Mal große Bühne, mal Provinz Wulffs langer Weg zurück

Von Burkhard Ewert


Osnabrück. Deutschland sucht einen neuen Bundespräsidenten. Einer wird es nicht werden: Christian Wulff. Trotzdem erarbeitet er sich hartnäckig wieder Anerkennung. Wie geht es Joachim Gaucks Vorgänger, dessen dramatischer Rücktritt vor fünf Jahren seinen Anfang nahm?

Die Scheinwerfer blenden ihn, als Christian Wulff von der Bühne aus in die ersten Reihen blinzelt und guckt, ob er jemanden kennt. Vor einigen hundert Zuhörern in der alten Umkleidehalle des Weltkulturerbes Rammelsberg spricht er in Goslar über Islam und Zuwanderung, Medien und Politik. Neben ihm sitzt Julia Engelmann, Poetin („Eines Tages, Baby“) und eine Art Muse für Wulff, die ihm mit ihren Texten in harten Zeiten Freude bereitet und Mut gemacht hat. Beide schickten sich ihre Bücher, heute treffen sie sich das erste Mal und diskutieren miteinander.

Tiefes Misstrauen

Der Medienauftrieb ist beachtlich. Fernsehen, überregionale Zeitungen, Radio, Nachrichtenagenturen. Goslars Bürgermeister ist hoch erfreut, Wulff bedingt. Er suche lieber den direkten Kontakt mit dem Bürger, erzählt der frühere Bundes- und Ministerpräsident und geht mit Journalisten hart ins Gericht. Er hat nichts davon vergessen, was zu seinem Rücktritt Anfang 2012 führte. Das Misstrauen sitzt tief.

Wulff überzeugt. Er bietet eine passende Mischung aus Analyse, Appell, Anekdoten. Zu Beginn ertönt im alten Bergwerk hier und da noch spöttisches Schnauben. Am Ende hat der Christdemokrat das Publikum hinter sich. Kritik? Keine. Stattdessen Beifall, die Menschen stehen Spalier, lassen ihn kaum zum Ausgang gelangen. Engelmann, mit neun Millionen Youtube-Klicks und ungezählten Fernsehauftritten doch auch so etwas wie ein Star, gerät zur dekorativen Nebenfigur, die Wulff als Förderer von Jugend und Kultur in Szene setzt.

Wieder souverän

Seine Auftritte geraten wieder souverän, im Rücken hat er den Freispruch vom Verdacht der Vorteilsnahme: Wieso wird das nichts mit einem Comeback? In Osnabrück, Wulffs Heimatstadt, verbrannte sich der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Stadtrat die Finger, als er nach der gerichtlich bestätigten Unschuld wieder von Ehrenbürgerschaft sprach. Es lag nicht nur daran, dass er das zu früh tat. Auch unter wohlwollenden Wegbegleitern Wulffs heißt es, so bitter sein Sturz war, so belastend sei seine stets fordernde und pingelige Art. Er gewinnt Köpfe, keine Herzen. Kaum jemand also stützte ihn damals in der Krise; wenige nur ziehen in Betracht, ihm jetzt beim Wiederaufstieg zu helfen – geschweige denn führen sie ihn, Joachim Gaucks Vorgänger, nunmehr geläutert auch als dessen Nachfolger ins Feld.

Dieser Anruf wird nicht kommen. Wohin führt Wulffs Weg dann? UN? EU? Ein wichtiger Botschafterposten? Weltwirtschaftsforum? Alles möglich, aber alles wäre vermutlich nach wie vor mit beträchtlicher Missgunst verbunden, woran keinem, ihn eingeschlossen, gelegen sein dürfte.

Nun muss er warten

Die meiste Wirkung kann Wulff daher bis auf weiteres als Privatmann entfalten. Spüren lässt sich das auch in der niedersächsischen CDU. Ihr stand er jahrelang vor. Sie sollte seine Machtbasis sein. Allerdings heißt es an führender Stelle über Wulff, es brauche mehrere Dinge, um ein Amt zu erlangen und erfolgreich auszuüben: persönliche Größe, eine verbindende und verbindliche Art, ein Netzwerk, das sich Vorteile von einem verspricht, Akzeptanz in der Öffentlichkeit und zuletzt die richtige Kombination von Themen und Zeitpunkt. Unausgesprochen bleibt, dass das Kurzzeit-Staatsoberhaupt über mehr als eines davon nicht verfügt.

Was sagt er selbst? Natürlich nichts. Jede Andeutung, das weiß der Profi, kann das zarte Pflänzchen der zuletzt wieder erworbenen Anerkennung verdorren lassen. Selbstbeherrschung ist anzeigt. Wulff hat seine Bereitschaft für neue Würden lanciert, nun muss er warten – vielleicht für immer.

Kann er das? Wulff versucht es. Wenn er in Osnabrück ist, dann oft ohne großen Bahnhof. Mit unauffälliger Entourage geht er essen in der Altstadt, im Restaurant Walhalla oder beim Edel-Griechen im Heger Tor. Er ist sich nicht zu schade für Rollen als Spargel-Botschafter oder als Lobredner für eine Löwen-Anlage im Zoo. Er steht felsenfest zu seiner lebenslustigen zweiten Frau, die ein fragwürdiges Buch über ihre Trennung und gemeinsame Zeit schrieb und nach wie vor mit mildem Spott auf ihn blickt, der doch mit einem Aktenkoffer schon immer mehr anzufangen gewusst habe als mit einem Fußball.

Wohlwollende Medien

Gleichzeitig kann Wulff beobachten, dass in „Bild“ und „Welt“, „Süddeutscher Zeitung“ und selbst in den früher in Hannover seinem Empfinden nach notorisch auf ihn herabblickenden Madsack-Medien wieder ein neutraler, oft offen wohlwollender Ton Einzug hält - so etwa unisono nach seinem starken Auftritt in Goslar.

Wulff abzuschreiben wäre deshalb zu früh. Dafür hat er auch persönlich zu sehr gewonnen in der Krise der vergangenen Jahre. Sein Aufstieg und Fall geben ihm eine menschliche Seite - wenn er das zulässt. Wenn er Schwäche erlaubt. Wenn er gelassen bleibt. Wenn er Größe lernt und gute Berater hat, und wenn Angela Merkel ihm erstens gewogen bleibt und zweitens ihren Einfluss behält.

Freigeist geworden

Politisch ist der Jurist zu einem glaubwürdigen Freigeist gereift. Mit seinen Themen, denen von jetzt und denen von früher, kann Wulff echte Akzente setzen. Da agiert er regelrecht visionär. Früh und deutlich kritisierte er als Bundespräsident das Finanzgebaren von Banken wie Staaten. Mit seiner Patchwork-Familie verkörperte er ein modernes, offenes Deutschland. Im kleinen Kreis setzt er sich für eine Aussöhnung mit Russland ein, sorgt sich auf einer Linie mit Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wegen einer Renaissance des militaristischen Denkens und neu keimenden Nationalstolzes. Über allem steht sein Islam-Satz, der ihm eine bis heute währende Anerkennung unter Muslimen weltweit verschafft hat.

Das alles hat Format. Und es macht ihn stolz, wenn er als Staatsmann unterwegs sein kann, wenn er die Bundesrepublik bei offiziellen Anlässen in Saudi Arabien vertritt, demnächst in Kanada zu Gast ist, neulich eine Laudatio auf UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hielt oder mit seinem früheren türkischen Präsidentenkollegen Abdullah Gül auf der internationalen Bühne gefragt ist.

„In fast alle Länder der Welt“

Auch die Arbeit für den ehedem unbekannten Euro-Mediterran-Arabischen Länderverein (EMA), dessen Präsidentschaft er übernahm, macht ihm Freude. In der Antike, diesen Satz sagt er häufig, habe das Mittelmeer Europa und Afrikas Norden verbunden. Heute trenne es die Kontinente. Zu seinen EMA-Aufgaben zählen Delegationsreisen in die islamische Welt, Treffen mit der politischen Prominenz eingeschlossen. „Als Präsident bin ich in fast alle Länder der Welt gereist“, sagt er dann mal wenig bescheiden auf einem Wirtschaftsforum in der marokkanischen Hauptstadt Rabat, dann aber auch unverblümt dem Ministerpräsidenten Abdelilah Benkirane ins Gesicht: „Wir alle haben ein Interesse an Offenheit. Dazu gehört es zu ertragen, dass nicht alle Menschen gleich sind, das gleiche glauben, das gleiche wollen.“ Wulff mahnt, je besser es um den Status von Minderheiten in der muslimischen Welt bestellt sei, umso weniger Ängste und Ablehnung rufe der Islam in Europa hervor.

Wo ist die Gegenliebe?

Ob sein Werben erhört wird? Ein bisschen wirkt es so, als bliebe die Gegenliebe aus. Benkirane jedenfalls erwidert, er höre immer wieder, dass Europa seinem Land helfen wolle. „Aber wir bitten und betteln nicht darum. Ein Freund darf einen ab und zu anstupsen. Aber er darf ihn damit nicht zu Fall bringen“, weist er eine politische Einmischung zurück. Wenn der Marokkaner so etwas sagt, weiß er genau, dass Europas künftiges Gewicht keineswegs seinem bisherigen entsprechen wird. Die Golf-Region, China, Zentralafrika und Südostasien gewinnen für ihn rapide an Bedeutung. Europa verliert sie. Gleiches droht Wulff.

Die NOZ-Themenseite über Wulff mit allen Texten über seinen Aufstieg und Fall finden Sie hier. 


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