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31.07.2016, 15:56 Uhr KOMMENTAR ZUM KONFLIKT MERKEL-SEEHOFER

Flüchtlingsstreit: Das „Wir“ größer denken

Kommentar von Katharina Ritzer

Es bleibt dabei: In der Flüchtlingsfrage kommen Angela Merkel und Horst Seehofer auf keinen gemeinsamen Nenner. Dabei wäre es wichtiger, die europäischen Partner stärker in die Pflicht zu nehmen. Foto: AFPEs bleibt dabei: In der Flüchtlingsfrage kommen Angela Merkel und Horst Seehofer auf keinen gemeinsamen Nenner. Dabei wäre es wichtiger, die europäischen Partner stärker in die Pflicht zu nehmen. Foto: AFP

Osnabrück. Kanzlerin Merkel beharrt auf ihrem Verdikt „Wir schaffen das“, die scharfe Kritik von Bayerns Ministerpräsident Seehofer folgt prompt. Doch statt sich innenpolitisch zu zerfleischen, sollten die beiden Unionspolitiker endlich anfangen, dieses „Wir“ größer zu denken – und die europäischen Partner in die Pflicht nehmen. Ein Kommentar.

Beide haben sie auf ihre Weise ja recht und liegen trotzdem beide falsch: Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem fast schon trotzigen „Wir schaffen das“ hat recht, denn wenn das starke Deutschland Flüchtlingen nicht helfen kann, wer dann? Eben so recht hat aber auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer mit seinem „So schaffen wir das aber nicht“. Nach den Übergriffen in Köln und nach den Attentaten in Bayern ist die Stimmung in der Bevölkerung gründlich gekippt – der rasante Anstieg der „Kleinen Waffenscheine“ ist da nur ein Indiz.

Falsch liegen beide aber auch. Merkel mit dem sturen Beharren auf einer Position, die mehr und mehr am erlebten Alltag der Menschen vorbei geht und von diesen deshalb mehr und mehr als Wolkenkuckucksheim empfunden wird. Und Seehofer mit seinem populistischen Reflex-Ruf nach dem „starken Staat“ und dem Einsatz der Bundeswehr im Innern. Der Staat ist stark genug und er hat Gesetze genug, um so weit irgend möglich für Sicherheit zu sorgen. Auch dafür gibt es ein Indiz: das professionelle Agieren der bayerischen Polizei in der Nacht des Münchner Amoklaufs.

Seehofer und vor allem Merkel sollten sich statt ihres innenpolitischen Streits lieber darum kümmern, dass die Not der Flüchtlinge als Aufgabe aller Europäer gesehen wird und sich etwa die Polen oder die noch zur EU gehörenden Engländer nicht weiter vornehm heraushalten. Nur wenn das „Wir“ endlich so groß gedacht wird, dann haben wir auch eine Chance, das wirklich zu schaffen – den Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren und gleichzeitig für die Sicherheit aller hier Lebenden zu sorgen.


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