Hohe Inflation, kaum offene Stellen Brasilien in der Wirtschaftskrise: Olympia als Kehrtwende?

Von Tobias Käufer

Hoffen auf Olympia: Möglicherweise läutet das sportliche Großereignis eine Kehrtwende in dem krisengeschüttelten Land ein. Foto: dpaHoffen auf Olympia: Möglicherweise läutet das sportliche Großereignis eine Kehrtwende in dem krisengeschüttelten Land ein. Foto: dpa

Rio de Janeiro. Brasilien leidet unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Die Olympischen Spiele könnten die Kehrtwende einläuten.

Am Freitagabend sitzt Percussion-Künstler Uribira de Oliveira im Maracana-Stadion: Als einer von vielen tausend Protagonisten der Eröffnungsfeier trommelt der Musiklehrer der bundesstaatlichen Schule Faetec für gute Stimmung bei den Spielen. Seine persönliche Stimmung ist aber seit Monaten im Keller. Er gehört zu den vielen Angestellten des Bundesstaates Rio de Janeiro, die fast ein halbes Jahr auf ihre Gehälter warten mussten.

Erlösende Nachricht

Wenige Tage vor den Spielen dann endlich die erlösende Nachricht: Zumindest die Hälfte der ausstehenden Summe ist auf dem Konto eingetroffen. Der Bundesstaat Rio de Janeiro hatte den finanziellen Notstand ausgerufen: „Ich glaube, Rio de Janeiro hat sich mit Fußball-WM und Olympia einfach übernommen“, sagt der Sohn des Gründers der berühmtesten Samba-Schule der Stadt, die jüngst die Karnevalsmeisterschaft gewann.

Illusionen geplatzt

Über der Stadt wie über dem Land liegt der dunkle Schatten der Wirtschaftskrise: hohe Inflation, kaum offene Stellen und nur wenige Industriezweige auf modernem Niveau. Geplatzt sind all die Illusionen, die ihnen der ehemals so populäre Präsident Lula da Silva verkaufte. Seine Anhänger rühmen den Übervater der linken Arbeiterpartei dafür, einen Teil der Brasilianer mit Sozialprogrammen aus der Armut gehievt zu haben.

Seine Kritiker kommentieren das sarkastisch: „Früher waren die Brasilianer arm, jetzt sind sie ruiniert.“ Denn die Sozialausgaben wurden auf Konten eingezahlt, die die meisten Brasilianer bis dato gar nicht besaßen, weil sie sie nicht brauchten. Jetzt haben sie teure Kredite, zahlen absurd hohe Überziehungszinsen und stecken im gleichen Dilemma wie vorher.

Lulus Größenwahn

Vor allem aber ist Lulas Modell am eigenen Größenwahn gescheitert. Die Träume, den Klimakiller Erdöl auch noch aus noch tieferen Gesteinsschichten weit unter dem Meeresboden zu fördern, wird wohl am niedrigen Ölpreis scheitern. Zu teuer erscheint die Förderung aus heutiger Perspektive. Die Milliardenausgaben für WM und Olympia haben ein dickes Loch in die öffentlichen Kassen gerissen. Gleich zwei Mega-Veranstaltungen innerhalb von nur zwei Jahren waren zu viel für ein Land, das Lula schon auf dem Weg zur regionalen Supermacht sah. Brasiliens Wirtschaft tritt seitdem auf der Stelle.

Hoffen auf Olympia

Immerhin könnten die Olympischen Spiele die Wende bringen. Traumhafte TV-Bilder aus einer der schönsten Städte der Welt könnten den Tourismus langfristig ankurbeln und die Stadt zu einem neuen Hotspot machen.

In den vergangenen Jahren profitierten all jene Austragungsorte von WM oder Olympia, denen es gelang, sich optisch besonders positiv in Szene zu setzen. Schon heute haben sich einige Start-ups ganz bewusst für Rio de Janeiro und eben nicht für die Wirtschaftsmetropole Sao Paulo entschieden. Rio bietet mehr Lebensqualität, kulturelle Vielfalt und künftig auch eine Verkehrsinfrastruktur, die zu einem großen Standortvorteil werden könnte.

Psychologie spielt wichtige Rolle

War die Fußball-WM mit ihrem 1:7-Debakel gegen Deutschland im Halbfinale für die Brasilianer so etwas wie der Beginn einer zweijährigen Schockstarre mit immer mehr neuen Tiefschlägen aus Politik und Wirtschaft, so können die Spiele von Rio zu einem Wendepunkt werden: Gelungene Olympische Spiele und eine Handvoll brasilianischer Goldmedaillen in den national so wichtigen Sportarten wie Beachvolleyball, Volleyball oder Fußball wären Balsam für die Seele. Und Psychologie spielt eben auch in der Wirtschaft eine ganz große Rolle.