Kommentar 75 Jahre nach Auschwitz: Sprecht mit den Zeitzeugen!

Meinung – Stefanie Witte | 27.01.2020, 18:18 Uhr

75 Jahre sind seit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vergangen. Überlebende des Holocaust, die aus dieser Zeit berichten können, wird es schon bald nicht mehr geben. Doch es gibt andere Möglichkeiten, eindrücklich zu erinnern. Ein Kommentar.

Ausgerechnet am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz lässt sich eines nicht leugnen: Die Erinnerung an den zivilisatorischen Bruch schwindet. Die Lehren der Geschichte verblassen. Die Betroffenheit lässt nach. 75 Jahre nach Auschwitz stellen Schüler in Gedenkstätten nicht nur kritische Fragen, sondern zweifeln historische Fakten an, relativieren. Im Bundestag sitzt mit der AfD eine Partei, die eine geschichtspolitische Wende fordert und dafür in der Bevölkerung zu viel Applaus bekommt.

Was tun? Die Forderung nach Pflichtbesuchen für Schüler in Gedenkstätten wird lauter. Aber erfolgversprechender als die schlimmstenfalls unvorbereitete Konfrontation mit Ruinen und Wiesen, unter denen Tausende Tote liegen, sind Begegnungen mit Menschen. Zeitzeugen wird es bald nicht mehr geben.

Aber es gibt andere Möglichkeiten, eindrücklich zu erinnern. Das kann ein Besuch in der nächsten Synagoge sein. Das können Erzählungen von Nachkommen sein oder derjenigen, die Überlebende kennen gelernt haben. Interviews mit Überlebenden, die aufgenommen wurden, vielleicht sogar interaktiv. Auch der Besuch in einer Gedenkstätte kann helfen.

Ein junger Mensch muss nicht in Auschwitz gestanden haben, um zu verstehen, warum die Würde des Menschen unantastbar sein muss. Aber es muss jemanden geben, der es ihm erklärt.