdoppelt. Am 1. Juli waren 8.991 unbegleitete Flüchtlingskinder und Jugendliche als vermisst gemeldet, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage unserer Redaktion mit. Das sind schon mehr als im Gesamtjahr 2015 und fast doppelt so viele wie noch zu Jahresbeginn (1. Januar), als

4.749 geflüchtete Minderjährige als vermisst galten. Der größte Teil der Verschwundenen waren Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren

(8.046 Personen). Nur 867 waren Kinder bis 13 Jahre, hinzu kamen 78 Personen über 18 Jahre. Die Zahlen vom Stichtag stellen eine Momentaufnahme dar und unterliegen täglichen Schwankungen. Aktuellere Daten liegen nicht vor, teilte das BKA vor dem Internationalen Tag der Vermissten an diesem Dienstag (30. August) mit. Wenn unbegleitete Kinder aus Aufnahmeeinrichtungen verschwänden, würden die Verantwortlichen eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben. Mit Blick auf den Anstieg der Zahlen verwies das Amt auf den massiven Flüchtlingszustrom seit Mitte vergangenen Jahres , in dem auch sehr viele unbegleitete Kinder und Jugendliche nach Deutschland gereist seien.

In der Regel kein krimineller Hintergrund

Die meisten Fälle seien harmlos und hätten keinen kriminellen Hintergrund. „Konkrete Erkenntnisse, dass ein Teil der zu Jahresbeginn vermissten minderjährigen Flüchtlinge Kriminellen in die Hände gefallen sein könnten, liegen im Bundeskriminalamt nicht vor“, sagte eine BKA-Sprecherin. „Vielfach entfernen sich die Kinder nicht planlos, sondern wollen ihre Eltern, Verwandten oder Bekannten in anderen deutschen Städten oder gar im europäischen Ausland aufsuchen.“

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Die Statistik verzerre dabei die Zahlen nach oben. Denn wenn Kinder und Jugendliche bei der Familie oder Freunden in Deutschland oder anderen EU-Ländern ankämen, erhielten die deutschen Behörden in den seltensten Fällen eine Rückmeldung – deshalb bleiben die Namen in der Fahndungsdatenbank stehen. Häufig gebe es zudem Mehrfachregistrierungen, wenn Jugendliche eine Unterkunft verlassen, weiterreisen und sich dann an einem anderen Ort wieder registrieren lassen. „Das liegt daran, dass die Personalien der betroffenen Flüchtlinge oft nicht feststehen, weil sie vielfach ohne Ausweispapiere reisen“, so das BKA. Häufig gebe es auch verschiedene Schreibweisen desselben Namens.

Auch in Europa hohe Vermissten- Zahlen

Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Grünen-Abgeordneten hervorgeht, kommen die meisten vermissten unbegleiteten Flüchtlingskinder aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Eritrea, Marokko und Algerien.

Der Deutsche Kinderschutzbund hat schon früher darauf verwiesen, dass unbegleitete Kinder auf der Flucht recht- und schutzlos sein. Kinder könnten so leicht Opfer von Kriminellen werden.

Für Europa gibt es keine aktuellen Zahlen zu vermissten Flüchtlingskindern, wie eine Anfrage unserer Redaktion bei der Europäischen Polizeibehörde ergab. Das Amt verwies auf eine Schätzung vom Februar, wonach mindestens 10 000 unbegleitete Flüchtlingskinder nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden seien. Die Zahl sei inzwischen sicher deutlich höher, hieß es. Viele seien wohl in der Obhut ihrer Familie, man könne aber auch Verbrechen nicht ausschließen.


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