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29.07.2016, 14:51 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOMMENTAR

Papst besucht Auschwitz: Gesten statt Worte

Kommentar von Melanie Heike Schmidt

Allein, auch ohne Personenschutz, schritt Papst Franziskus bei seinem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch das Tor zum sogenannten Stammlager. Über ihm der berühmte, zynische Nazi-Schriftzug „Arbeit macht frei“. Der Papst gestaltete seinen Besuch in aller Stille – und setzte so ein großes Zeichen für Frieden und Völkerverständigung. Foto: Imago/newspixAllein, auch ohne Personenschutz, schritt Papst Franziskus bei seinem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch das Tor zum sogenannten Stammlager. Über ihm der berühmte, zynische Nazi-Schriftzug „Arbeit macht frei“. Der Papst gestaltete seinen Besuch in aller Stille – und setzte so ein großes Zeichen für Frieden und Völkerverständigung. Foto: Imago/newspix

Osnabrück. Papst Franziskus besucht Auschwitz. Und statt großer Worte wählt er stille, demütige Gesten und setzt auf die Kraft der Bilder. Ein starkes Zeichen für Liebe, Frieden und Völkerverständigung. Ein Auftritt, der guttut in diesen hasserfüllten Zeiten.

Papst Franziskus ist nicht der erste Papst, der Auschwitz besucht, Inbegriff für die nationalsozialistische Judenvernichtung. Doch er ist das erste Oberhaupt der katholischen Kirche, das persönlich keinen Bezug zum Zweiten Weltkrieg hat. Bei Kriegsende war Franziskus acht Jahre alt und lebte in seiner Heimatstadt Buenos Aires, fern der Massenmorde, die die Nazis verübten. Vielleicht befähigt ihn gerade diese Distanz – zum Tätervolk wie auch zu den Opfern – zu diesen großen Gesten, die er nun in Auschwitz zeigte. Statt Reden zu halten wie seine Vorgänger, verharrte er in stillem Gebet. Das, was er an diesem Ort des millionenfachen Todes auszudrücken hatte, braucht auch keine großen Worte. Dass er den Galgen geküsst hat, an dem Zahllose sterben mussten, war Zeichen genug.

Mit seiner Geste setzte er Rassismus, Krieg und Mord seine ganze Liebe entgegen. Der Kuss als universelles Zeichen für Liebe und Frieden wirkt umso stärker an diesem Ort der Vernichtung. Dass Franziskus, sonst nie um deutliche Worte verlegen, gerade in Auschwitz still blieb, ließ seine Botschaft noch stärker wirken. Franziskus‘ Besuch in Auschwitz war ein gutes, notwendiges Zeichen in unruhigen Zeiten.

Denn heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, ist die Welt beileibe keine friedliche, im Gegenteil. Und auch wenn Deutschland aktuell in keinen Krieg mehr direkt verwickelt ist, bricht sich auch hierzulande der Hass Bahn. Er manifestiert sich in Terror, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt, Mord. Wie wohltuend und tröstlich wirkt da der stille, demütige und ernste Papst in Auschwitz. Ihm gelingt es, der aufgeheizten Debatte um Terrorgefahr und Flüchtlinge einen kurzen Moment der Ruhe entgegen zu setzen. Wie schön wäre es, wenn auch seine Botschaft ankommen würde.

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