Kairo sieht Erdogan als Risikofaktor Nur kurze Freude: Ägypten und der türkische Putschversuch

Von Jacob Wirtschafter

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Der Putschversuch in der Türkei scheiterte – sehr zum Missfallen Ägyptens. Foto: AFPDer Putschversuch in der Türkei scheiterte – sehr zum Missfallen Ägyptens. Foto: AFP

Kairo. Während des Putschversuchs in der Türkei zeigten die politischen Führungen in Ägypten und Syrien unverhohlen ihre Freude über den Aufstand des Militärs. Umso größer ist jetzt die Enttäuschung.

D ie Freude über den Militärputsch gegen den türkischen Präsidenten Recep Erdogan währte in Kairo nur kurz. Die Ägypter registrierten am Samstagmorgen die große Schlagzeile der führenden Tageszeitung von Al-Ahram: „Türkische Armee stürzt Erdogan“. Und das Massenblatt Akhbar-Al-Youm berichtete, das türkische Militär habe „die Macht übernommen, um die Demokratie und die Menschenrechte zu schützen“.

„Erdogan ist eine Gefahr“

Zwar kamen aus vielen Ländern der Welt Verurteilungen des Putschversuchs, aber in Kairo dachte man anders. Das wurde aus dem Kommentar des beliebten Fernsehmoderators Ahmed Mousa deutlich, der wohl den Standpunkt der Regierung wiedergab, als er sagte: „Dass Erdogan an der Macht bleibt, bedeutet eine große Gefahr für den Mittleren Osten und die gesamte Welt.“ Außerdem sei das kein Putsch gewesen, sondern eine „militärische Revolution“, befand Mousa. Die ägyptische Führung ist empört darüber, dass Erdogan auch nach der Absetzung des Präsidenten Mohamed Morsi, dem Führer der radikalen Moslembruderschaft, diesen weiter unterstützte. Morsi war vor drei Jahren von General Abdel Fatah al-Sisi gestürzt worden, der inzwischen durch Wahlen als Präsident bestätigt worden ist.

Ankara mahnt Demokratie in Kairo an

Seit dem Sturz Morsis 2013 liefern sich Ankara und Kairo regelmäßig einen verbalen Schlagabtausch und stellen gegenseitig die demokratische Legitimation der jeweils anderen Regierung in Frage. Erst am vergangenen Dienstag forderte der stellvertretende türkische Außenminister Numan Kurtulmus, Ägypten müsse „freie Wahlen mit allen Parteien halten und demokratische Reformen durchführen.“ Nur dann sei eine Normalisierung der Beziehungen möglich. Der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums Ahmed Abu Zeid betonte, dass die Ägypter ihren Staatschef in freien demokratischen Wahlen bestimmt hätten.

Gegensätze in Syrien

Auch in Syrien wird Erdogan abgelehnt, weil er die radikalen Dschihadisten unterstützt, die gegen die Regierung von Präsident Baschir al-Assad kämpfen. Trotz der Spannungen mit Ankara nahm die Regierung in Damaskus offiziell nicht Stellung zu dem Putschversuch im Nachbarland. In jenen Bevölkerungsteilen, die auf Seite Assads stehen, herrschte allerdings Jubel über die Nachrichten vom beginnenden Putsch in Istanbul und Ankara.

Freudenschüsse waren in einigen Vierteln von Damaskus die ganze Nacht zum Samstag über zu hören. In der Küstenstadt Latakia wurde sogar ein Feuerwerk veranstaltet. Syrische Oppositionsgruppen in Istanbul jubelten dagegen erst bei der Nachricht über das Scheitern des Putschversuchs. Erdogan hat schließlich die syrischen Oppositionskräfte gegen Assad mit Waffen versorgt. Und er bot den 2,7 Millionen in die Türkei geflohenen Syrern sogar die Staatsbürgerschaft an. „Die Syrische Koalition, als die legitimen Vertreter des syrischen Volkes, gratuliert ihren türkischen Brüdern und Schwestern für die mutige Zerschlagung des Putsches“, erklärte Sarah Karkour, Sprecherin dieser Anti-Assad-Gruppe.

Katar und Hamas für Erdogan

Das Emirat Katar, das islamistische Parteien und Gruppen im gesamten Mittleren Osten finanziert und die radikalislamistische, palästinensische Hamas verurteilten den Putschversuch. In dem von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifen wurden nach dem Ende des Putschversuchs sogar Siegesparaden abgehalten. Katars Herrscher, Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani, gratulierte Erdogan am Samstag telefonisch zu seinem Sieg.

In Israel war man mit Reaktionen zurückhaltend. Soeben erst sind Verhandlungen mit Ankara geführt worden, um die Spannungen zwischen beiden Ländern beizulegen. Das türkische Parlament soll über das Ergebnis in dieser Woche abstimmen – und muss das in einem in Teilen zerstörten Parlamentsgebäude tun.


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